Im ersten Teil unseres großen Interviews sprach Alex Wurz über die Businessprobleme der Formel 1, mögliche Lösungsansätze und die Konkurrenz von Seiten der Langstrecken-Weltmeisterschaft WEC. Hier nun Teil zwei des Gesprächs, in dem das neue Qualifying-Format, eine Wiedereinführung von Tankstopps und das Thema Sicherheit im Fokus stehen.

Hältst du die Änderungen, die in Genf beschlossen wurden, für förderlich? Allen voran natürlich das neue Qualifying-Format.
Alex Wurz: Die Antwort liegt nicht in einer einzelnen Reglementänderung. Es wäre mir viel lieber, wenn man sich hinsetzt - am besten nicht die beteiligten Akteure, also die Teams selbst - und einen Masterplan macht, um unseren Sport für die nächste Generation fit zu machen, um Wachstum zu haben, um mehr Gelder und Zuschauer zu akquirieren.

Ich glaube nicht, dass die Quali-Änderung hier einen messbaren Erfolg haben wird. Dinge wie das Qualifying sind gut für den Sport, für den Zuschauer und speziell für den Hauptkunden der Formel 1, das TV. Ich glaube, es hat keinen einzigen TV-Sender gegeben, der mit dem Qualifying-Format nicht zufrieden war. Ich halte die Änderung jetzt nicht für ultranötig. Es kann dadurch aber spannender werden, da lasse ich mich überraschen.

Hast du da schon eine Vorstellung, wie das genau ablaufen wird? Ich könnte mir vorstellen, dass alle ihre Reifen aufbrauchen, um nicht rauszufliegen, am Ende aber keiner mehr Reifen hat, um sich zu verbessern.
Alex Wurz: Im Normalfall wird das schnellste Auto fast doppelt belohnt. In den Ausscheidungsruns muss er am wenigsten oft fahren. Denn eine gute Zeit reicht, damit er unter den letzten Vier ist. Er hat dann die meisten Reifen und die besten Karten für das Rennen. Das Q3 wird vielleicht dadurch etwas vorhersehbar. Vielleicht haben wir aber den Effekt, dass es der eine oder andere hin und wieder etwas vermasselt oder Pech hat und dann rausfällt. Hier könnte ein bisschen mehr Spannung in den Rennsonntag kommen, ohne es zu künstlich zu beeinflussen. Um das gleich vorwegzunehmen: Von Reverse Grid oder ähnlichem bin ich in der Formel 1 0,0 Fan. Es kann nicht sein, dass der Schnellste bestraft wird.

Technische Änderungen für 2017 wurden auch beschlossen. Die gefallen dir aber besser, oder?
Alex Wurz: Ob sie zu einhundert Prozent beschlossen sind, weiß ich nicht. Lassen wir es auf uns zukommen. Aber wenn wir davon sprechen, dass die Autos mehr Abtrieb bekommen, um in den Kurven schneller zu sein, dann bin ich zu einhundert Prozent dafür. Der Fun-Faktor für den Rennfahrer ist die Kurve. Das sind die irrwitzigen Kurvengeschwindigkeiten. Dann wird es anstrengend. Dann wird es schwieriger. Dann wird es für die Auge/Hirn-Koordination extremer.

Natürlich sind die Autos immer noch dramatisch schwierig, es ist ur-schwer, hier gegen diese weltbesten Fahrer zu gewinnen. Der Kommentar der Strategiegruppe, die Autos seien einfacher zu fahren, ist total verrückt. Da muss ich sagen: Auch in einer Seifenkiste ist es schwierig, die weltbesten Fahrer zu schlagen. Aber es ist physisch nicht mehr hart, weil die Fliehkräfte weg sind. Wenn wir in Kurve 3 hier in Barcelona 40 Stundenkilometer langsamer sind als 2009, brauchst du weniger Nackenmuskeln und du schwitzt weniger und das ist es, was einfacher ist. Physisch ist es einfacher.

Kurve drei von Barcelona ist keine körperliche Herausforderung mehr - Foto: Sutton
Kurve drei von Barcelona ist keine körperliche Herausforderung mehrFoto: Sutton

Jeder Fahrer will aber so schnell in den Kurven fahren, wie es nur geht. Und am besten schneller als je zuvor. Und dann ist es geil. Das ist eine authentische Nachricht. Du siehst es dem Fahrer ins Gesicht geschrieben, wenn er aus dem Auto aussteigt und er lacht, weil er gerade den neuen Rundenrekord erreicht hat. Da braucht man nichts mehr vermarkten, du musst nur ein authentisches Bild übermitteln. Das wird ein Schlüsselelement, das vielleicht jetzt ein bisschen gelitten hat.

Dann kommen wir aber zum ewigen Problem: Mehr Abtrieb bedeutet gleichzeitig, dass Überholen immer schwieriger wird. Stichwort Prozession.
Alex Wurz: Auf diesen Einwand habe ich gewartet: Bis zur GPDA-Umfrage gab es keine einzige Untersuchung, was der Zuschauer zuhause wirklich will, was ihn an der Formel 1 fasziniert. Unter den 200.000 befragten Fans waren alle dabei: moderate Fans genauso wie Hardcore-Fans, um das wissenschaftlich komplett zu untermauern. Aus allen Ländern der Welt. Wir haben in allen Segmenten, ob jung, alt, weiblich, männlich, deutsch oder aserbaidschanisch mehr als 1000 Leute. Das ist wissenschaftlich robust.

Und wenn du es genau analysierst, kommt in dieser Umfrage eigentlich etwas andres heraus. Es geht dem Zuschauer nicht nur um Überholmanöver. Der Zuschauer will kein Basketballspiel sehen. Er ist happy mit einem Fußballspiel. Er will, dass es kompetitiv ist. Und ein tolles Fußballspiel kann 0:0 ausgehen und trotzdem total spannend sein. Und nicht wie im Basketball, wo du weißt, wenn eine Mannschaft angreift, dass es zu 90 Prozent ein Korb wird. Das ist die Formel 1 nicht.

Das heißt: Was wir seit 2000 intern sagen, es muss mehr überholt werden, war vielleicht ein dramatischer Trugschluss im Jahr 2000. Die meisten Leute haben gesagt, dass das, was um 2000 rum war - Reifenkrieg, Nachtanken, die Autos - das war für sie die geilste Formel 1. Da ist wahnsinnig wenig überholt worden. Erinnere dich! Aber die Faszination der Formel 1, die Technologie, die Leute dahinter - das wurde sehr positiv und für die damalige Zeit super transportiert.

Die frühen 2000er-Jahre gelten als bislang letzte goldene Ära der Formel 1 - Foto: Sutton
Die frühen 2000er-Jahre gelten als bislang letzte goldene Ära der Formel 1Foto: Sutton

Ich zitiere an dieser Stelle mal Jacques Villeneuve, der sagt, man dürfe nicht auf die Fans hören, weil es dadurch am Ende schlechter würde. Die Fans wüssten nicht, was gut für den Sport sei.
Alex Wurz: Da gebe ich ihm Recht, was die kurzfristigen Änderungen anbelangt und teils Änderungen, die sehr komplex sind. In der Umfrage wünscht sich etwa die Mehrheit Nachtanken. Das wäre für die Formel 1 jetzt eigentlich schlecht, weil es mehr Geld kostet. Dann haben wir vielleicht ein, zwei Teams, die Bankrott gehen. Vor allem war, wenn man es genau analysiert, nicht das Nachtanken selbst, das die Rennen besser gemacht hat. Es war die Zeit, in der es Nachtanken gab, die für uns die spannendste war.

Man muss das natürlich anders betrachten, als nur die eine Nachricht. Die Umfrage ist natürlich nicht die eine Antwort fürs Leben, weil es viel komplexer ist. Aber es ist zumindest ein wissenschaftlicher Aspekt. Denn eines ist ganz klar: Der Kunde hat immer recht. Wenn Coca Cola oder McDonalds ignorieren, was der Kunde haben will, wenn der Big Mac nicht mehr schmeckt und er nicht mehr zu McDonalds geht, dann muss man analysieren, warum. Früher hat er ihnen geschmeckt. Deswegen ist richtige Forschung für die Produkte ganz wichtig. Und die Formel 1 ist ein Produkt.

Fans sind aber keine Freunde von geschlossenen Cockpits in der Formel 1. Du schon.
Alex Wurz: Hier gibt es Hardcore-Fans, die das, was im Reglement als 'Open-Wheel' bezeichnet wird, automatisch als 'Open-Cockpit' verstehen. Ich gebe ihnen vollkommen Recht, dass die Autos so ganz cool aussehen und wir uns daran gewöhnt haben. Grundsätzlich wollen wir Menschen ja keine Änderung. Aber bei einem Thema müssen wir aus dem Werdegang unserer Gesellschaft Konsequenzen ziehen: das ist das Thema Sicherheit. Evolution muss die Sicherheit treiben, nicht Tradition.

Eine derartige Cockpit-Kanzel soll schon 2017 kommen - Foto: McLaren
Eine derartige Cockpit-Kanzel soll schon 2017 kommenFoto: McLaren

Traditionell hat der Motorsport Leute umgebracht. In den 60ern ist bei jedem sechsten Rennen ein Mensch gestorben. Und es hat sich so verbessert, dass es mit Bianchi einen Todesfall in 20 Jahren gab. Die Formel 1 ist dramatisch sicherer. In diesen 40 oder 50 Jahren ist die Popularität der F1 nur gestiegen. Es gibt überhaupt keine Korrelation, dass Gefahr mit tödlichen oder schweren Verletzungen popularitätsfördernd ist. Die Daten sind ganz genau umgekehrt.

Da treibt die Evolution die Sicherheit voran. Auch wenn es nicht schön ist in den ersten zwei, drei Jahren. Damals haben die Leute auch geschimpft über das Headrest. Damals hat es noch kein Twitter gegeben. Aber wenn du damals mit ihnen gesprochen hättest, hätten sie gesagt, dass es scheiße aussieht. Karl Wendlinger wäre aber fast umgekommen und seither hat der Seitenaufprallschutz viele Menschenleben gerettet.

Dich hätte es in Melbourne beim Unfall mit David Coulthard auch einmal fast erwischt.
Alex Wurz: Ja, ich bin fast geköpft worden. Das Halo-Konzept [Heiligenschein über dem Fahrer] und die Cockpit-Kanzel sind etwas, mit dem wir uns sicherlich Kritik einholen. Aber willst du dabei sein, wenn zufällig wieder einer ein Rad auf den Kopf bekommt? Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass dich etwas am Kopf trifft. Die letzten paar tödlichen Unfälle, denke an Surtees und Wilson, waren Kopfverletzungen. Das können wir nicht ignorieren.

Glaubst du nicht, dass ein gewisses Restrisiko die Leute begeistert?
Alex Wurz: Was wir glauben, würde ich gerne mit wissenschaftlichen Beweisen untermalen. Deshalb würde ich gerne den Otto Normalverbraucher fragen. Deswegen haben wir eine Umfrage gemacht. Wir haben angefangen zu verstehen, damit wir nicht glauben müssen, was die Leute wollen. Ich denke, dass Coca Cola genau weiß, was der Kunde vom Produkt erwartet. Ein Erfrischungsgetränk. Wir vermuten immer noch ein bisschen viel. Warum können wir das nicht wissenschaftlich untermalen?

Meine persönliche Vermutung ist, dass kein normaler Mensch jemanden sterben sehen will. Das willst du von Natur aus nicht. Wir wissen nicht, was nach dem Tod passiert, deshalb verdrängen wir es. Daran wollen wir nicht erinnert werden, speziell nicht, wenn du das Rennen mit Kindern anschauen willst. Wir sind nicht mehr in der Nachkriegsgeneration, in der es heißt: Hero sein bedeutet Leben riskieren. Wir haben eine Anforderung an die Menschheit, dass keiner sich gefährden oder sterben muss. Wir sind ganz anders als vor 30 oder 40 Jahren.

Wir wollen aber Spannung. Wir wollen Hero-Zero-Momente. Ich möchte nicht sehen, dass Lewis Hamilton in Silverstone, wenn es zu regnen beginnt, in Copse rausrutscht, über die Asphaltzonen zurückkommt, fünf Zehntel verliert und immer noch das Rennen gewinnt. Ich hätte gerne, dass er als Hero dort stecken bleibt - dann springt ganz England und die ganze Welt auf und sagt "Um Gottes Willen, der war so knapp dabei, den Heim-GP zu gewinnen und jetzt steckt er im Kiesbett." Und Rosberg gewinnt. Diese Emotion ist wesentlich wichtiger. Dreher und Unfälle gehören schon dazu, aber das heißt nicht, dass es gefährlicher werden muss. Denn dann kann ich auch den Sitzgurt ausbauen und mit Lederkappe fahren.