Formel E, Unfall in Bern: Lucas di Grassi wütet in Boxengasse: (01:17 Min.)

Es waren wilde Szenen kurz nach dem Rennabbruch beim Formel-E-Rennen in Bern am vergangenen Samstag. Die beiden mitunter heißblütigen Brasilianer Lucas di Grassi und Felipe Massa beschwerten sich in der provisorischen Boxengasse lautstark beim stellvertretenden FIA-Renndirektor Niels Wittich. Auch BMW-Pilot Antonio Felix da Costa und Jerome D'Ambrosio waren mit von der Partie. Im Fußball würde man sagen: Rudelbildung.

Vor allem di Grassi polterte drauf los, der Audi-Pilot fühlte sich unfair behandelt, weil das Rennen nach dem Abbruch in Folge der Massen-Karambolage in der ursprünglichen Startreihenfolge wieder aufgenommen wurde. Ärgerlich für di Grassi, der sich bis zum Schwenken der roten Flaggen von der 19. bis auf die 8. Position nach vorne gearbeitet hatte. Ebenso für Massa, der von Startplatz zwölf kurzzeitig sogar den vierten Rang belegte.

"Die haben versucht, einen Vorteil zu bekommen", meinte Mahindra-Fahrer Pascal Wehrlein zu Motorsport-Magazin.com. "Das würde jeder so machen." In der Hitze des Gefechts hatten sich die Fahrer offenbar nicht ganz im Griff. Hätten sie ein wenig besonnener reagiert, wäre ihnen sicherlich eingefallen, dass diese Situation einen Tag zuvor im Fahrer-Briefing diskutiert wurde...

In der Hitze der Boxengasse

Di Grassi ("Das war komplett falsch!") und Massa ("So etwa habe ich noch nie erlebt!") waren der Meinung, dass ein Großteil des Starterfeldes trotz der Karambolage in der Schikane eine Runde absolviert hätte. Hintergrund: Start- und Ziellinie waren in Bern 550 Meter voneinander entfernt und der Zielstrich wurde von einigen Fahrern bereits überquert, bevor das Rennen abgebrochen wurde.

Di Grassi konnte oder wollte nicht nachvollziehen, warum Fahrer, die seiner Ansicht nach "einen Fehler begangen" hatten, eine zweite Chance in Folge der Rückkehr zur ursprünglichen Startreihenfolge erhielten. Dass auch einige Fahrer betroffen waren, die direkt hinter dem in die Mauer geschobenen Wehrlein niemals hätten ausweichen können, sei an dieser Stelle erwähnt.

Dabei handelte die Rennleitung genau wie zuvor mit allen Beteiligten besprochen, denn: In Bern mussten die Fahrer zwei Mal über den Zielstrich fahren, um die erste Runde vollends zu absolvieren. Der Weg von der Startbox hin zur 550 Meter weiter entfernten Ziellinie wird wie bei einigen anderen Kursen im Formel-E-Rennkalender als eine 'Runde 0' gewertet.

Formel E in Bern: Zusammenfassung des Rennens: (03:19 Min.)

Runde 0 beim Bern ePrix

"Die erste Runde des Rennens ist komplett, wenn die Autos die Kontroll/Ziellinie zwei Mal überqueren", erklärt FIA-Rennleiter Scot Elkins auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com. "Sie hatten sie nur ein Mal überschritten und deshalb keine volle Runde absolviert. Manche Strecken haben eine Runde 0, andere nicht. In Bern war das der Fall."

Im Sportlichen Reglement der Formel E steht, dass die Startreihenfolge anhand des letzten Punktes, an dem die Position aller Autos bestimmt werden kann, ermittelt wird. Tatsächlich handelte es sich dabei in Bern aber nicht um die Ziellinie, wie einige Personen vermuteten.

Rennleiter Elkins klärt auf: "In Bern hatten wir vor dem Zwischenfall in Kurve 12 (die Schikane; d. Red.) nur eine nicht veröffentlichte 'TV'-Timeline, die sehr nahe an der Startbox lag. Wir überprüften die Reihenfolge bei der 'TV'-Timeline und konnten anhand dieser Daten nicht die Position aller Autos ermitteln. Deshalb - und weil faktisch Runde 1 nicht absolviert wurde - wurde bestimmt, beim Re-Start die ursprüngliche Startreihenfolge zu nutzen."

Dass einige Autos die Unfallstelle vermeiden konnten, stattdessen auf der Innenseite der Schikane durchschlüpften und die Ziellinie überquerten, spielte bei der Entscheidungsfindung der Rennkommissare deshalb keine Rolle. Ebenso wenig, dass sich die 'Schlupfloch-Fahrer' ans Reglement hielten und ihre Autos nach dem Abkürzen in der Schikane zunächst stoppten, bevor sie die Fahrt fortsetzten.

Keine Einsicht

Mit etwas Abstand räumte di Grassi noch in Bern ein, dass die Rennleitung wohl anhand des Reglements geurteilt habe. Zufrieden war der im Rennen Neuntplatzierte trotzdem nicht: "Alles zurückzusetzen, war für mich die falsche Entscheidung. Nicht, weil ich so viele Positionen gewonnen hatte. Sondern weil Fahrer, die einen Fehler gemacht haben, eine zweite Chance bekamen. Das macht für mich keinen Sinn."

Auch Landsmann Massa stimmte in die Kritik ein: "Warum fahren wir überhaupt einen Start, wenn er nichts zählt? Ich bin sehr enttäuscht über diese Entscheidung. Das ist keine Entscheidung, die im besten Sinne des Sports getroffen wurde." Der Venturi-Pilot wurde beim Bern ePrix von Startplatz zwölf in Folge einer nachträglichen Zeitstrafe für Andre Lotterer (P14 statt P4) als Achter gewertet, direkt vor di Grassi.

Beide Fahrer werden beim Saisonfinale in New York am 13./14. Juli noch einmal mit den Vorfällen in der Boxengasse konfrontiert. Nach Informationen von Motorsport-Magazin.com wird es zwar keine formale Untersuchung durch den Rennleiter geben, beim nächsten Rennen aber noch einmal besprochen werden.

Kurios: Gelbe und rote Flaggen gleichzeitig an der Unfallstelle - Foto: LAT Images
Kurios: Gelbe und rote Flaggen gleichzeitig an der UnfallstelleFoto: LAT Images

Flaggen-Konfusion wird untersucht

Ebenfalls noch nicht final abgeschlossen ist die Frage, warum zum Zeitpunkt der Schikanen-Karambolage ein Streckenposten an dieser Stelle gleichzeitig rote und gelbe Flaggen schwenkte. Dieses Flaggensignal existiert nicht im Motorsport. "Das untersuchen wir noch", bestätigte Elkins auf Nachfrage.

Auch dieser Vorfall, möglicherweise ausgelöst durch einen unerfahrenen Streckenposten, dürfte zur allgemeinen Verwirrung beigetragen haben. Tatsächlich wurde den Fahrern genau 53 Sekunden nach dem Rennstart in Folge der Karambolage der zwischenzeitliche Abbruch angezeigt.