Charles Leclerc: Netter, wohlerzogener Junge aus Monaco oder eine brutale Rennmaschine? Motorsport-Magazin.com sprach mit dem Youngster über seine erste Ferrari-Saison, den nötigen Killerinstinkt eines Rennfahrers und das Team-Duell mit Sebastian Vettel.

Motorsport-Magazin.com: Wenn dir zu Beginn der Saison 2019 jemand die meisten Pole Positions, die ersten Siege und ein Top-5-Ergebnis in der WM angeboten hätte - hättest du es genommen?
Charles Leclerc: Das ist eine schwierige Frage. Auf der einen Seite bin ich sehr froh, es zu haben. Auf der anderen Seite willst du immer mehr. Zu Saisonbeginn, bevor wir zum ersten Rennen gekommen sind, dachten wir alle, dass wir eine gute Chance auf den Titel haben. Aber nach den ersten zwei oder drei Rennen hätte ich es auf jeden Fall genommen. Der Fortschritt war sehr gut, ich bin als Fahrer sehr gereift. Das war mein Ziel für diese Saison und damit bin ich sehr glücklich.

Dachtet Ihr bei den Testfahrten auch, dass Ferrari vorne ist?
Charles Leclerc: Wir haben versucht, uns selbst davon zu überzeugen, dass wir nicht vorne sind. Aber tief in mir drinnen dachte ich - ich habe noch nicht so viel Erfahrung in der Formel 1 -, dass wir einen Vorsprung auf Mercedes haben. Es war eine Überraschung, dann beim ersten Rennen doch ein ganzes Stück hinter ihnen zu sein.

Wie schwierig war es, das dann zu akzeptieren?
Charles Leclerc: Das war nicht so schlimm, zumindest nicht für mich. Ich habe mich einfach auf meinen Job konzentriert. Es ist ein bisschen enttäuschend, wenn du beim ersten Rennen ankommst und du nicht da bist, wo du sein willst. Aber von diesem Moment an fokussierst du dich nur auf das Auto selbst und versuchst, den bestmöglichen Job zu machen.

Leclerc bewertet seine Leistung kritisch

Nach der Sommerpause war Ferrari konkurrenzfähig und es begann ein teaminterner Kampf zwischen dir und Sebastian. Was ist der Unterschied, wenn du 'nur' um Platz drei und vier kämpfst oder wenn es um den Sieg geht?
Charles Leclerc: Ich glaube nicht, dass das zusammenhängt. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass ich in den ersten fünf, sechs Rennen einfach nicht gut gefahren bin. Ich habe erst ziemlich hart an meiner Qualifying-Pace und dann an meiner Rennpace gearbeitet. So wurde ich besser. Und wenn mehr Wettkampf zwischen zwei Fahrern herrscht, dann werden die Dinge etwas knifflig. Aber am Ende ist es nicht so schlecht, wie es von außen aussieht. Sebastian und ich haben eine gute Beziehung. Im Auto gibt es offensichtlich manchmal Frustration, aber außerhalb des Autos sind wir clever genug, die volle Situation zu verstehen.

Also ist es für dich egal, ob du um den Sieg oder Platz vier kämpfst?
Charles Leclerc: Nein, natürlich nicht. Du bist viel motivierter, wenn du um den Sieg kämpfst. Aber das ist ebenfalls mein Job: Auch wenn du harte Momente hast, musst du so motiviert sein, als würdest du um den Sieg kämpfen. Das macht am Ende der Saison den Unterschied.

Genau genommen hat es teamintern schon in Australien begonnen. Auch in Bahrain und China gab es Teamstrategien. Ist die Situation richtig gewachsen? Wie gehst du damit um?
Charles Leclerc: Um ganz ehrlich zu sein: Zu Beginn ist es ziemlich schwer, wenn dir so etwas am Funk gesagt wird. Vor allem wenn du aus den Nachwuchsserien kommst, wo du so etwas nicht hast. Da wirst du nie gefragt, irgendetwas für deinen Teamkollegen zu machen. Da gibt es nur dich und das war es. Am Ende ist es aber ziemlich klar, dass es in der Formel 1 um Teamwork geht. Ich habe es verstanden. Es gab ein paar Momente wie in Bahrain, als ich dachte, dass ich in dieser speziellen Situation recht habe und es nicht akzeptieren soll, weil ich dachte, dass ich im Auto mehr Informationen habe als die Jungs an der Pitwall. Aber das wichtigste ist, dass Sebastian und ich verstanden haben - und ich glaube, nach Sotschi ist das klar - dass wir uns an Teamorder halten sollen. Und das ist jetzt der Fall.

In Bahrain sagst du, es war richtig, die Teamanweisung zu ignorieren. Gab es in einem anderen Rennen etwas, das du nicht hättest tun sollen?
Charles Leclerc: Ich habe ehrlich gesagt nicht alle Episoden parat. [denkt lange nach] Das Beschweren am Funk in Singapur. Das war keine Teamorder, aber es gab keinen Grund das zu fragen.

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Du bezeichnest die Formel 1 als Teamsport. Aber wenn man sich die Historie ansieht, sind die meisten erfolgreichen Piloten brutale Egoisten. Bleibst du dabei, dass die Formel 1 ein Teamsport ist?
Charles Leclerc: Ich glaube noch immer, dass es ein Mannschaftssport ist. Sobald du gegen ein anderes sehr starkes Team kämpfst, brauchst du beide Autos, die sich gegenseitig helfen können. Auf der anderen Seite gibt es bestimmte Situationen, in denen der Fahrer ein bisschen egoistisch sein muss. Man muss hier die richtige Balance finden.

In Monza von der Pole Position zum Sieg

Wie schwierig war es nach dem Qualifying in Monza und den Diskussionen, dich am Sonntag auf deinen Job zu konzentrieren und zu gewinnen?
Charles Leclerc: Es war schwierig. Vor allem, weil ich ehrlich glaube, dass die Situation nicht so war, wie es von außen für manche Leute aussah. Ich glaube, manche Leute haben es verstanden, aber es war einfach ein komplettes Chaos und es war keine Absicht von meiner Seite. Man würde Situationen wie diese am liebsten vermeiden, aber es gehört dazu. Ich persönlich war ziemlich glücklich, weil ich wusste, dass ich nichts falsch gemacht habe. Trotzdem bin ich etwas enttäuscht, wenn ich sehe, dass manche Leute die Situation nicht ganz verstehen. Deshalb war es etwas enttäuschend, aber am Ende okay. Ich habe mich fokussiert und habe nach dem Rennen noch etwas mehr darüber nachgedacht.

Beim Ferrari-Heimspiel in Monza feierte Charles Leclerc seinen zweiten Formel-1-Sieg - Foto: Ferrari
Beim Ferrari-Heimspiel in Monza feierte Charles Leclerc seinen zweiten Formel-1-SiegFoto: Ferrari

Musst du dich dann darauf fokussieren, das aus deinem Kopf zu bekommen oder bist du ohnehin im Tunnel?
Charles Leclerc: ich bin einfach im Tunnel. Manchmal passiert es, dass ich Gedanken habe, die ich nicht haben möchte. Aber ich habe Techniken, die ich in der Vergangenheit beim Mentaltraining gelernt habe, um sie loszuwerden. Meistens bist du im Tunnel und denkst an nichts anderes, als daran, den Job zu erledigen.

Kann ich dir eine persönliche Frage stellen?
Charles Leclerc: Na klar.

Leclerc spricht über Stärken und Schwächen

Wenn man die Fans da draußen fragt: Viele sehen in dir einen smarten, cleveren Jungen. In Deutschland gibt es viele Vettel-Fans, die in dir einen berechnenden, abgeklärten Kerl sehen. Was bist du: Ein berechnender oder ein smarter Kerl?
Charles Leclerc: Hmm... Ich glaube, wenn du berechnend bist, bist du clever. Das geht ein wenig Hand in Hand. Aber immer, wenn ich im Auto bin, gebe ich mein Bestes. So war ich immer. Ich habe diesen Killerinstinkt. Jedes Mal, wenn ich in ein Auto einsteige, will ich nicht Zweiter, Dritter, Vierter oder Fünfter werden. Das ist mir egal, ich will einfach gewinnen. Ich glaube, es ist eine Stärke, aber es kann manchmal auch eine Schwäche sein.

Einige Fehler, die ich dieses Jahr gemacht habe, sind Teil dieser Mentalität. Denn ich habe alles in Momenten gegeben, in denen ich einfach nur die Punkte hätte mitnehmen können. Nicht jeder wird mich dafür mögen, aber so bin ich nun mal. Ich kann aber noch immer lernen, diese Mentalität hat auch positive Aspekte. Aber es kann in anderen Momenten auch wehtun. Ich muss diese Mentalität genau in diesen Momenten verstehen und kontrollieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das mit der Erfahrung kommen wird.

Schon vor der Saison 2019 gab es in den Medien viele Diskussionen um die Fahrerpaarung bei Ferrari. Mattia Binotto erklärte daraufhin Sebastian im Zweifel zur Nummer eins. Du meintest, es wäre deine Aufgabe, das mit Performance zu ändern. Ist dir das gelungen?
Charles Leclerc: Das weiß ich nicht, das ist eine Frage für Mattia. Aber auf meiner Seite bin ich sehr zufrieden damit, wie meine Saison lief. Ich habe mich stark entwickelt, es gibt aber noch viel zu lernen. Ich bin zufrieden mit dem, was ich gezeigt habe. Ich hoffe, dass ich mich weiter so entwickeln kann wie in dieser Saison.

Mattia muss zwei sehr schnelle, ehrgeizige Fahrer managen. Wie macht er das?
Charles Leclerc: Mattia wirkt von außen sehr ruhig. Er ist sehr ruhig, aber er hat auch die richtige Balance, um ein Teamchef zu sein. Er weiß, wie er in schwierigen Moment auch hart sein muss, wie zum Beispiel nach Sotschi. Auch nach Singapur, es gibt viele Beispiele. Wann immer er etwas sagt, steht er auch dahinter. Ich denke, es wurde immer respektiert, wenn er nach etwas gefragt hat.

Blicken wir auf deine Entwicklung im vorherigen Jahr. Wenn du sagst, du hast deine Qualifying-Pace verbessert, was bedeutet das? Du fährst seit deiner Kindheit möglichst schnell, was ändert sich da in einem Jahr?
Charles Leclerc: Ich habe zu Saisonbeginn mit einem für mich komplett neuem Auto begonnen. Ich musste verstehen, wie das Auto funktioniert und wie es für mich funktioniert. Ich musste verstehen, wie es am besten zusammen funktioniert, ich gemeinsam mit dem Auto. Das ist sehr wichtig, auch mit dem Team zu arbeiten. Nach vier, fünf, sechs Rennen hat es Klick gemacht und ich habe verstanden, was ich vom Auto wollte. Ich war etwas selbstsicherer in dem, was ich vom Auto wollte. Ich konnte nach Änderungen am Auto fragen, statt meinen Fahrstil an das Auto anzupassen. Von diesem Moment an haben wir einige gute Schritte gemacht.

Konntest du das Auto in diesem großen Team besser an dich anpassen als du das bei Alfa konntest?
Charles Leclerc: Nein, zu Saisonbeginn war ich ziemlich eingeschüchtert von der Größe des Teams und von seiner Geschichte. Das ändert sich nicht, aber ich habe ein paar Rennen für das Team absolviert und ich habe mich an die Leute gewöhnt. Das hilft dir, besser zu verstehen, was du vom Auto willst. Von dem Punkt an ging alles reibungslos.

2018 hattest du mit Alfa auch etwa in Baku deinen Durchbruch. Ist das Zufall?
Charles Leclerc: Nein, ich glaube nicht, dass es Zufall ist. 2018 war es ein kleineres Team, deshalb habe ich weniger Zeit gebraucht, die Leute kennenzulernen. Das hat dieses Jahr einfach länger gedauert, weil es mehr Leute sind. Aber 2018 wusste ich an einem Punkt auch nicht genau, was ich vom Auto wollte. Ich bin zum ersten Mal in der Formel 1 gefahren, hatte viel mehr Abtrieb. Nun hatte ich klarere Ideen, aber ich wollte erst mich selbst anpassen, bevor ich das Auto anpasse. Und erst an einem Punkt habe ich dann nach den Änderungen gefragt. Diese beiden Durchbrüche hatten eine ähnliche Problemlösung. Es war eigentlich das gleiche.

2018 feierte Charles Leclerc bei Alfa Romeo sein Formel-1-Debüt - Foto: Sutton
2018 feierte Charles Leclerc bei Alfa Romeo sein Formel-1-DebütFoto: Sutton

Du hast dieses Jahr durchaus ein paar Fehler gemacht - aber du hast sie nur einmal gemacht. Du scheinst, dich schnell umstellen zu können. Auch bei deiner Fahrweise. Nach Österreich hast du gesagt: Okay, wenn man so fahren darf, fahr ich in Zukunft auch so. Und dann kam Silverstone... Wie natürlich gelingt dir eine solche Umsetzung, wie viel Arbeit steckt darin?
Charles Leclerc: Wenn ich einen Fehler mache, erinnere ich mich sehr gut daran, was ich zuvor gemacht habe, was zu diesem Fehler geführt hat. Das analysiere ich. Daraus verstehe ich, was ich nicht noch einmal machen sollte, damit es nicht noch einmal passiert. So gehe ich mit jedem Fehler vor, der mir unterläuft. Das scheint zu funktionieren, es zahlt sich aus. Sicherlich werde ich eines Tages den gleichen Fehler zweimal machen, das passiert. Aber ich gehe so damit um.

Was hast du beispielsweise aus deinem Qualifying-Unfall in Baku gelernt?
Charles Leclerc: Da habe ich tatsächlich zweimal den gleichen Fehler gemacht in dieser Saison. Aber einmal hatte ich sehr viel Glück, das war im Q2 in Budapest, als ich gecrasht bin. Jetzt nehme ich Q1 bis Q3 Schritt für Schritt. Ich gebe erst in Q3 alles, was zuvor nicht der Fall war. Ich habe zuvor schon von Q1 bis Q3 alles gegeben. Aber Q1 und Q2 sind für uns nicht so wichtig.

Als dein Wechsel zu Ferrari bekannt wurde, meintest du, der Schritt von Alfa zu Ferrari sei kleiner als jener von der Formel 2 in die Formel 1. Denkst du das noch immer oder hast du den Schritt unterschätzt?
Charles Leclerc: Ich würde nicht sagen, dass ich etwas unterschätzt habe, aber es gab eine Menge Dinge, die ich nicht kannte, bevor ich zu Ferrari gekommen bin. Ich habe jetzt viel mehr Aufmerksamkeit. Bei Alfa hätte ich Dinge machen können, über die niemand gesprochen hätte. Jetzt wird alles analysiert, was ich mache. Das ist am Anfang schwierig zu verstehen. Ich würde nun schon sagen, dass der Schritt von der Formel 2 in die Formel 1 so groß ist wie der Schritt von Alfa zu Ferrari.

Dein Hauptziel war 2019, zu lernen. Fühlst du dich nun bereit, das Team anzuführen?
Charles Leclerc: Ich bin 2019 stark gewachsen. Ich habe an guten Tagen gezeigt, dass ich sehr, sehr gut sein kann. Aber es geht darum, jedes Wochenende alles zusammenzubekommen. Das ist eine andere Sache. Darauf muss ich mich fokussieren. Wenn ich das schaffe, dann kann ich es.

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