Sebastian Vettel hat sich am Dienstag dieser Woche erstmals ausgiebig mit dem Porsche 963 vertraut gemacht, mit dem der Sportwagenbauer in der Langstrecken-WM WEC inklusive der 24 Stunden von Le Mans, sowie in der US-Sportwagenmeisterschaft IMSA antritt. Der vierfache Formel-1-Weltmeister legte im Rahmen eines 36-stündigen Dauerlaufs im spanischen Motorland Aragon 118 Runden zurück, was rund drei Stunden Fahrzeit entspricht.

Vettel befand sich beim privaten Test, der bis Mittwoch andauert und den Porsches Werksteam Penske in Vorbereitung auf die 24h Le Mans durchführt, in bester Gesellschaft: Ebenso im Einsatz waren und sind Porsches WEC-Fahrer - die Crews Andre Lotterer/Kevin Estre/Laurens Vanthoor und Matt Campbell/Michael Christensen/Fred Makowiecki - sowie der amtierende DTM-Champion Thomas Preining, der eine weitere Testgelegenheit in Porsches LMDh-Auto erhielt.

Sebastian Vettel erstmals im Le-Mans-Porsche: Seatfit im 963 (00:42 Min.)

Sebastian Vettel verzichtet auf Nacht-Fahrt im Porsche

Vettel saß in Aragon bereits am Montag bei einem kurzen Rollout am Steuer des rund 680 PS starken Porsche-Prototypen, bevor das wahre Testgeschehen am Dienstagmorgen begann. Auf einen Run in der Nacht bei dunklen Bedingungen verzichtete der 36-Jährige: Wegen eines bereits länger feststehenden PR-Termins am Mittwoch in Berlin reiste er nach Informationen von Motorsport-Magazin.com am Dienstag von der spanischen Rennstrecke ab.

"Ich verfolge mit einem Auge natürlich auch andere Motorsportdisziplinen und kenne viele Fahrer, die in der WEC und Le Mans aktiv sind. Irgendwann war die Neugier so groß, dass ich die Idee hatte, das selbst auszuprobieren. Porsche hat mir die Möglichkeit gegeben, mit dem 963 ein aktuelles Hypercar zu testen", so Vettel. "Nach der Sitzanpassung sowie der Simulatorsession und dem Roll-out in Weissach hatte ich bereits ein gutes Gefühl."

Vettel weiter: "Mit dem Porsche 963 hier in Aragon auf der Strecke - das hat auf jeden Fall Spaß gemacht. Ich musste mich erst an alles gewöhnen und meinen Rhythmus finden. Das Fahrgefühl ist allein schon wegen des Daches über dem Kopf anders, ebenso wie der Umgang mit dem höheren Gewicht und den Reifen. Die Porsche-Werksfahrer waren sehr hilfreich und haben mir erklärt, was speziell ist und woran ich mich gewöhnen muss. Das machte es mir leicht."

Aragon-Test: Sebastian Vettel trifft auf Mick Schumacher

"Aragon zählt zu den wenigen Kursen in Europa, auf denen wir zur Vorbereitung auf Le Mans rund um die Uhr fahren können. Zugleich erreichen wir auf der Gegengeraden ähnlich hohe Geschwindigkeiten von über 300 km/h wie auf dem Circuit des 24 Heures", erläuterte Jonathan Diuguid, Leitender Direktor Porsche Penske Motorsport.

"Dass Sebastian Vettel hier für uns getestet hat, ist eine einzigartige Gelegenheit für das Team. Als vierfacher Formel-1-Weltmeister besitzt er immense Erfahrung mit Hybridsystemen und Hochleistungs-Rennwagen. Sein frischer und besonderer Blick darauf, wo wir mit unserem Porsche 963 stehen, und seine Rückmeldungen zu unseren Systemen sind enorm wertvoll. Wir freuen uns sehr, ihn heute mit dabei zu haben. Er ist mit einem Strahlen im Gesicht aus dem Auto ausgestiegen, das ist ein gutes Zeichen."

Sebastian Vettel testet Porsche 963 in Aragon
Vettel mit den Porsche-Werksfahrern Estre, Makowiecki und Campbell, Foto: Porsche AG

In Aragon war neben Porsche auch der WEC-Konkurrent Alpine im Einsatz. Von Montag bis Mittwoch bestreiten die Franzosen mit einem Alpine A424 ebenfalls einen Endurance-Test mit Blick auf die weiteren WEC-Rennen. Am Steuer sitzt unter anderem Vettels Kumpel Mick Schumacher, wie Alpine gegenüber Motorsport-Magazin.com bestätigte. Der Sohn des siebenmaligen F1-Weltmeisters Michael Schumacher debütiert dieses Jahr in der Langstrecken-WM und startet zum ersten Mal bei den 24 Stunden von Le Mans.

Ob es beim berühmtesten Rennen der Welt (15.-16. Juni 2024) zu einem Wiedersehen zwischen Vettel und Schumacher kommt, bleibt zunächst unklar. Mehrere WEC-Insider können sich durchaus vorstellen, dass Vettel schon 2024 für Porsches Werksteam Penske beim Klassiker an den Start gehen könnte. Nach dem Aragon-Test fiel zunächst kein offizielles Wort von Vettel oder Porsche bezüglich dieser Möglichkeit.

Sebastian Vettel testet Porsche 963 im Motorland Aragon
Ungewohnt: Vettel klettert in den Porsche 963, Foto: Porsche AG

Vettel bei 24h Le Mans? Bei Porsche wäre noch Platz

Beim dritten Penske-Porsche 963 mit der Startnummer #4, der eigentlich in der IMSA fährt und wie im Vorjahr einen Entry für Le Mans erhalten hat, sind neben dem gesetzten Werksfahrer Mathieu Jaminet noch zwei Plätze frei. Möglich, dass Vettel noch bei weiteren Testfahrten die Gelegenheit erhalten wird, sich mit dem Auto und den ihm unbekannten Abläufen auf der Langstrecke vertraut zu machen.

Was unterdessen nicht möglich wäre: ein Renneinsatz von Vettel in einem Penske-Porsche vor den 24 Stunden von Le Mans. Die WEC trägt vor dem Klassiker noch zwei Rennen aus: eines in Imola (21. April) sowie ein weiteres in Spa-Francorchamps am 11. Mai. Beide Rennen überschneiden sich mit IMSA-Läufen in Long Beach respektive Laguna Seca. Heißt: Die Penske-Mannschaft hätte gar nicht die Möglichkeit, eines seiner beiden IMSA-Autos aus den USA zu den europäischen Rennen zu transportieren, um dort ein drittes Auto für Vettel einzusetzen.

Ein 'Test-Rennen' hatte übrigens ein gewisser Nico Hülkenberg anno 2015: Der heutige Haas-Pilot bekam damals die Gelegenheit, auf einem zusätzlichen Porsche 919 Hybrid in Spa zu fahren, um sich auf sein Debüt in Le Mans einschießen zu können. Der spätere Le-Mans-Sieg von Hülkenberg und seinen Teamkollegen Earl Bamber sowie Nick Tandy sorgte weltweit für Schlagzeilen.

Sebastian Vettel testet Porsche 963 im Motorland Aragon
Vettel in der Porsche-Garage beim 36-Stunden-Test, Foto: Porsche AG

Spa-Lücke für Vettel bei JOTA-Porsche?

Sollten Vettel und Porsche tatsächlich das Ziel verfolgen, schon dieses Jahr gemeinsam in Le Mans zu starten, könnte sich eine andere Möglichkeit für ein 'Test-Rennen' auftun, um sich unter realen Bedingungen mit dem Verkehr (Hypercars und GT3-Autos) vertraut zu machen: Das Porsche-Kundenteam JOTA setzt zwei 963-Prototypen in der WEC ein - und steht für das Rennen in Spa-Francorchamps aktuell mit zwei statt drei Fahrern da, weil Norman Nato im #12 Porsche nach MSM-Infos wegen einer Terminüberschneidung mit der Formel E (Berlin) ausfällt.

Wir erinnern uns: Im Winter waren Gerüchte aufgekommen, dass Vettel in der WEC für JOTA-Porsche an den Start gehen könnte. Gespräche fanden statt, zu einem Test für das britische Top-Team um den früheren Audi-Motorsportchef und heutigen Teamchef Dieter Gass kam es allerdings nicht. Bei JOTA fährt bereits ein früherer Formel-1-Weltmeister: Jenson Button teilt sich den #38-Porsche mit seinem britischen Landsmann Phil Hanson und Oliver Rasmussen aus Dänemark.

Vettel hatte sich minutiös auf seinen Einsatz mit dem Porsche 963 vorbereitet. Am 14. März stattete der 53-fache Formel-1-Rennsieger dem WEC-Einsatzteam am Standort von Porsche Penske Motorsport in Mannheim einen Besuch ab. Einen Tag später absolvierte der Heppenheimer im Porsche-Motorsportzentrum Flacht eine ausführliche Simulator-Session und machte sich mit den Besonderheiten und den komplexen Bedienelementen vertraut. Am 21. März folgten erste Kennenlernkilometer auf der hauseigenen Teststrecke des Entwicklungszentrums Weissach.