Viele Monate lang las sich das Tagebuch des Nissan-LMP1-Projekts wie eine unendliche Geschichte aus Pleiten, Pech und Pannen. Letzte Woche endlich die erlösende Nachricht: Der Nissan GT-R LM Nismo hat erfolgreich einen Langstreckentest bei allen möglichen äußeren Bedingungen absolviert. Nicht nur das, auch performancetechnisch wurden erstaunliche Fortschritte erzielt, obschon das Konzept des Fahrzeugs total umgeworfen werden musste. Und das Wichtigste: Die Reifen hielten.

Nach dem vollen Erfolg steigt das zuvor arg gebeutelte Selbstbewusstsein in der Nissan-Werksmannschaft wieder an. Harry Tincknell, der einen Großteil des Test absolviert hatte, sieht genug Gründe, um in seiner Kolumne bei Motorsport.com Großes anzukündigen: "Ich habe von einigen Leuten Spekulationen gehört, was wir für Rundenzeiten fahren würden, aber die liegen alle weit daneben. Wir werden sicherlich einige von ihnen in Le Mans überraschen."

Auf dass die Funken fliegen: Nissan beendete die Pechsträhne in Kentucky - Foto: Nissan
Auf dass die Funken fliegen: Nissan beendete die Pechsträhne in KentuckyFoto: Nissan

Mein Gibson hat ein Problem - oder nicht?

Tincknells Angaben zufolge habe Nissan bei der Trockenperformance allein auf dem drei Kilometer kurzen Kurs des NCM Motorsports Park, der in nicht einmal einer Minute umrundet wird, eine ganze Sekunde während der Testfahrten bei der Trockenperformance gefunden. Als Vergleichsfahrzeug fuhr ein Gibson 015S aus der LMP2-Kategorie als Referenz. "Ich bin den Gibson ja nun schon in Silverstone und Le Castellet gefahren, aber als ich direkt vom P1 in ihn umgestiegen bin, dachte ich beim ersten Beschleunigen, dass ich ein Problem hätte", schildert er seine Eindrücke.

Fortschritte wurden beim Nissan GT-R LM Nismo vor allem bei der Balance erzielt: "In Highspeedkurven ist das Fahrzeug jetzt sehr gut ausbalanciert und gibt mir viel Vertrauen, um hart zu pushen." Und noch wichtiger: "Das Auto ist sehr zu gut zu den Reifen und ich konnte in den Longruns viele konstante Rundenzeiten abspulen. Das ist ein sehr gutes Zeichen."

Bislang kämpfte der Nissan mit überhitzenden Vorderreifen, was angesichts des Frontantriebs nicht weiter überrascht. Ursprünglich sollte ein gewaltiger Hybridboost auf der Hinterachse die Vorderreifen entlasten, doch Nissan musste das hintere Hybridsystem aus Gewichtsgründen ausbauen und startet nun faktisch mit einem Fronttriebler in der 2MJ-Kategorie. Die Fortschritte beim Reifenverschleiß sind daher ebenso hoch einzuschätzen wie diejenigen bei der Performance.

Regen willkommen

Der Regen, der die Testfahrt immer wieder heimgesucht hat, kam dem 23-Jährigen durchaus entgegen: "Das war eine großartige Gelegenheit, um unsere Michelin-Regenreifen zu testen, vor allem den speziell für uns angefertigten Hinterreifen." Nissan setzt hinten auf extrem schmale und kleine Räder, um den Rollwiderstand zu verringern, während die dicken Walzen vorne Lenk- und Antriebskräfte verkraften müssen. Die Drainage machte Probleme, doch dadurch "konnten wir viele Runden unter Bedingungen abspulen, unter denen ein Auto sonst an der Box bleibt." Dass solche Kapriolen auch in Le Mans auftreten können, sollte spätestens seit dem letzten Jahr klar sein.

"Das bedeutet, dass wir Michelin eine Menge Daten mit auf den Weg geben konnten, die sie nun analysieren", so der LMP2-Klassensieger von 2014 weiter. "Ich werde bald wieder in den Staaten zum Testen sein, bevor der ganze Tross nach Großbritannien verlagert wird, von wo aus wir die letzten Vorbereitungen auf Le Mans steuern werden."

Der LMP2-Gibson ermöglichte Vergleiche, und die machen Mut - Foto: Nissan
Der LMP2-Gibson ermöglichte Vergleiche, und die machen MutFoto: Nissan

Nach Lancaster-Manövern wieder abgeregt

Zuvor steht für Tincknell aber noch ein anderer Programmpunkt auf dem Programm: Da er von Jota Sport wieder für Spa einberufen wurde, um Nick Yelloly zu ersetzen, wird er noch einmal in seinen Gibson-LMP2 steigen, mit dem er auch den Rest der ELMS-Saison bestreiten wird. Dort hatte er beim Auftakt, der im Rahmen der WEC ebenfalls in Silverstone ausgetragen wurde, einen riesigen Kampf mit Jon Lancaster geführt, der für seine Fahrweise von einigen Zuschauern ausgepfiffen wurde. "Das war das erste Mal, dass ich so etwas auf dem Podium erlebt habe", so Tincknell. "Ich fühlte mich schon ein wenig gekränkt wegen einem seiner Manöver, aber das ist jetzt Schnee von gestern."