Sieben Jahre lang wurden zuletzt in der MotoGP ausschließlich Reifen von Bridgestone verwendet. Der Exklusivlieferant aus Japan machte in dieser Zeit gewaltige Fortschritte, was Zahlen aus der Saison 2015 belegen. Elf neue Rennrundenrekorde wurden auf Bridgestone-Reifen aufgestellt, 13 neue Pole-Rekorde und zwölf neue Bestzeiten für gesamte Renndistanzen - beeindruckende Werte. Nun hat Bridgestone die MotoGP aber verlassen und Michelin, 2008 noch der letzte verbliebene Konkurrent, übernimmt das Monopol. Dieser Wechsel des Reifenlieferanten bringt eine Vielzahl an Veränderungen für Fahrer und natürlich auch Teams mit. Das sind die wichtigsten:

Vorderreifen

Die große Schwachstelle von Michelin. Zumindest derzeit noch. Der Reifen am Vorderrad galt schon immer als große Stärke von Bridgestone, Michelin konnte hier nie mithalten. Daran hat sich vorerst nichts geändert, was für die MotoGP-Piloten doch ein kleiner Schock war. 13 Stürze passierten am ersten Testtag, allesamt waren es Rutscher über den Vorderreifen. "Wir brauchen noch viel mehr Gefühl für die Front", verlangte Aleix Espargaro, der gleich zwei Mal abgeflogen war. Für den ersten Sturz des Tages sorgte Marc Marquez, der schlussendlich aber auch die Zeitenliste anführte. Er bemängelte ebenfalls den plötzlichen Gripverlust am Vorderrad: "Wenn man mit den Bridgestone-Reifen weggerutscht ist, konnte man das Bike noch aufrichten. Bisher habe ich noch nicht verstanden, wie das mit den Michelin-Reifen geht."

Marquez verzeichnete auf Michelin direkt einen Sturz - Foto: Repsol
Marquez verzeichnete auf Michelin direkt einen SturzFoto: Repsol

Generell verlangen die Vorderreifen aus dem Hause Michelin einen anderen Fahrstil von den Piloten. Tiefes Hineinbremsen in die Kurven bei starker Schräglage, wie es in der Bridgestone-Ära möglich war, gehört nun der Vergangenheit an. "Du musst schon vor dem Umlegen in Schräglage das meiste des Bremsvorgangs abgeschlossen haben", bestätigt Jack Miller. Während viele Piloten nur von Anpassungsschwierigkeiten sprachen, sah Cal Crutchlow doch noch Schwächen der Reifen: "Wir haben hier 25 Piloten mit 25 Fahrstilen und so viele Stürze. Das kann nicht nur an den Fahrern liegen, wenn man sieht, dass es jetzt am Rennwochenende vielleicht vier oder fünf Crashes gegeben hat."

Wirklich zufrieden mit den neuen Slicks am Vorderrad zeigte sich nur ein Pilot: Andrea Iannone. Der konnte kein Problem erkennen. "Ich habe mich von Beginn an richtig gut gefühlt. Das hat mich selbst ein bisschen überrascht", schmunzelte der Ducati-Fahrer. "Bei meinem ersten Test auf Michelin im Sommer in Misano hatte ich schon ein gutes Gefühl, aber jetzt ist es noch viel besser. Ich bin wirklich zufrieden. Die Aussagen, dass der Michelin-Vorderreifen viel schlechter ist als der Bridgestone kann ich nicht bestätigen. Er ist nur anders."

Hinterreifen

Während die Front-Slicks kritisiert werden, wird der Hinterreifen von Michelin mit Lob überschüttet. Er ist nach einhelliger Meinung der Fahrer schon jetzt deutlich besser als der von Bridgestone und das in jeglichen Bereichen. "Das Motorrad rutscht am Kurvenausgang weniger, wir haben mehr Grip und weniger Wheelspin. Auch in den Schräglagen bietet der neue Hinterreifen mehr Haftung", freute sich Maverick Vinales. Sein Teamkollege Aleix Espargaro stimmte völlig zu: "Der Hinterreifen ist großartig. Es ist kaum Bewegung im Motorrad, man kann unglaublich stabil fahren."

Der neue Hinterreifen ermöglicht extreme Beschleunigung - Foto: Repsol
Der neue Hinterreifen ermöglicht extreme BeschleunigungFoto: Repsol

Aufwärmverhalten

Hier scheint Michelin ganze Arbeit geleistet zu haben. Die neuen Reifen scheinen deutlich schneller auf Temperatur zu kommen, als das noch bei den Bridgestone-Slicks der Fall war. Vor allem im Qualifying und den ersten Rennrunden ein großer Sicherheitsgewinn für die Piloten. "Wenn die Reifen neu sind, kann man unglaubliche Rundenzeiten fahren", bestätigt Marc Marquez, der am Dienstag schon nach wenigen Runden seine Tagesbestzeit erzielen konnte. "Es ist deutlich leichter, auf Tempo zu kommen, als es bei den Bridgestone-Reifen war."

Haltbarkeit

Die Ausdauer der neuen Slicks, vor allem der Hinterreifen, war bei vorangegangenen Testfahrten ein großes Problem. Die Reifen lösten sich teilweise nach wenigen Runden auf. Große Sorgen bei Michelin waren die Folge, doch mittlerweile scheint man die Probleme in den Griff bekommen zu haben. Extreme Auflösungserscheinungen waren nicht zu erkennen, auch wenn die Haltbarkeit relativ unterschiedlich ausfiel.

Die Honda-Werkspiloten Dani Pedrosa und Marc Marquez beklagten relativ starken Verschleiß, die Suzuki-Fahrer hingegen spulten bereits problemlos Runs ab, die länger als die 30-Runden-Renndistanz in Valencia waren. "Ich bin heute 35 Runden auf einem Satz gefahren und es hat sich immer noch gut angefühlt", verriet Aleix Espargaro.

17 Zoll und Intermediate

Neu ist auch die Größe der MotoGP-Reifen. Von 16,5 Zoll vorne und hinten in der Bridgestone-Ära wachsen die Gummis auf 17 Zoll an. Keine allzu große Veränderung für Fahrer und Techniker, Anpassungen im Bereich der Bremsen etwa sind natürlich dennoch nötig. "Wir werden auch die Gewichtsverteilung etwas verändern müssen", vermutet Valentino Rossi.

Eine weitere Neuerung, die in Valencia aufgrund des herrlichen Wetters aber noch nicht zum Einsatz kommen wird, sind Intermediates. Erstmals werden die MotoGP-Piloten also die Chance haben, bei gemischten oder sich ändernden Verhältnissen einen Mittelweg zwischen Trocken- und Regenreifen zu gehen.