Auf dem anspruchsvollen Kurs von Spa bewiesen Marcel Fässler, André Lotterer und Benoît Tréluyer mit ihrem zweiten Saisonsieg und ihrem insgesamt zehnten WEC-Erfolg einmal mehr ihre Klasse. In Anwesenheit von Audi-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Ulrich Hackenberg baute Audi seinen Vorsprung in der Meisterschaft beim zweiten Lauf der Saison weiter aus: Mit sieben Punkten Vorteil waren Fässler/Lotterer/Tréluyer nach Spa gekommen, 14 Punkte beträgt nun ihr Abstand vor dem Saisonhöhepunkt, den 24 Stunden von Le Mans am 13. und 14. Juni. Von Startplatz vier hatten die Weltmeister von 2012 den Anschluss an die Spitzengruppe gehalten und sich im Verlauf der ersten Runden auf den dritten Platz verbessert. Ein Dreher von Marcel Fässler in der ersten Rennstunde warf die Startnummer "7" kurzzeitig um eine Position zurück, doch der Schweizer und seine Teamkollegen arbeiteten sich schnell wieder nach vorn.

André Lotterer übernahm in dem Hybrid-Sportwagen in der vierten Rennstunde mit Audi erstmals die Führung. Die 54.000 Fans in den Ardennen verfolgten einen spannenden Kampf um Platz eins, in dem je nach Boxenstopps die Führung wechselte. In der Endphase spitzte sich der Kampf zu: 90 Minuten vor Schluss übernahm Benoît Tréluyer Platz eins von Porsche-Pilot Marc Lieb. Dabei profitierte er nicht nur von der effizienten Kombination aus V6-TDI-Motor und Hybridantrieb e-tron quattro sowie einer neuen Aerodynamik für Le Mans, sondern auch vom geringeren Reifenverschleiß im Vergleich zur Konkurrenz. Die Ziellinie überquerte der Franzose mit 13,424 Sekunden Vorsprung. "Was für ein Rennen", freute sich Tréluyer. "Wie schon in Silverstone war es harte Arbeit bis zum Schluss, aber es hat großen Spaß gemacht und wir freuen uns schon auf Le Mans."

Anfangs war auch die Startnummer "8" gut unterwegs. Loïc Duval, der mit Lucas di Grassi und Oliver Jarvis startet, verbesserte sich zunächst bis auf Platz zwei. Ein elektrischer Fehler, der zwei Boxenstopps, den Tausch einer Fronthaube und eines Steuergeräts erforderte, warf die Mannschaft in der vierten Rennstunde um mehrere Minuten zurück. In der letzten Rennstunde musste das Team die im Zweikampf beschädigte Fronthaube erneut tauschen. Im Endspurt rutschte Oliver Jarvis ins Kiesbett. "Als positive Erkenntnis nehmen wir aus Spa mit, dass wir ein gutes Tempo zeigen konnten", sagte Loïc Duval. "Natürlich ist es schade, dass uns Probleme zurückgeworfen haben. Aber ich bleibe optimistisch, dass unsere kleine Pechsträhne in Le Mans ein Ende finden wird."

Mit einer cleveren Taktik konnte Audi Porsche niederringen - Foto: Speedpictures
Mit einer cleveren Taktik konnte Audi Porsche niederringenFoto: Speedpictures

Ein erfreuliches Ergebnis gelang dem Fahrertrio der Startnummer "9". Der Hybrid-Rennwagen war mit einer anderen Karosserie für höheren aerodynamischen Abtrieb angetreten, wie sie bereits in Silverstone im Einsatz war. Audi nutzte das Rennen in Spa für einen technischen Vergleich beider Konzepte im Hinblick auf Le Mans und die weitere Läufe in der WEC. Filipe Albuquerque und Marco Bonanomi gingen mit Teamkollege René Rast vom achten Startplatz ins Rennen. Der Deutsche feierte sein Debüt im LMP1-Rennwagen von Audi und überzeugte im Audi Sport Team Joest mit konstant guten Rundenzeiten. Als die Nummer "9" in der dritten Rennstunde ihre linke Seitenscheibe verlor, tauschte das Team beim nächsten Boxenstopp die entsprechende Tür. Trotz der kleinen Reparatur verbesserte sich die Fahrerkombination im Ziel bis auf die vierte Position. "Es war gigantisch, den Audi R18 e-tron quattro zum ersten Mal im Rennen zu fahren", sagte Rast. "Wir haben ein Ergebnis abgeliefert, mit dem ich sehr zufrieden bin. Jetzt wartet mit Le Mans die nächste große Aufgabe auf uns."

"Die WEC hat wie schon beim Saisonauftakt erneut superspannenden Sport geboten", resümierte Audi-Motorsportchef Dr. Wolfgang Ullrich. "Unsere Sieger und das gesamte Team beglückwünsche ich zu einer erstklassigen Leistung. Sie haben aus einem Langstreckenrennen einen Sprint gemacht und fehlerfrei gearbeitet. Ein großes Dankeschön auch an die beiden anderen Fahrerteams. Es tut mir leid, dass es der Nummer ‚8´ am nötigen Quäntchen Glück gemangelt hat. Unser Trio in der Nummer ‚9´ schließlich hat das Ergebnis für Audi um eine schöne Platzierung ergänzt."

Stimmen der Verantwortlichen

Albuequerque, Bonanomi und Rast lieferten einen guten Einstand ab - Foto: Speedpictures
Albuequerque, Bonanomi und Rast lieferten einen guten Einstand abFoto: Speedpictures

Dr. Wolfgang Ullrich (Audi-Motorsportchef): "Die FIA WEC entwickelt sich hervorragend. Das Rennen in Spa hat bestätigt, dass der enge Kampf von Silverstone kein Zufall war, sondern die hohe Leistungsdichte ein charakteristisches Merkmal dieser Saison ist. Marcel Fässler, André Lotterer und Benoît Tréluyer ist ein tolles Rennen gelungen. Im weltweiten Motorsport hat sich die Langstrecken-Weltmeisterschaft zu einer Serie entwickelt, die viel Beachtung und Respekt hervorruft. Ich bin davon überzeugt, dass wir auch in Le Mans einen sportlichen Wettbewerb sehen werden, der so spannend wird wie schon lange nicht mehr. Dort wollen wir einmal mehr zeigen, dass sich unsere Effizienz-Technologien durchsetzen. Nach den vielen Testkilometern und den ersten beiden Rennen der Saison fühlen wir uns gut vorbereitet auf diese Aufgaben."

Chris Reinke (Leiter LMP bei Audi Sport): "Das war ein sehr intensives Rennen, und sportlich war es genauso wertvoll wie der Auftakt in Silverstone. Die Saison 2015 entwickelt sich zu einem Krimi. Wir haben gesehen, dass Entscheidungen bis zur letzten Runde offen bleiben. Marcel Fässler, André Lotterer, Benoît Tréluyer und die gesamte Mannschaft haben starke sportliche und taktische Leistungen gezeigt. Auch unsere Startnummer ‚9‘ war gut unterwegs, hat sich mit einer tollen Leistung den vierten Platz gesichert und damit einige namhafte Konkurrenten hinter sich gelassen. René Rast ist ein guter Einstand gelungen. Unserer Startnummer ‚8‘ bleibt zu wünschen, dass das Pech vor Le Mans ein Ende hat. Lucas di Grassi, Loïc Duval und Oliver Jarvis sind unter Wert geschlagen worden."

Ralf Jüttner (Teamchef Audi Sport Team Joest): "Offenbar werden enge Zweikämpfe bis zur letzten Runde in der Saison 2015 nun zur Regel in der FIA WEC. Für unser Publikum ist es schön, und wir sind bis zum Schluss ganz schön angespannt. Das zeichnet guten Sport einfach aus. Das gesamte Team hat alles gegeben. Ein Baustein zum Erfolg war heute unser Reifenpartner Michelin. Taktisch war mit diesen Reifen auch über lange Distanzen eine exzellente Leistung möglich. Wir haben im Winter also in die richtige Richtung gearbeitet. Jetzt steht uns die größte Aufgabe des Jahres bevor, die 24 Stunden von Le Mans."