Kopieren in der Formel 1. Jeder macht es, keiner spricht darüber? Nicht ganz. Motorsport-Magazin.com-Technik-Experte Jörg Zander - leitete unter anderem die Technik-Abteilungen von Sauber in der Formel 1 und Audi in der LMP1 - erklärt, wie in der Königsklasse des Motorsports kopiert wird.

Wie genau kann man Teile anhand von Fotos nachbauen?
Jörg Zander: Es gibt schon gute Möglichkeiten, aus Fotos oder Scans 3D-Modelle zu erstellen. Für die sogenannte Photogrammetrie gibt es entsprechende Software. Wir haben das in meiner Zeit als Technischer Direktor in Hinwil sogar ausprobiert. Wir haben das mit einem alten Frontflügel eines unserer Autos gemacht. Den haben wir bis auf einen Millimeter nachbilden können. Unsere Idee war, zu sehen, ob wir nicht den Red Bull Frontflügel kopieren können.

Wieviel Bildmaterial hat man von der Konkurrenz?
Jörg Zander: Jedes Wochenende kommen bestimmt 2.000 Bilder. Das macht jedes Team, alle bekommen Bildmaterial von anderen Teams - da gibt es keine Ausnahme. Wenn man etwas Spezielles braucht, sagt man das den Fotografen. Die schießen dann beispielsweise eine ganze Serie des Red-Bull-Frontflügels. Dadurch kann man ihn aus allen Lebenslagen begutachten. Genau solche Dinge geben die Teams in Auftrag.

Technik erklärt: Was macht ein Technischer Direktor?: (57:03 Min.)

Gibt es sogar Spezialisten für Kopien?
Jörg Zander: Durch die vielen Fotos kommt eine regelrechte Informationsflut auf einen zu. Es sind tausende Fotos. Es gibt jemanden, der die Fotos sortiert. Der Spezialist braucht sich dann nicht durch tausende Fotos vom Wochenende klicken, um die Details zu finden. Deshalb wird es vorsortiert und kategorisiert. Ich habe gerne auf Konzeptgruppen gesetzt, die sich im Vorfeld mit Innovationen für das neue Fahrzeug beschäftigen. Diese Leute waren hauptsächlich in die Gegner-Analyse involviert.

Was hat man von der Analyse der Gegner?
Jörg Zander: Mehrere Dinge. Einerseits will man sehen, ob die Konstruktionen und Innovationen des Wettbewerbs wirklich legal sind. Das kann man anhand des Bildmaterials überprüfen. Aber man macht es auch, um zu verstehen, wie diese Innovationen funktionieren. Man schaut, ob man das auch auf das eigene Konzept übertragen kann, um die Performance zu steigern.

Kopieren nicht ohne Anpassungen möglich

Wann baut man etwas nach?
Jörg Zander: Wenn man Features sieht, sind die speziell genau auf das Konzept des Erfinders abgestimmt. Es macht keinen Sinn, ein Leitblech eins zu eins ans eigene Auto zu schrauben. Es geht darum, dass das Aerodynamik-Konzept in der gesamten Komplexität miteinander harmoniert. Man kann Innovationen deshalb meist nicht direkt auf ein anderes Aero-Konzept übertragen. Man kann aber durchaus daraus lernen und ebenfalls über solche Details nachdenken. Nur man muss sie dann eben so anwenden, dass es auch funktioniert. Eine einfache Kopie auf das eigene Konzept zu übertragen, geht normalerweise nicht.

Außer, man baut das ganze Auto nach...
Jörg Zander: Hier müssen wir vorsichtig sein: Das Bodywork des Racing Point ist nicht identisch mit dem des letztjährigen Mercedes. Ja, viele Details sind von der Idee her ähnlich. Die Nase, die Leitbleche um die Seitenkästen herum, auch der Heckflügel. Aber es ist keine eins zu eins Kopie. Die Lufteinlässe der Seitenkästen zum Beispiel sind sehr unterschiedlich.

Foto: BMW
Foto: BMW

Aber insgesamt ist die Ähnlichkeit doch frappierend?
Jörg Zander: Racing Point war mit dem Konzept des stark angestellten Fahrzeugs am Ende angekommen. Sie beziehen den kompletten Antriebsstrang von Mercedes und haben sich angesehen, was der designierte Weltmeister macht. Man kann davon ausgehen, dass Mercedes diesen Antriebsstrang perfekt auf ihr Aerodynamik-Konzept ausgelegt hat. Die Geometrien werden speziell aufeinander abgestimmt sein. Getriebe und Differenzial liegen zum Beispiel genau auf der richtigen Höhe für ihre Bodenfreiheit. Hier sind viele Detailfragen miteinander verknüpft. Und dadurch ergeben sich schon fundamentale Dinge wie Radstand und Fahrhöhe. Dann hat sich Racing Point wohl gedacht, dass sie nicht versuchen sollten, zu klug zu sein. Warum sollte man denken, man könnte es besser als Mercedes machen? Damit hatten sie das Grundgerüst.

Aber auch der Rest sieht ziemlich ähnlich aus...
Jörg Zander: Teams arbeiten von Jahr zu Jahr. Ändert man plötzlich das komplette Konzept, hat man nichts, worauf man zurückgreifen kann. Dann kommst du zwangsläufig zu der Antwort, dass du es so machst wie der, der schon ein paar Mal hintereinander Weltmeister geworden ist. Wenn du selbst keine Referenz hast, holst du dir diese Referenzen.

Auch Kopieren ist eine große technische Aufgabe

Ist ein Ingenieur auf die Kopie stolz?
Jörg Zander: Natürlich ist es schön, wenn man eigene Innovationen und Konstruktionen hat. Aber: Es ist trotzdem eine große technische Aufgabe! Dass man Hauptparameter und die Philosophie kopiert, okay. Aber dass dann zum Funktionieren zu bringen! Es ist nicht so, dass man ein Foto macht, das Teil kopiert und alles funktioniert. Die CFD-Abteilung muss weiterhin normal arbeiten und Flächen so formulieren, dass sie funktionieren. Die standardisierten Ingenieurs-Prozesse im Bereich CFD und Aerodynamik bleiben. Da kommt man nicht drum herum.

Alles zu Mick Schumachers Formel 1-Einstieg! MSM Ausgabe 76: (02:21 Min.)

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