Boxenstopps bleiben in der Formel 1 nach wie vor kritisch. Seit dem Abschaffen des Nachtankens dominiert der Optimierungs-Wahn beim Reifenwechsel das Geschehen - nicht zuletzt, weil nirgendwo mehr Zeit gewonnen oder verloren werden kann als in den zwei (gut) bis drei (schlecht) Sekunden, die das Auto beim Reifenwechsel stillsteht.

Man sieht es in jedem Rennen: Zwischen den Boxenstopps kann über eine Sekunde Unterschied bestehen. Wer gibt nun auf diesem wichtigen Nebenschauplatz den Ton an? Motorsport-Magazin.com hat zu diesem Zweck 479 Stopps der Saison 2020 analysiert. Das zeigt, wie dominant Red Bull wirklich ist. Mercedes aber tut, was man muss. Und Ferrari ist in argen Problemen.

Red Bull löst sich 2020 vom Rest des Formel-1-Feldes

Teilt man die Boxenstopp-Zeiten des Jahres in Gruppen auf, ergibt sich ein deutliches Bild: Red Bull schafft mit unglaublicher Konstanz Top-Stopps unter 2,5 Sekunden. Der Großteil des Feldes bewegt sich knapp unter drei Sekunden.

Die Red-Bull-Boxencrew steht also absolut zurecht stets im Fokus. Egal welche Metrik man zurate zieht - die Mannschaft aus Milton Keynes hat sich endgültig vom Rest des Feldes gelöst. Zwar haben sie ihren eigenen Weltrekord aus dem Jahr 2019 (1,82 Sekunden) nicht schlagen können - aber bei 15 von 17 Rennen waren sie die schnellsten. Neun Stopps kamen unter die magische 2-Sekunden-Marke, die kein anderes Team 2020 durchbrechen konnte.

Vor allem hat Red Bulls Crew den Punkt erreicht, an dem sie diese Leistungen konstant abrufen können. Williams kämpfte in den vergangenen Jahren meist an der Spitze mit, dank Trainings-Equipment und mehr. 2020 waren ihre Stopps, wie die Zahlen zeigen, auch gut - aber an die Konstanz von Red Bull kamen sie nie heran. Ihr bester Stopp dauerte noch immer zwei Sekunden.

Red Bulls Teammanager Jonathan Wheatley erhält den DHL Fastest Pit Stop Award - Foto: LAT Images
Red Bulls Teammanager Jonathan Wheatley erhält den DHL Fastest Pit Stop AwardFoto: LAT Images

Red Bull rühmt sich auch hinreichend damit. Den DHL Fastest Pit Stop Award - hier werden in jedem Rennen für die 10 schnellsten Stopps Punkte vergeben - gewannen sie haushoch (555 Punkte gegen Williams' 264). Alles greift perfekt ineinander. Nicht nur das Trainings-Regime ist verantwortlich. Das Team hat auch jeden technischen Aspekt im Griff. Bis zu dem Punkt, an dem man gemeinsam mit Schmieröl-Partner ExxonMobil in einer Pressemitteilung auf eigens entwickeltes Schlagschrauber-Schmieröl verwies.

Mercedes bleibt konstant und sicher

Die 30 schnellsten Boxenstopps verteilen sich daher größtenteils auf Red Bull (25), mit einem kleinen Teil Williams (4) und einem Alfa-Romeo-Ausreißer. Wo sind die Weltmeister? Mercedes' schnellster Stopp der Saison 2020 dauerte 2,22 Sekunden.

Trotzdem kann Mercedes aber auf Konstanz verweisen. Sie sind fast in jedem Rennen unter den 10 schnellsten Stopps zu finden, und machen nur selten Fehler. Abgesehen von der zweifelhaften Ehre, den langsamsten regulären Boxenstopp der Saison abgeliefert zu haben: Als sie beim Doppelstopp von Sakhir die Reifensätze ihrer beiden Autos vertauschten und den Überblick verloren, stand Valtteri Bottas für 27,47 Sekunden.

McLaren und Ferrari sehen Nachholbedarf

Weit unten im Feld finden sich hingegen mit Ferrari und McLaren zwei große Namen. Und beide geben auch zu: Sowohl auf der technischen Seite als auch auf der Trainingsseite gibt es Probleme. McLaren kämpft schon seit dem Vorjahr dagegen an. Von 2019 auf 2020 hatten die Briten ihr Equipment erneuert, aber als die Saison losging, war die Konstanz dahin. In der zweiten Saisonhälfte aber bewies man, dass man auf dem richtigen Weg war. Übung bereinigte die Fehler.

Ferrari hingegen muss erst nachholen. Sie waren 2018 und 2019 noch an der Spitze zu finden, 2020 aber überraschte sie ein Radmutter-Problem, und obendrauf war die Crew umorganisiert worden. Es sei ein Zuverlässigkeitsproblem, glaubt das Team - daher wollen sie es 2021 lösen.

2018 2019 2020
Stopps 54 72 45
davon unter 2,5 16 23 3
Anteil 30% 32% 7%

Das Schlusslicht bildet schließlich Haas. Die Amerikaner schafften im ganzen Jahr keinen einzigen Stopp unter 2,5 Sekunden. Damit sind sie die einzigen. 25 ihrer 46 regulären Reifenwechsel dauerten über 3,5 Sekunden - jene Marke, die generell als Mindestwert in der modernen Formel 1 gilt.