Noch immer Bangt die Formel-1-Welt um die Gesundheit von Jules Bianchi. Mit dem tragischen Unfall kommen nicht nur Fragen über den Gesundheitszustand des 25-Jährigen auf. Auch zum Unfallhergang und den genauen Umstände gibt es Unklarheiten. Hätte das Rennen schon früher abgebrochen werden müssen oder hätte man es erst gar nicht starten dürfen? Wurden tatsächlich - wie von der FIA angegeben- gelbe Flaggen geschwenkt? Motorsport-Magazin.com hat Antworten.

Am Unfallort wird Grün geschwenkt - Foto: Youtube
Am Unfallort wird Grün geschwenktFoto: Youtube

Ein Video des Unfalls sorgt für großes Echo. Darauf zu sehen ist nicht nur der Unfallhergang, sondern auch ein Streckenposten, der die grüne Flagge schwenkt. Dabei hatte die FIA in ihrem ersten Statement bekräftigt, dass an der Unfallstelle doppelt Gelb geschwenkt wurde. Doppelt Gelb bedeutet, dass die Piloten die Stelle mit noch größerer Vorsicht durchfahren müssen als bei einer einfachen Gelb-Phase, weil sich Menschen im Gefahrenbereich befinden.

Bei jedem Rennen gibt es ein Protokoll über die Meldungen der Rennleitung. Darin wird genau aufgeführt, wann von der Rennleitung welche Anweisungen ausgegeben werden. Alle organisatorisch relevanten Daten kommen zuerst von der Rennleitung. Sie bestimmt, wann gestartet wird, wann das Safety-Car kommt, wann einem Piloten blaue Flaggen geschwenkt werden und so weiter.

Die Vorgeschichte: Gegen Runde 38 werden die Bedingungen schlechter, der Regen nimmt zu. Sebastian Vettel verliert seinen Red Bull und rutscht in Kurve 5 von der Strecke. Der Weltmeister kann einen Einschlag gerade noch so verhindern. In Runde 39 wechselt Marcus Ericcson als erster Pilot wieder auf Regenreifen. Eine Runde später meldet Hamilton über Funk, dass der Regen stärker wird. Die Rennleitung reagiert, deaktiviert in Runde 41 um 16:44 Uhr DRS. Nach Ericsson wechseln weitere Piloten von Intermediates auf Full-Wets.

Adrian Sutil liegt zu diesem Zeitpunkt auf Platz 18. Direkt vor ihm fährt Bianchi auf Position 17. Die beiden trennt weniger als eine Sekunde, beide sind noch auf Intermediates unterwegs. In Runde 42 verliert Adrian Sutil sein Auto in Kurve 7. Bei der Rundenzahl kursieren unterschiedliche Angaben, weil Sutil zu dieser Zeit eine Runde Rückstand auf den Führenden hat. Der Sauber-Pilot fliegt also in seiner 41. Runde ab. Die Rennleitung reagiert sofort, zeigt in den Streckenabschnitten 7 und 8 gelbe Flaggen.

Der betroffene Abschnitt im Detail - Foto: FIA
Der betroffene Abschnitt im DetailFoto: FIA

Legende:
Schwarz: Sektor
Blau: Kurvennummer
Rot: Marshal-Posten
Rot auf gelb: Positionen der LED-Anzeigen

Hintergrund: Für die Zeitnahme ist die Strecke in lediglich drei Sektoren eingeteilt. Für die Rennleitung gibt es aber zusätzliche Abschnitte. Die offensichtlichste Fein-Gliederung sind die Kurven. Offiziell gibt es davon 18 in Suzuka. Zusätzlich gibt es aber noch zwei weitere Orientierungshilfen.

Auf der gesamten Strecke sind Marschals verteilt. Diese stehen nicht beliebig irgendwo am Streckenrand, sondern an festen Positionen. In Suzuka gibt es davon 31 verschiedene. Zusätzlich zu den Marschals gibt es noch 20 LED-Signalleuchten, die den Fahrern Flaggensignale angeben. Die Leuchtsignale werden direkt von der Rennleitung angesteuert, Änderungen genauestens protokolliert.

UhrzeitMitteilung der Rennleitung
16:47Gelb im Streckenabschnitt 8
16:47Gelb im Streckenabschnitt 7
16:47Auto 99 (Sutil) steht im Streckenabschnitt 7
16:47Doppel-Gelb im Streckenabschnitt 7
16:47Doppel-Gelb im Streckenabschnitt 8
16:49 Auto 17 (Bianchi) steht im Streckenabschnitt 7
16:49Safety-Car geht auf die Strecke
16:54Krankenwagen in Kurve 15 auf der Strecke
16:56Rote Flagge
16:59Rennen wird nicht mehr gestartet

Der Bianchi-Unfall: Nach Sutils Einschlag zeigen die Signalleuchten 7 und 8 gelb. Der havarierte Sauber steht wenige Meter hinter Signalleuchte 8, direkt unter dem Marschal-Posten 12. Als Sutil das Auto verlässt und das Bergungsfahrzeug ausrückt, wird auf den Signalleuchten 7 und 8 doppelt Gelb angezeigt, ein gelbes Blinklicht ist zu sehen.

Genau eine Runde nach dem Sutil-Unfall verliert Jules Bianchi die Kontrolle über seinen Marussia und fliegt ebenfalls in Kurve 7 ab. Zu diesem Zeitpunkt blinken die LED-Signale vor der Unfallstelle gelb.

Direkt am Unfallort wird Grün geschwenkt - Foto: Youtube/FIA
Direkt am Unfallort wird Grün geschwenktFoto: Youtube/FIA

Auf dem Unfallvideo ist allerdings eindeutig zu sehen, dass ein Marschal direkt an der Unfallstelle die grüne Flagge schwenkt. Es ist zweifelsfrei zu erkennen, dass es sich um einen Streckenposten am Marshal-Posten 12 (M12) handelt. Nicht bekannt hingegen ist, welche Flagge zu diesem Zeitpunkt am Marshal-Posten 11 geschwenkt wird. Unklar ist auch, ob Flag-Marshall 12 die Anweisung erhielt, Grün zu schwenken, oder ob er eigenmächtig die Strecke an dieser Stelle wieder freigegeben hat.

Im Normalfall schwenkt der erste Flag-Marshal nach der Unfallstelle wieder die grüne Flagge. Denkbar ist, dass am Marshal-Posten 12 die grüne Flagge um einen Posten zu früh geschwenkt, an MP11 allerdings noch doppelt Gelb gezeigt wurde. Für die Fahrer sind Leuchtsignale deutlich besser sichtbar als Fahnen - speziell bei schlechten Sichtverhältnissen, wie zu dieser Zeit herrschten.

Zudem hat Bianchi bereits vor M12 die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren, weil er in den Unfallort hineinrutscht. Sollte der Franzose die grüne Flagge des Flag-Marshal 12 tatsächlich gesehen haben, muss er auch das Bergungsfahrzeug und die Personen in der Auslaufzone gesehen haben, weil sie deutlich besser sichtbar waren, als die Fahne.

Die LED-Anzeigen blinkten gelb - Foto: Sutton
Die LED-Anzeigen blinkten gelbFoto: Sutton

Als wahrscheinlich gilt, dass Bianchi sein Tempo trotz eindeutiger Warnung nicht merklich reduziert hat - das berichten auch vereinzelt Augenzeugen. Zwar ist aus den Sektorzeiten nicht ersichtlich, dass die anderen Piloten ihr Tempo im Vergleich zur Vorrunde deutlich verringert haben, allerdings ist das bei wechselnden Witterungsbedingungen schwer zu vergleichen.

"Man sollte bei Gelbphasen vorausschauender und vorsichtiger fahren - man will aber keine Zeit verlieren. Man geht nicht wirklich viel vom Gas", gesteht Ex-Formel-1-Pilot Christian Klien. Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich die Piloten in solchen Phasen bewegen. Sie wolen nicht unnötig Zeit verlieren, dürfen allerdings auch keine Bestzeiten fahren, da die Rennleitung sonst hellhörig wird. In der nahen Vergangenheit gab es aber in der Formel 1 kaum Strafen für derlei Vergehen.

In anderen Rennserien hat man längst auf dieses Problem reagiert. In der VLN beispielsweise - die alle Rennen auf der schwer zu überwachenden Nürburgring Nordschleife austrägt - gibt es beispielsweise eine sogenannte Code-60-Zone. An der betroffenen Stelle dürfen Piloten nur noch maximal 60 Stundenkilometer fahren, die Grenze ist also klar. Somit kann ein Safety-Car-Einsatz umgangen werden. Ist ein Pilot zu schnell, droht ihm eine harte Zeitstrafe. In der Formel 1 gibt es keine klare Geschwindigkeitsgrenze, es liegt also im Ermessen der Rennstewards, ob ein Pilot zu schnell gefahren ist.

Fazit: Flag-Marshal 12 hätte zu diesem Zeitpunkt nicht die grüne Flagge schwenken dürfen. Die Frage ist, ob die Rennleitung diese Anweisung gegeben hat, oder nicht. Fraglich ist auch, welche Flagge am Marshal-Posten 11 geschwenkt wurde. Die Leuchtsignale sind aber eindeutig: sie haben vor und an der Unfallstelle gelb geblinkt, somit muss das Tempo deutlich reduziert werden. Dass die grüne Flagge am Unfallort für den Abflug verantwortlich ist, ist eher unwahrscheinlich.

Unverantwortliche Verhältnisse?

Bleibt die Frage, ob bei den gegebenen Verhältnissen überhaupt ein Rennen hätte stattfinden dürfen. Felipe Massa hatte sich bereits mehrmals während des Rennens über die Bedingungen beschwert. "Massa hat hinter dem Safety-Car gesagt, dass das Rennen gestartet werden kann. Als er im Regen dann gemerkt hat, dass es nicht gut läuft, hat er gefordert, dass es abgebrochen wird", schränkt Dr. Helmut Marko ein. "Der Fahrer ist da immer vom Rennverlauf beeinflusst."

Objektiv gesehen waren die Umstände wohl vertretbar. Für ein Regenrennen gab es insgesamt sehr wenige Zwischenfälle. Nach dem Start hinter dem Safety-Car wechselten die Piloten sogar sehr schnell auf Intermediates und hatten selbst damit keine größeren Probleme, auf der Strecke zu bleiben. Als der Regen gegen Rennende wieder stärker wurde, waren die Rundenzeiten aber noch immer ähnlich schnell wie zu Beginn des Rennens.

Die Bedingungen waren also definitiv nicht viel schlechter als beim Rennstart. "Allerdings konnte man die Pfützen wegen der einbrechenden Dunkelheit nicht mehr gut sehen", gab Adrian Sutil nach dem Rennen zu bedenken. "In der Kurve geht ein kleiner Bach runter, wenn es regnet. Es ist dann eine sehr heikle Kurve", weiß Klien. Das stehende Wasser wurde Sutil bei seinem Unfall zum Verhängnis. "Der Unfall von Bianchi war identisch", sagte Augenzeuge Sutil.

Gleichzeitig zur schlechteren Sicht hatten die Intermediate-Reifen der meisten Piloten schon einen Stint hinter sich, hatten also weniger Profil. Das gefürchtete Aquaplaning tritt also schneller ein. "Im Endeffekt ist aber der Fahrer in der Verantwortung", meint Klien.