Was kann da noch schiefgehen? Jean-Eric Vergne steuert zielgenau auf seinen zweiten Meisterschaftsgewinn in der Formel E zu. Der Techeetah-Star wäre der erste Fahrer in der fünfjährigen Geschichte der Elektro-Rennserie, der den Titel verteidigen könnte. "Das wäre der größte Triumph meiner Karriere", sagte Vergne nach seinem Sieg beim Bern ePrix am vergangenen Samstag.

Dabei wies der frühere Formel-1-Fahrer gebetsmühlenartig darauf hin, dass in der Formel E alles möglich sei und die Finals der letzten Jahre gezeigt hätten, dass man sich nie sicher sein darf. "Ich verbiete mir selbst, über so etwas nachzudenken", sagte Vergne nach seinem dritten Saisonsieg, der ihm nun die beste Ausgangslage vor dem Doubleader-Finale in New York (13./14. Juli) verschafft hat.

Nach 11 von 13 Saisonrennen hat Vergne 130 Punkte auf seinem Konto - 32 mehr als Herausforderer Lucas di Grassi, der in New York auf großes Pech auf Seiten Techeetahs angewiesen ist. Zwar hatte ein Titelkandidat vor dem Finale, bei dem traditionell zwei Rennen ausgetragen werden, noch nie zuvor so wenige Punkte angesammelt. Andererseits war der Punkte-Vorsprung auf den Zweitplatzierten nie größer gewesen.

Jean-Eric Vergne feierte in Bern seinen dritten Saisonsieg - Foto: LAT Images
Jean-Eric Vergne feierte in Bern seinen dritten SaisonsiegFoto: LAT Images

Einfache Rechnung für New York: Holt Vergne am Samstag mehr Punkte als di Grassi, ist er automatisch Meister. Di Grassi hingegen kann seine Titelchancen nach dem ersten Rennen in New York nur wahren, wenn er vor dem zweiten Rennen 4 Punkte zu Vergne aufgeholt hat.

In der Formel E kommt das aus der Formel 1 bekannte Punktesystem zum Einsatz. Zusätzlich können Fahrer Extra-Punkte im Qualifying (3 für Pole, 2 für P2, 1 für P3) sowie für die schnellste Rennrunde (1 Punkt) erzielen. Bei noch 58 offenen Punkten bedeuten die 32 Zähler Rückstand also eine Herkulesaufgabe für di Grassi.

8 Fahrer mit theoretischen Titel-Chancen

Platz Fahrer Team Punkte
1 Jean-Eric Vergne Techeetah 130
2 Lucas di Grassi Audi 98
3 Mitch Evans Jaguar 87
4 Andre Lotterer Techeetah 86
5 Antonio Felix da Costa BMW 82
6 Robin Frijns Virgin 81
7 Sebastien Buemi Nissan 76
8 Daniel Abt Audi 75

Dass di Grassi in der Lage ist, große Dinge zu bewirken, hat der Audi-Fahrer in der Vergangenheit mehrfach bewiesen. Etwa in Saison 3 (2016/17), als er nach sechs von zwölf Rennen 43 Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Sebastien Buemi hatte und trotzdem am Ende die Meisterschaft gewann. Eine enorme Aufholjagd und Buemis Fehlen beim Doubleheader in New York wegen einer WEC-Überschneidung führten damals zum Titelgewinn beim Finale in Montreal.

Di Grassi richtete nach Bern gleich eine Kampfansage in Richtung Vergne: "Der Druck liegt bei ihm. Er muss in New York abliefern. Wenn er oder das Team einen Fehler machen, werde ich da sein und mir die Punkte holen!"

Lucas di Grassi steht bei 2 Saisonsiegen, Vergne bei 3 - Foto: Audi Communications Motorsport
Lucas di Grassi steht bei 2 Saisonsiegen, Vergne bei 3Foto: Audi Communications Motorsport

Wohlwissend, dass sich Ähnliches schon beim letztjährigen Finale in New York zugetragen hatte. Vergne und Teamkollege Andre Lotterer wurden vom Qualifying zum ersten Rennen ausgeschlossen, weil sie im Qualifying mehr Energie als erlaubt benutzt hatten. Vom letzten Startplatzkämpfte sich Vergne allerdings bis auf die fünfte Position nach vorne und sicherte sich dadurch vorzeitig die Meisterschaft.

Am selben Wochenende gelang es di Grassi zumindest, in einem wahren Schlussspurt die Vize-Meisterschaft zu erringen. Vor New York hatte er 39 Punkte Rückstand auf den Zweitplatzierten Sam Bird. Durch einen Sieg und einen zweiten Platz in den Rennen verdrängte ihn di Grassi mit einem Punkt Abstand schließlich auf den dritten Gesamtplatz. Aber: Bird war damals mit einem unterlegenen Auto unterwegs, während Vergnes Techeetah aktuell als bester Rennwagen im Feld gilt.

"Es kann alles passieren, vor allem in der Formel E, da hat er Recht", lautete Vergnes direkte Antwort auf di Grassis Kampfansage. Witzig: In der Medien-Zone, wo die Fahrer im Anschluss an ein Rennen ihre Interviews geben, lauschte der Franzose direkt, was di Grassi einer Gruppe Medienvertreter zu sagen hatte. "Solange du mathematisch den Titel holen kannst, ist alles offen. Lucas ist ein guter Fahrer und er hat ein gutes Auto."

In Bern erlebte di Grassi jedoch einen Rückschlag, als er nach einem schwachen Qualifying von Platz 19 starten musste und mit dem neunten Rang im Rennen nur Schadensbegrenzung betreiben konnte. Dass er trotzdem erster Herausforderer für Vergne ist, liegt jedoch tatsächlich am Schlamassel von Andre Lotterer.

Eigentlich hätte der Techeetah-Fahrer als Gesamtzweiter nach New York reisen sollen. Eine nachträgliche Strafe in Bern kostete ihn jedoch den vierten Platz und die damit verbundenen zwölf Meisterschaftspunkte. Als Gesamtvierter mit 86 Punkten - einen Zähler hinter dem Dritten Mitch Evans (Jaguar / 87 Punkte) - hat Lotterer in seinem zweiten Formel-E-Jahr nur noch minimale Titelchancen.