Neue Rennautos, neue Regeln - es war absehbar, dass die Technik (aus sportlicher Sicht) ein großes Thema beim Saisonauftakt der Formel E in Saudi-Arabien sein würde. Und so sollte es auch kommen. Während es an den Gen2-Fahrzeugen mit mehr Leistung wenig auszusetzen gab, sorgte vor allem die neue Attack Mode-Regel für reichlich Diskussionsstoff. Sowohl vor, als auch nach dem Rennen.

Gefährlich, chaotisch. Diese Begriffe waren am Freitag nach der ersten Streckenbegehung aus so ziemlich jedem Team zu hören. Zum ersten Mal sahen die Fahrer und Ingenieure, wie genau die Attack Mode-Zone in Kurve 17 strukturiert war. Ihres Erachtens nach komplett falsch und ganz anders als in bei den Simulationen am heimischem Computer: die Aktivierungszone viel zu nah am Kurvenausgang und auch an der Mauer.

Die meisten Fahrer hatten große Befürchtungen, dass es im Rennen in diesem Bereich zu schweren Unfällen kommen würde, denn: Um die Aktivierungszone korrekt zu befahren, damit der Attack Mode (225 kW statt 200 kW bzw. 306 statt 272 PS im Rennen) eingesetzt werden darf, hätten die Fahrer extrem hart und vor allem früh nach dem Kurvenausgang abbremsen müssen.

Power-Übersicht: Formel E 2018/19

Session Leistung
Training/Qualifying 250 kW (340 PS)
Rennen 200 kW (272 PS)
Attack Mode 225 kW (306 PS)
Fanboost 250 kW (340 PS)

Das hätte vermutlich zu großen Verwirrungen mit dem Hintermann geführt, der nie hätte wissen können, wenn der vordere Fahrer plötzlich abrupt auf die Bremse steigt und scharf nach rechts lenkt, um die Aktivierungszone abseits der Ideallinie zu treffen.

Kein Wunder also, dass der Attack Mode das große Thema bei der Fahrerbesprechung am Freitagabend war. Seitens der FIA und der Formel E gab es jedoch zunächst eine deutliche Absage: Die Fahrer würden sich ohnehin immer bei Neuheiten beschweren und es werde definitiv keine Änderungen am ursprünglichen Layout geben.

Hier zu sehen: Fahrer müssen die Ideallinie verlassen, um den Attack Mode zu aktivieren - Foto: LAT Images
Hier zu sehen: Fahrer müssen die Ideallinie verlassen, um den Attack Mode zu aktivierenFoto: LAT Images

Änderungen nicht möglich? Falsch!

Über Nacht scheint dem einen oder anderen Verantwortlichen dann doch ein Licht aufgegangen zu sein. Um 06:20 Uhr morgens am Renntag flatterte die offizielle Nachricht herein, dass die Aktivierungszone für den Attack Mode um 23 Meter weiter in Richtung Start/Ziel - also weiter weg vom kritischen Kurvenausgang - verlegt werde. Die Sorgen der Fahrer und Teams wurden in diesem Fall offenbar erhört.

Aus technischer Sicht war es nämlich nach Informationen von Motorsport-Magazin.com kein Problem, die Aktivierungszone auf der Rennstrecke weiter nach hinten zu verlegen: die Sensoren, die die Aktivierung messen, sind an der rechten Seite der farbigen Markierungen auf der Fahrbahn angebracht.

Die Aussage, dass sich die Aktivierungszone aus technischer Sicht nicht verlegen lasse, ist falsch! Vielmehr ging es zunächst darum, mit aller Möglichkeit zu verhindern, Änderungen vorzunehmen (Werbebanden entlang der Zone, Signalübertragung mit der Race Control etc.)

Solche Diskussionen sollen in Zukunft vermieden werden, die Formel E wird aus den Geschehnissen in Riad lernen. Hier konnte die Zone jedenfalls ohne Schwierigkeiten um einige Meter nach hinten verschoben werden, um den Fahrern am Kurvenausgang von T17 mehr Luft zu verschaffen.

Zu wenig Attacke im Attack Mode?

Im Rennen war die Attack Mode-Zone dann tatsächlich keine problematische Stelle mehr, Auffahrunfälle und dergleichen blieben aus. Trotzdem sorgte der Power-Modus für weitere Kritik aus dem Fahrerfeld. Mehr oder weniger einhellige Meinung: die zusätzliche Leistung von 25 kW war auf dieser Strecke zu gering, um den gewünschten Effekt - ein Strategie-Element, das Positionswechsel fördert - zu erzielen.

Daniel Abt, der im Rennen mit der Pace seines Audis haderte und nicht über Platz acht hinauskam, zu Motorsport-Magazin.com: "Es hat sich bestätigt, dass du nicht genug Leistung hast, um damit einen klaren Angriff zu starten. Wir liften mit den neuen Autos viel weniger als in den letzten Jahren. Wenn wir jetzt genauso viel sparen müssten, dann würde die Leistung absolut ausreichen. Wenn aber einer die Türe zumacht, hast du keine Chance, zu überholen."

Windschatten-Modus statt Attack Mode

Statt der 25 Zusatz-kW wünschte sich der Audi-Werksfahrer eher einen Boost um 50 kW, was der Leistung eines Autos im Fanboost-Modus entspräche. Abt: "Man holt auf den Geraden zwar auf, aber es fühlt sich an wie ein verstärkter Windschatten. Ein größerer Unterschied wäre besser für die Show."

Um die Spannung zusätzlich anzuheizen, hatte die FIA im Vorfeld des Wochenendes bekanntgegeben, dass die genauen Abläufe für den Attack Mode erst kurz vor dem Rennstart an die Teams kommuniziert werden - um zu viele Simulationen zu verhindern und das taktische Gefühl der Fahrer in den Vordergrund zu stellen.

Der Attack Mode war eines der großen Themen beim Auftakt in Saudi-Arabien - Foto: LAT Images
Der Attack Mode war eines der großen Themen beim Auftakt in Saudi-ArabienFoto: LAT Images

Attack Mode: Nutzung kann sich ändern

Bei der Premiere in Riad mussten alle Fahrer den Attack Mode verpflichtend zweimal für 4 Minuten im Rennen einsetzen. Wer sich nicht daran hält, kassiert laut Reglement eine Durchfahrtsstrafe. Die zusätzliche Leistung in jedem Saisonrennen soll für mehrere Minuten (kann sich von Strecke zu Strecke ändern) abrufbar sein (225 kW-Modus beginnt unmittelbar nach dem Überqueren der drei Aktivierungsschleifen).

Die tatsächliche Anzahl der Aktivierungen kann ebenfalls variieren. Waren es in Riad zweimal 4 Minuten, könnten es bei anderen Rennen auch viermal 2 oder einmal 8 Minuten sein, in denen ein Fahrer den Attack Mode nutzen muss - ohne, dass es Teams und Fahrer im Vorfeld des Rennens erfahren.

Auf Nummer sicher in Riad

Um beim Saisonstart aber kein völliges Chaos (ohnehin ausreichend aufgrund des Regens vorhanden) zu provozieren, gab es offenbar zumindest Hinweise auf den Ablauf im Rennen: Einige Fahrer meinten, schon am Freitag gewusst zu haben, dass in Riad der 2x4-Modus genutzt wird.

Idee gut - Umsetzung ausbaufähig: So lautete der Tenor beim ersten von 13 Rennen in der Saison 2018/19, die am 12. Januar 2019 in Marrakesch fortgeführt wird. BMW Motorsport-Direktor Jens Marquardt zu Motorsport-Magazin.com: "Da muss man sich jetzt nach dem ersten richtigen Rennen anschauen, wo man die Schleifen am besten hinlegt. Ich bin sicher, dass die FIA das mit allen Beteiligten so hinbekommt, dass es noch besser passt und zum gewünschten Ergebnis führt."