Als Teamkollegen gehen Robin Frijns und Nico Müller in der Formel E ab sofort getrennte Wege, aber der im Motorsport eher selten anzutreffenden Freundschaft der beiden Profi-Fahrer tut das keinen Abbruch. Am Samstag während des Finales in London hatte Abt-Geschäftsführer Thomas Biermaier gegenüber Motorsport-Magazin.com bestätigt, dass Frijns das Team nach einem Jahr zum Saisonende verlassen wird.

"Seine Zukunftsplanungen stimmen nicht mit unseren überein, wir bleiben aber gute Freunde", sagte Biermaier, ohne näher ins Detail gehen zu wollen. Seit dem heutigen Mittwoch ist auch offiziell klar, was gemeint gewesen sein dürfte: Frijns wurde von BMW als neuer Werksfahrer vorgestellt und soll ins LMDh-Programm für die Rückkehr in die Langstrecken-WM (WEC) und zu den 24 Stunden von Le Mans eingebunden werden. Die Äbte arbeiten unterdessen im GT3-Sport noch mit Audi und parallel Lamborghini.

Müller über Frijns-Freundschaft: "Kenne ich sonst nicht"

In der WEC wird Frijns 2024 auch auf seinen früheren DTM- und Formel-E-Teamkollegen Müller treffen, der nach seinem Abschied von Audi Ende 2022 zu Peugeot gewechselt ist. "Abseits der Strecke haben wir ein freundschaftliches Verhältnis. Das kenne ich sonst nicht und das schätze ich sehr", sagte der Schweizer in London zu Motorsport-Magazin.com. "Das wird erhalten bleiben, auch, wenn die Zusammenarbeit jetzt wegfällt."

Die Freundschaft der beiden ist kein Geheimnis. So zählte Frijns zu den Gästen bei der Hochzeit von Müller und seiner Ehefrau Viktoria im vergangenen Jahr. Von 2018 bis 2020 starteten Frijns und Müller bereits in der DTM für das damalige Audi-Werksteam Abt Sportsline, bevor sie dieses Jahr bei der Äbte-Rückkehr in die Formel E erneut die Garage teilten.

Freunde auch abseits der Strecke: Nico Müller und Robin Frijns, Foto: Audi Communications Motorsport
Freunde auch abseits der Strecke: Nico Müller und Robin Frijns, Foto: Audi Communications Motorsport

"Wenn einer den anderen bügelt, ist das für den auch nicht cool"

Müller über sein "einzigartiges Verhältnis" zum 31-jährigen Niederländer: "Intern sind wir Kontrahenten, man will sich auf einem sehr gesunden Level schlagen. Da wird sich gegenseitig angespornt und wenn einer den anderen bügelt, ist das für den auch nicht cool. Trotzdem ist da dieser gegenseitige Respekt, wo man auch mal sagen kann: 'Du hast einen guten Job gemacht, Hut ab'."

Etwa beim wahnsinnigen Regen-Qualifying von Berlin im Mai dieses Jahres, als die bis dahin chancenlosen Äbte mit ihren Mahindra-Kundenmotoren sensationell zur Doppel-Pole fuhren. Frijns setzte sich damals im Finale gegen Müller durch und bescherte dem Team mit den drei Extra-Punkten für die Pole Position die allerersten Zähler beim Comeback.

Es war eine 'Wiederauferstehung' auch für Frijns persönlich, der sich beim Saisonauftakt in Mexiko-City unglücklich mehrere Knochen in der Hand zertrümmert hatte und einige Rennen verpasste. Die Narben von der OP sind noch heute deutlich sichtbar, schränken ihn beim Rennfahren aber nicht ein.

Müller 'gewinnt' Team-Duell gegen Frijns

Im teaminternen Abt-Duell setzte sich am Ende Müller durch. Der 31-Jährige erzielte 15 Punkte und landete auf dem unbefriedigenden 19. Gesamtplatz, während sich Frijns mit sechs Zählern und P22 in der Formel-E-Tabelle begnügen musste. Das Team-Highlight bildete neben der Berlin-Doppelpole Müllers sechster Platz beim unfallträchtigen Samstagsrennen in Rom. In der Team-Meisterschaft belegten Abt und Namenssponsor Cupra den elften und damit letzten Platz.

Es war ein extrem schwieriges Comeback-Jahr für die Äbte, die 2017 mit Lucas di Grassi den Fahrer-Titel gewannen und 2018 als Audi-Werksteam in der Team-Wertung triumphierten. Der Mahindra-Antriebsstrang gilt als der schwächste im gesamten Starterfeld und darf bei der Hardware für die Saison 2024 nicht überarbeitet werden. An die aus Kostengründen für zwei Jahre homologierten Motoren darf nur bei sicherheitsrelevanten Themen Hand angelegt werden.

Motorenlieferant Mahindra - ein indischer Automobilgigant und Formel-E-Pionier der ersten Stunde - erlebte ebenfalls eine Saison zum Vergessen und belegte den vorletzten Platz. Noch heute wundern sich Experten, wie Lucas di Grassi beim Saisonstart in Mexiko aufs Podest fahren konnte. Zu diesem Zeitpunkt hatte noch keines der Teams das Gesamtpaket des neuen Gen3-Rennwagens verstanden. Mit der fortschreitenden Software-Entwicklung sahen Mahindra und Abt-Cupra erst einmal kein Land mehr. Im späteren Verlauf der Saison ließ sich dann vor allem beim Rennstall aus Kempten ein ordentlicher Performance-Fortschritt erkennen.

Kennen sich aus DTM-Zeiten: Robin Frijns und Nico Müller, Foto: Abt Sportsline
Kennen sich aus DTM-Zeiten: Robin Frijns und Nico Müller, Foto: Abt Sportsline

Müller: In harten Zeiten brauchst du guten Team-Spirit

In dieser schwierigen Zeit sorgte auch das Top-Verhältnis zwischen Müller und Frijns für einen gewissen Zusammenhalt. Davon war der zweifache DTM-Vizemeister, der im Londoner Regen-Rennen als Achter punktete, ebenfalls überzeugt: "Wenn du durch harte Zeiten gehst, braucht es einen guten Team-Spirit. Da konnten wir unseren Teil beisteuern, das hat sicherlich auch geholfen."

Frijns' Nachfolger will Abt-Cupra in den kommenden Wochen bekanntgeben. Als mögliche Kandidaten gelten Kelvin van der Linde, der als Frijns-Ersatzmann in Saudi-Arabien, Hyderabad und Kapstadt startete, oder der frühere Abt-DTM-Pilot Adrien Tambay. Der Franzose fuhr von 2012 bis 2015 für Abt-Audi in der DTM und saß dieses Jahr für das Team beim Rookie-Test in Berlin sowie dem Rookie-Training in Rom am Steuer - und ist obendrein Markenbotschafter bei Partner Cupra.

Müller vor Verbleib bei Abt - Frijns zurück zu Envision?

Müllers Zukunft in der Formel E ist offiziell noch nicht bestätigt worden, dürfte aber auch 2024 bei den Äbten bleiben. In London sagte er uns: "Grundsätzlich war das Ganze auch für Robin nicht unbedingt darauf angelegt, das nur ein Jahr lang zu machen. Das ist bei mir auch so. Im Moment ist noch nichts offiziell bestätigt und zu 100 Prozent in trockenen Tüchern. Aber wir haben hier ein Projekt begonnen, das noch lange nicht beendet ist."

Nächstes Jahr könnte Müller in anderer Rolle wieder auf Frijns in der Formel E treffen. Um den BMW-Neuzugang ranken sich hartnäckige Gerüchte über eine Rückkehr zu seinem ehemaligen Team Envision-Jaguar, das jüngst und erstmals die Team-Weltmeisterschaft gewonnen hat. Beim Jaguar-Kundenteam könnte Frijns auf Vize-Weltmeister Nick Cassidy folgen, der seinerseits vor dem Wechsel zum Jaguar-Werksteam steht. "Ich fahre nächstes Jahr in der Formel E", ließ sich Frijns zumindest entlocken.