Fast eine halbe Sekunde brummte Mercedes Red Bull im 1. Freien Training zum Frankreich GP auf. Die Dominanz währte nur kurz, wenige Stunden später waren die WM-Kontrahenten wieder eng beieinander: Max Verstappen war es, der am Nachmittag in Le Castellet die Zeitenliste anführte. Allerdings war es denkbar knapp: 0,008 Sekunden waren es, die den WM-Leader und Valtteri Bottas trennten.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Bottas fuhr seine Bestzeit schon im zweiten Umlauf des 2. Freien Trainings. Dabei hatte er noch die Medium-Reifen aufgeschnallt. Auf den Softs konnte er sich nicht verbessern. Eine Mercedes-Eigenheit, die schon öfter zu sehen war: Die Daimler-Boliden holen aus den weicheren Reifen nicht so viel Zeit wie die Konkurrenz.

Hamilton verbesserte sich - auch nach einem Fahrfehler - mit den Soft nur um eine Zehntel im Vergleich zu seinem Medium-Run. Aber das Reifen-Delta soll laut Pirelli bei 0,6 Sekunden liegen. Verstappen verbesserte sich um eine satte Sekunde. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Mercedes auf den weichsten Reifen etwas zulegen kann, wenn es darauf ankommt.

Mercedes nach Frankreich-Trainings erleichtert: Viel besser

Generell zeigte sich Mercedes nach den schwierigen Wochenenden in Monaco und Aserbaidschan erleichtert. "Ich habe ein viel besseres Gefühl als noch vor ein paar Wochen", schwärmte Valtteri Bottas. "Wir sind gut in das Wochenende gestartet, alles fühlte sich okay an und das Auto war bislang schnell. Die Balance ist gut, die Reifen funktionieren ebenfalls gut und ich habe Vertrauen ins Auto."

Der Finne darf sich auf dem Circuit Paul Ricard über ein neues Chassis freuen. Nach den unerklärlichen Problemen in Baku fährt er mit Hamiltons Auto mit der Chassisnummer 06. Ein geplanter Wechsel, wie es vom Team heißt. Der Weltmeister hingegen muss in den Bottas-Boliden mit der Chassisnummer 04 umsteigen. Und plötzlich begannen beim Briten die Wehleiden. "Etwas stimmt mit diesem Auto nicht", funkte er im Training.

Später relativierte Hamilton: "Das war heute echt schwierig, aber ich glaube, das galt für alle. Ich weiß nur nicht, ob es an der Streckenoberfläche, den Temperaturen oder diesen aufgeblasenen Reifen gelegen hat. Denn die Reifendrücke sind hier höher als je zuvor. Auf alle Fälle sind wir alle viel herumgerutscht."

Obwohl sich der siebenfache Formel-1-Weltmeister noch nicht so richtig wohl fühlte, zeigte sich auch er erleichtert: "Die Rundenzeiten sehen nicht schlecht aus und wir sind mit dabei. Das ist positiv."

Red Bull in Frankreich-Trainings wieder top

Aber auch bei Red Bull war man nach dem Freitag nicht unzufrieden. "Wir haben uns gut gesteigert", meint Verstappen. "Ich war nicht richtig glücklich im 1. Training und auch zu Beginn von FP2 noch nicht." Auf den Soft-Reifen allerdings funktioniert der RB16B plötzlich richtig gut, störendes Untersteuern war Geschichte.

Für das Qualifying ist das eine gute Nachricht, für das Rennen weniger. "Je weicher die Reifen sind, desto schlimmer fühlen sie sich an. Deshalb gehe ich davon aus, dass im Rennen am Sonntag alle auf den Hard-Reifen fahren wollen", glaubt Hamilton. Wer es in Q2 schafft, sich auf Medium zu qualifizieren, dürfte im Rennen die Soft-Reifen gar nicht anrühren. Vorteil Mercedes.

Dass Perez im 2. Freien Training abgeschlagen auf Rang zwölf landete, ist für die Bullen aber kein Weltuntergang. Am Vormittag konnte er mit Verstappen mithalten, am Nachmittag ruinierte Verkehr seine schnelle Runde. "Es sieht auf der Zeitenliste schlimmer aus, als es ist", glaubt der Baku-Sieger.

Die Longruns der Saison 2021 sind leider wenig aussagekräftig. Die Verkürzung der Trainingszeit von 90 auf 60 Minuten ist für die Longrun-Analyse am Freitag kontraproduktiv. Manche Teams konzentrieren sich am Ende von FP2 auf eine Reifenmischung, andere fahren mit beiden kurze Volltank-Tests. Das verzerrt das Bild erheblich.

Longruns auf Soft

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit
Bottas 13 5 1:38,153
Sainz 9 4 1:38,625
Gasly 13 5 1:39,210
Ricciardo 12 5 1:39,668
Norris 15 7 1:39,834
Räikkönen 13 4 1:40,037
Mazepin 14 7 1:42,027

Longruns auf Medium

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit
Bottas 13 7 1:37,464
Verstappen 17 9 1:37,825
Hamilton 16 9 1:38,100
Ricciardo 11 1 1:38,463
Perez 17 9 1:38,647
Räikkönen 12 3 1:38,829
Ocon 16 9 1:38,975
Sainz 14 3 1:38,992
Tsunoda 15 5 1:39,241
Russell 16 10 1:39,403
Vettel 17 9 1:39,413
Giovinazzi 16 7 1:39,713
Stroll 16 9 1:39,743
Schumacher 19 9 1:41,038

Longruns auf Hard

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit
Leclerc 14 7 1:38,523
Alonso 18 9 1:38,558
Latifi 16 10 1:39,895

Red Bull & Mercedes: Duell in Frankreich wieder enger

Hamilton, Verstappen und Perez probierten nur den Medium-Reifen mit vollem Tank, Bottas fuhr auch kurz auf Soft. Deshalb ist es wenig verwunderlich, dass er die Longruns auf Medium anführt: Sein Dauerlauf auf den gelben Pneus fuhr er am Ende mit leichterem Auto. Zwischen Verstappen und Hamilton ging es hingegen durchaus eng zu, mit Vorteil für den Niederländer.

Mercedes und Red Bull liegen in Frankreich auf jeden Fall deutlich näher zusammen als noch in Baku und Monaco. Das liegt einerseits sicherlich an der Streckencharakteristik. Der Circuit Paul Ricard ist nach zwei Stadtkursen wieder eine herkömmliche Rennstrecke.

Dazu gelten an diesem Wochenende strengere Regeln: Die Heckflügel müssen härtere Tests bestehen, die Reifendrücke werden deutlich strenger kontrolliert. Beide Anpassungen spielen eher Mercedes in die Karten, wo man damit rechnet, dass der Hauptkonkurrent auf die Technischen Direktiven reagieren muss. Wie groß der Einfluss ist, ist unmöglich zu sagen - abgeschlagen sind die Bullen aber nicht.

Red Bull & Mercedes klagen über Frankreich-Kerbs

Interessant übrigens, dass speziell Mercedes und Red Bull mit den aggressiven Kerbs am Ausgang von Kurve zwei Probleme hatten. Bottas beschädigte sich nach wenigen Minuten einen Frontflügel und sogar die Spurstange, Max Verstappen beließ es immerhin bei einer Frontflügelendplatte. Beide Teammanager wurden bei Rennleiter Michael Masi vorstellig, sie wollen die Kerbs entfernen lassen.

Hohe gelbe Kerbs stehen in Frankreich unter Beobachtung - Foto: LAT Images
Hohe gelbe Kerbs stehen in Frankreich unter BeobachtungFoto: LAT Images

Auch wenn Red Bulls Teammanager Jonathan Wheatley am Funk das verlorengegangene Teil aufgrund Teilemangels zurückforderte - Ersatzteile sind nicht das Problem. Red Bull und Mercedes geht es um die Budgetobergrenze. Jeder Schaden kostet Geld. Deshalb sollen die ungeliebten gelben Kerbs weg. Ob das passieren wird, ist noch unklar. Rennleiter Masi zeigte sich von der Kritik bislang unbeeindruckt.

Ferrari in Frankreich zurück in der Mittelfeld-Schlacht

In Frankreich scheinen die beiden Top-Teams übrigens wieder unter sich zu sein. Ferrari lag deutlicher zurück. Eine dritte Pole in Folge für Charles Leclerc wäre keine Überraschung, sondern eine wahre Sensation. Alpine zeigte sich dafür überraschend stark. Die Franzosen haben aber beim Heimspiel eine neue Power Unit im Heck, die schon am Freitag eingesetzt wurde. Das bringt etwas Extra-Power im Vergleich zu Ferrari und den Mercedes-Teams, die ihre neuen Triebwerke schon in Baku einbauten und am Freitag mit den alten Motoren unterwegs waren.

Das genaue Kräfteverhältnis im Mittelfeld ist noch unklar. Es scheint enger zuzugehen als noch zuletzt. Die starken Longrun-Zeiten von Daniel Ricciardo und Kimi Räikkönen auf den Medium-Reifen sind auf späte, sehr kurze Runs zurückzuführen. Sebastian Vettel und Aston Martin waren wenig beeindruckend unterwegs. Weder im Short-, noch im Longrun. Vettel klagte wie Teamkollege Lance Stroll über Untersteuern, und die Balance des AMR21 scheint noch großes Verbesserungspotential zu haben.

Fazit: Auf ein Ferrari-Gastspiel in Reihe eins brauchen sich Mercedes und Red Bull in Frankreich wohl nicht einstellen. Die Roten sind wieder ein gutes Stück weg vom Mittelfeld. Mercedes ist deutlich stärker als noch zuletzt. Die Strecke und möglicherweise auch die Technischen Direktiven kommen ihnen entgegen. Auf den Medium-Reifen ist Mercedes Favorit, und wenn man auch noch den Soft-Reifen zum Arbeiten bekommt, spricht alles für den Titelverteidiger. Fraglich ist allerdings, was mit Lewis Hamilton und Chassis 04 los ist.