Gleich doppelt protestierte Red Bull Racing am ersten Wochenende der Formel-1-Saison 2020 gegen Serien-Weltmeister Mercedes. Am Freitag richtete sich der Protest gegen Mercedes’ revolutionäres DAS-System, kaum waren die ersten Trainings zum Österreich GP gefahren. Nur zwei Tage später, noch kurz vor dem Rennen in Spielberg, ließ Red Bull mit neuen Beweisen einen Freispruch Lewis Hamiltons für ein Vergehen im Qualifying neu aufrollen.

Die Resultate fielen unterschiedlich aus. Den DAS-Protest schmetterten die Stewards ab, die Revision des Gelbvergehens hingegen führte tatsächlich zu einer Strafe. Hamilton musste in der Startaufstellung von P2 auf P5 zurück, damit hatte Red Bull nicht nur dem Weltmeister ein Bein gestellt, sondern auch den eigenen Piloten Max Verstappen in die erste Startreihe befördert.

Red Bull will's wissen: Kampfansagen & Nadelstiche

Dass das Rennen am Ende in einer Nullnummer per Doppelausfall für die Bullen endete, ist da umso bitterer. Es täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass es Red Bull 2020 wissen will, sich bereit für den Kampf gegen Mercedes sieht - und dafür jeden Nadelstich setzen wird sowie jedes Mittel nutzen wird, das die Trickkiste so hergibt.

„Wir kommen besser vorbereit als jemals zuvor in der Hybrid-Ära in dieses Jahr. Das würde uns zurück zu 2013 bringen ...“, deutete Red Bulls Teamchef Christian Horner bereits am Freitag in Spielberg die Absichten für 2020 an. 2013 war immerhin das letzte und dominanteste Jahr von vier Red-Bull-Titeln in Serie. Das Trainingsergebnis spiegelte da allerdings noch keine Kampfbereitschaft mit Mercedes.

Protest gegen Mercedes' DAS gescheitert: Red Bull stichelt weiter

Dafür zeigte sich Red Bull auf der politischen Bühne. Mit dem Protest gegen DAS. Wenngleich abgeschmettert, war damit klar: Red Bull macht ernst, auf allen Ebenen. Dass man mit dem Urteil nicht d’accord geht, machte Horner am Sonntag nach dem Rennen erneut deutlich. „Heute wurde es im Rennen auch benutzt. Die Fahrer wurden instruiert es zu benutzen, um die Reifentemperatur zu kontrollieren. Ist das Lenken? Wie auch immer. Es ist für legal erklärt worden“, sagte der Brite. Weiter gegen die Entscheidung vorgehen will Red Bull allerdings nichts.

Toto Wolff und Christian Horner - der Kampf Mercedes vs. Red Bull wird nicht nur auf der Strecke ausgetragen - Foto: LAT Images
Toto Wolff und Christian Horner - der Kampf Mercedes vs. Red Bull wird nicht nur auf der Strecke ausgetragenFoto: LAT Images

Für Mercedes war Red Bulls Verhalten in dieser Causa ohnehin korrekt. Toto Wolff gewann dem Protest sogar etwas Gutes ab. „Das war für mich Fairplay“, sagte der Motorsportchef. Dabei ging es Wolff um das Timing des Protests. So war eine ewige Unklarheit, ob relevante Rennergebnisse Bestand haben können, verhindert.

Toto Wolff: Erster Protest Fairplay, der zweite ...

Anders denkt Wolff dagegen über Protest Nummer zwei. Die Wiedervorlage der Ermittlungen gegen Lewis Hamlilton im Qualifying. „Das war es nicht, nicht am Sonntag“, so Wolff erneut über den Fairplay-Charakter dieses Schachzugs der Konkurrenz. „Aber gut, wenn du eine Klarstellung willst, dann kannst du es machen. Das erlauben die Regeln und diesen Kinnhaken musst du hinnehmen.“ Für Wolff steht damit jedoch ganz klar fest: „Der Fehdehandschuh ist geworfen.“

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Angesichts mancher Kommentare aus dem Red-Bull-Lager handelt es sich dabei um keine allzu übertriebene Darstellung. Motorsportberater Dr. Helmut Marko setzte etwa schon am Samstag einen klaren Nadelstich in Richtung Mercedes. "Das war eins zu eins der Max von Mexiko. Und dort hat Hamilton gesagt, wie gefährlich das war", erinnerte Marko bei Motorsport-Magazin.com da mit Blick auf das Gelbvergehen des Briten.

Dr. Helmut Marko: Klare Kante bei Hamilton-Crash & Gelbvergehen

Mehr davon? Gab es am Sonntag nach dem Rennen. Während Lewis Hamilton und Toto Wolff eine Zeitstrafe von fünf Sekunden gegen Hamilton für das Verursachen einer Kollision mit dem Red Bull von Alexander Albon für überzogen einstuften, sprach Marko vom genauen Gegenteil. "Wenn jemand so offensichtlich schuldig ist und dann nur eine Zeitstrafe von fünf Sekunden kriegt und dadurch auch noch in den Punkten bleibt, dann ist das einfach nicht gerecht", sagte Marko im ORF. "Ob er jetzt Zweiter oder Vierter wird, wo ist da der Unterschied? Unser Rennen hat er aber komplett ruiniert." Das sei schon in Brasilien 2019 so gewesen.

Auch der betroffene Fahrer selbst stimmte mit ein. Vor allem am Boxenfunk, im Eifer des Gefechts zwar, und trotzdem." "Der Typ ist so ein schlechter Verlierer!", fluchte Albon da. Später war seine Meinung noch immer klar, nur weniger scharf formuliert. "Ich muss vorsichtig sein, was ich sage", sagte Albon nach dem Rennen. "Ich glaube aber wirklich, wir hätten dieses Rennen leicht gewinnen können.“

Teamchef Horner überzeugt: Red Bull kann Mercedes fordern

Teamchef Horner mischt sich ebenfalls ein. Albon habe nichts falsch gemacht. „Man sollte eher mal Lewis fragen, was er mal anders machen sollte“, stichelte der Teamchef. „Das war eine klare Fehleinschätzung von Lewis.“ Noch dazu habe Hamilton das jetzt zweimal innerhalb von drei Rennen geschafft, so auch hier die Erinnerung an Sao Paulo. Auch Horner verwies voller Groll auf den möglichen verpassten Rennsieg.

Nicht nur für Albon wegen dieser Szene, sondern auch für Verstappen. Zumindest in Sachen Speed wäre das für Horner ohne den technischen Defekt im Bereich des Möglichen gewesen. „Er hielt die Pace von Valtteri und der bekam langsam Reifenprobleme. Wir waren heute sehr stark, was die Pace anging“, sagte Horner. „Sie heute mit Max auseinanderreißen zu können und komfortabler Zweiter zu sein, war ermutigend.“ Eine eher optimistische Einschätzung und dennoch wieder ein klarer Fingerzeig in Richtung Mercedes nach dem Motto: „Wir sind bereit!“

Horner sieht keinen Fehdehandschuh - "nicht wirklich"

Von einem Fehdehandschuh will Horner - angesprochen auf die Wolff-Aussagen - hingegen nichts wissen. „Nicht wirklich“, sagte der Brite. Zumindest in Bezug auf DAS hätte Red Bull ja von vornherein klar gemacht, dass sie das System hinterfragen würden.

Hamilton unterdessen sieht einen harten Kampf mit allem Drum und Dran zumindest unterschwellig beginnen. „Ich glaube nicht wirklich an einen negativen Kampf“, sagte der Weltmeister am Sonntag zwar. Aber: „Das ist politisch. Es ist unter dem Strich ein Machtkampf im Hintergrund zwischen ein paar Individuen, würde ich sagen.“ Dass Toto Wolff und Dr. Helmut Marko nicht unbedingt eine Männerfreundschaft pflegen, ist in der Formel 1 hinlänglich bekannt.