Manchmal wäre ich gerne Italiener. Nämlich immer dann, wenn mal wieder die Möglichkeit besteht, die national gegebenen Unterschiede zwischen den Südeuropäern und Unsereins zu vergleichen. Da am kommenden Wochenende Mugello ansteht, passt das jetzt eigentlich ganz gut. Dieser Asphalt gewordene Traum in den Hügeln der Toskana: Bergauf und Bergab geht es da. Topspeed je nach Moped über 350 km/h. Mit der Möglichkeit, direkt an der Strecke zu campen, wenn man will. Okay, auch mit Horror-Eintrittspreisen aus Sicht der Fans.

Weshalb letztes Jahr auch nur 129.452 Zuschauer kamen. Am Sachsenring waren es über 211.588 binnen drei Tagen. Aber trotzdem können wir solch ein Gemälde einer Rennstrecke wie Mugello nicht bieten. Schon gar nicht eine MotoGP taugliche. Im Automobil-Bereich gibt es in Deutschland sowas Ähnliches: Die Nordschleife. Für MotoGP leider ungeeignet. Daher nur beim 24-Stunden-Rennen Kult.

Deutschland: Land der Automobile

Passt ja ganz gut, denn schließlich ist Deutschland ein Land der Automobile. Und keines für Biker. Was definitiv nicht nur am Wetter liegt. Zweirad-Benutzer und Zweirad-Fans haben in unseren Landen schlicht keine Lobby. Und während wir MotoGP-Fans vernehmen, dass Pedrosa zwei weitere Jahre Honda fährt, Vinales wohl zu Yamaha wechselt, wo Jonas Folger bei Tech3 zum Glück schon feststeht, mehren sich die Widersprüche zur Zukunft des deutschen MotoGP-Rennens ab 2017. Eigentlich unfassbar, dass über den Fortbestand der größten deutschen Sportveranstaltung alle Jahre wieder diskutiert werden muss.

Da hat es der Italiener leichter. Mugello ging es auch nicht immer gut. Aber nachdem dieser Rennstrecken-Traum in Ferrari-Besitz ging, ist die Anlage zu einer sensationell gepflegten Vorzeigepiste geworden. Und die Zuschauer, die kommen, scheinen auszureichen. In Deutschland genügen fast doppelt so viele Fans leider nicht, um aus dem Sachsenring-GP eine Erfolgsgeschichte zu machen. Man stelle sich das mal vor: Nächstes Jahr werden mit Bradl und Folger wohl erstmals in der MotoGP-Ära zwei Deutsche in der Königsklasse starten. Und der deutsche Fan wird ständig mit schwer zu verstehenden Meldungen in einen Panikzustand versetzt.

Über zu wenige Zuschauer an der Strecke kann der Sachsenring nicht klagen - Foto: Repsol Honda
Über zu wenige Zuschauer an der Strecke kann der Sachsenring nicht klagenFoto: Repsol Honda

Mugello wird am kommenden Wochenende sicherlich wieder eine MotoGP-Party. Mit Vale, Ducati, Sturm auf Start/Ziel nach dem Rennen und, und, und! Von der Landschaft und den Italienischen Speisen und Getränken gar nicht zu sprechen. Wir sind da halt eher Bratwurst und Bier, statt Burata mit Trüffeln und Brunello. Dabei ist gegen eine ordentliche Bratwurst nichts einzuwenden. Wenn man sie in Ruhe zu sich nehmen kann. Damit ist es aber am Sachsenring schon längst vorbei. Es scheint eher das Motto "Jeder gegen Jeden" zu gelten.

Fan-Begeisterung vs. Kompetenz-Streitigkeiten

Zumal es ohne den rührigen Promoter SRM wahrscheinlich jetzt schon kein Rennen in Hohenstein-Ernstthal mehr gäbe. Trotzdem ist der Sachsenring Kult. Nirgendwo sonst sind die Ränge schon Freitagmorgens so gut gefüllt wie in der Karl May Stadt. Die Begeisterung der Fans ist also gegeben. Und zwar unstrittig. Fragt sich, woran es liegt, das es immer wieder Diskussionen zur Zukunft der Veranstaltung gibt.

Und genau bei der Frage, eröffnen sich schwer durchschaubare Abgründe. Die damit beginnen, dass der heutige Sachsenring eigentlich keine Rennstrecke ist. Sondern ein Verkehrssicherheitszentrum. Was aber nur einen Teil der Probleme und Kosten erklärt. Klar, jedes Mal Tribünen aufbauen ist teuer, und die ganze Logistik, durch die von der Moto GP eingeforderten Bedingungen, ein organisatorischer Alptraum. Den die Verantwortlichen in Sachsen aber mit bewundernswerter Begeisterung meistern.

Nur beim Geldzählen nach dem Event macht sich Ernüchterung breit. Und zwar egal, wer gerade Promoter ist. In Mugello ist sowas einfacher. Da fährt Team XY den Truck vor die Box und lädt aus. Alles steht schon da. Das Rennwochenende kann beginnen. Bei uns dagegen geht es lange vor dem von den Fans ersehnten Wochenende erst mal mit Kompetenz-Unklarheiten los. Verhandelt wird der Deal mit der Dorna über die deutsche MotoGP Zukunft nämlich vom ADAC in München.

Der ehemalige Promoter des Rennens, der ADAC Sachsen, besitzt eigenes Gelände, Tribünen und den alten Tower. Die SRM möchte einfach nur das Rennen erfolgreich in der Region halten, seitdem sie als neuer Promoter das Rennen ausrichtet. Diverse Grundstückseigentümer am Sachsenring wollen auch Geld an der Veranstaltung verdienen. Alles klar? Wohl kaum. Wer soll da noch durchblicken? Und wie soll das weitergehen?

Warum klappt es in Italien?

Letztendlich haben die letzten Jahre gezeigt, dass der Sachsenring zwar ein Erfolg beim Publikum ist. Aber kein Kassenschlager, mit dem irgendein Promoter der Welt reich werden kann. Ob dieser Streitigkeiten blicken wir wieder neidisch nach Italien. Die Azurri haben sogar zwei Rennen, die funktionieren. Auch das ist eigentlich unglaublich. Denn so schön das anstehende Mugello auch ist, Misano ist eher eine bessere Kartstrecke. Mit durchaus ausbaufähiger Infrastruktur.

Bruchlandung für den Deutschland GP? Hoffentlich nicht! - Foto: Milagro
Bruchlandung für den Deutschland GP? Hoffentlich nicht!Foto: Milagro

Und trotzdem wird über diese Rennen nicht ständig diskutiert. Es muss also irgendwas falsch laufen in unserem Lande. Und zwar so richtig. Aus meiner Sicht ist es durchaus verständlich, dass man bei der Dorna um Carmelo Ezpeleta nicht ständig wieder über MotoGP in Deutschland diskutieren möchte. Es gibt mittlerweile selbst Hardcore-Fans, die müde über die permanenten Horror-Meldungen über Zukunft ihres Lieblingsrennens sind. Deshalb kann es nur einen Weg geben. Und der wäre, ein tragfähiges Konzept für eine Zukunft der MotoGP am Sachsenring zu entwickeln.

Sonst gibt es kein 20-jähriges Jubiläum. Und die, die immer vorbringen, dass die MotoGP ohne ein Rennen in Deutschland undenkbar sei, liegen in ihrem Vertrauen in diese vermeintliche Tatsache unter Umständen gewaltig daneben. Schließlich ist Deutschland ein Autoland. Und wer hatte trotz Mercedes und einer ganzen Armada deutscher Fahrer letztes Jahr keinen Heim-Grand-Prix in der Formel 1? Eben! Deshalb bleibt nur zu hoffen, dass rund um die größte deutsche Sportveranstaltung bald wieder Vernunft einkehrt. Und jetzt erst mal viel Spaß beim Rennen in Mugello. Genießen wir die Italienischen Momente im Leben!