Der Frankreich GP 2019 heute (Rennstart um 15:10 Uhr, RTL und Sky übertragen live) droht kein moderner Klassiker der Formel 1 zu werden. Mercedes ist - nicht ganz unerwartet - derart überlegen, dass sich die Frage um den Sieg nur zwischen Lewis Hamilton und Valtteri Bottas stellt. Welcher der beiden Silberpfeile hat die besseren Chancen? Und wer hat dahinter das Sagen: Red Bull oder Ferrari? Oder sogar McLaren? Und was ist für Sebastian Vettel von Startplatz sieben noch drinnen?

Von vorne: Mercedes dominierte das gesamte Wochenende nach Belieben. Selbst Berufspessimist Toto Wolff muss zugeben: "Diese Strecke liegt unserem Auto. Wir haben viel Abtrieb, was auf einer kurvenreichen Strecke, auf der es nicht so sehr auf die Leistung ankommt, einen Vorteil darstellt."

In anderen Worten: Auch für Mercedes kommt die Überlegenheit nicht überraschend. Aber Toto Wolff wäre nicht Toto Wolff, würde er nicht trotzdem den Mahner geben: "Morgen wird ein sehr heißer Tag, weshalb es eine Herausforderung wird, die Reifen bis ins Ziel zu bringen. Es ist gut, dass wir auf den Medium-Reifen starten, aber alle Fahrer um uns herum setzen auf die gleiche Mischung. In der zweiten Reihe stehen zwei starke Piloten, weswegen wir gut wegkommen müssen und danach eine gute Zuverlässigkeit brauchen, um das Wochenende positiv abzuschließen."

Mercedes freut sich über Medium-Konkurrenz

Doch Mercedes Ingenieur Andrew Shovlin entkräftet ein Argument sogleich: "Mit dem Medium-Reifen waren heute mehr Teams denn je erfolgreich - es ist aber nicht schlecht, dass die Autos um uns herum auf der gleichen Reifenmischung starten." Der Grund dafür ist klar: Mercedes ist derart überlegen, dass man unter normalen Umständen nicht verlieren kann. Nur wenn der Gegner etwas anderes macht und damit Glück hat, kann das Unmögliche doch noch passieren. Das ist allerdings nicht der Fall.

Trotzdem mahnt auch Shovlin: "Wir erwarten morgen die höchsten Streckentemperaturen, die wir bislang in diesem Jahr gesehen haben. Ferrari und Red Bull sind bei diesen Bedingungen oftmals stark, deshalb sehen wir nichts als selbstverständlich an." Die Temperaturen waren aber auch schon am Freitag so hoch und Mercedes absolvierte die Longruns mit Abstand am besten.

Hamilton oder Bottas: Wer gewinnt den Start?

Realistisch betrachtet ist es nur ein Kampf zwischen Hamilton und Bottas. Hamiltons Pole Position kam einmal mehr etwas überraschend und deshalb eben auch nicht. Bottas sah das gesamte Wochenende etwas stärker aus, doch im entscheidenden Moment zeigte der fünfmalige Weltmeister einmal mehr, wer Herr im Silberhaus ist.

Im Normalfall wird das Rennen zwischen den beiden WM-Führenden in der ersten Kurve entschieden. Wer dort vorne ist, gewinnt. Die Pace der beiden war zu ähnlich, als dass einer den anderen auf der Strecke überholen könnte. Strategisch hat der Fahrer Vorrang, der vorne liegt. Heißt im Klartext: Wer vorne liegt, darf als Erster zum einzigen Stopp kommen. Ein großer Vorteil bei den extremen Temperaturen und beim erwarteten Reifenverschleiß.

Strategie beim Frankreich GP: Einstopp regiert

Damit schon zur Strategie: Obwohl der Reifenverschleiß enorm ist, wird alles auf eine Einstopp-Strategie hinauslaufen. Daran kann wohl auch die geänderte Boxengasseneinfahrt nichts ändern, die ein ganzes Stück Strecke abkürzt. Dafür herrscht in der Boxengasse Geschwindigkeitslimit 60 Stundenkilometer.

Eine Zweistoppstrategie ist laut Pirelli-Analyse deutlich langsamer. Da alle Top-Piloten in den Top-10 auf Medium starten, sollte der erste Stint zwischen 22 und 27 Runden dauern. Anschließend geht es auf der harten Mischung zu Ende.

Best of the Mercedes-Rest: Ferrari oder Red Bull?

Doch wer kommt hinter dem Mercedes-Duo ins Ziel? Sebastian Vettel hatte ein völlig verpatztes Qualifying. Zuerst immer eine Schippe langsamer als Teamkollege Charles Leclerc, im entscheidenden Q3 dann von der Rolle - nur Startplatz sieben. Leclerc zeigte, wozu der Ferrari eigentlich imstande ist.

Wie gut ist Red Bull im Rennen? - Foto: Red Bull
Wie gut ist Red Bull im Rennen?Foto: Red Bull

Der Monegasse fuhr in einer eigenen Liga. In der Liga hinter Mercedes und vor allen anderen. Sechs Zehntel hinter den Silberpfeilen, vier Zehntel vor Max Verstappen im Red Bull. Trotzdem gibt Leclerc noch nicht ganz auf: "Ich werde pushen, um einen guten Start zu haben, um sie im Rennen herauszufordern."

Also Methode Kanada? Dort war Vettel im Rennen auch langsamer, doch Hamilton kam ohne Strafe nicht an Vettel vorbei. Montreal lag Ferrari aber viel besser, dort konnte sich Vettel mit dem Topspeed-Vorteil retten. Ein ähnliches Spiel ist in Frankreich eher unwahrscheinlich - der Paceunterschied ist schlichtweg zu groß.

Stattdessen droht für Leclerc eher Gefahr von hinten. Der Circuit Paul Ricard ist die erste normale Rennstrecke seit Barcelona und wird bei der Charakteristik gerne mit dem Circuit de Catalunya verglichen. Dort schnappte Verstappen - von P4 gestartet - Vettel den Podiumsplatz weg.

Verstappen: Eigentlich näher an Ferrari dran

Der große Quali-Rückstand macht dem Niederländer keine Sorgen. "Wir hätten im Q3 näher dran sein können, aber meine letzte Runde war nicht sehr sauber", erklärt er. "Ich glaube nicht, dass wir Mercedes angreifen können, aber ich hoffe, wir können gegen Ferrari kämpfen."

Red Bulls Longruns waren am Freitag waren deutlich besser als jene von Ferrari. Aber Vorsicht: Ferrari nutzte die Trainings vor allem dazu, neue Teile zu testen. Dazu war schon der Freitag in Montreal nicht berüchtigt für die Scuderia. Durch die Entwicklung der Strecke waren die Probleme später am Wochenende deutlich geringer. Der Kampf zwischen Leclerc und Verstappen scheint offen.

Wie stark ist McLaren?

Und was ist mit McLaren? Die Briten feierten eine kleine Wiederauferstehung. Startplatz fünf für Lando Norris, Carlos Sainz direkt dahinter. So gut war McLaren seit 2014 nicht mehr. Norris fehlten gar nur nur wenige Tausendstel auf Verstappen. "Und die hätte ich gehabt", ärgert sich der Rookie.

McLaren ist in Le Castellet die große Überraschung - Foto: LAT Images
McLaren ist in Le Castellet die große ÜberraschungFoto: LAT Images

Auch die Longruns am Freitag sahen stark aus. Aber reicht das für Red Bull? Bei McLaren ist man geteilter Meinung. "Ich denke, Mercedes und Ferrari sind schneller. Red Bull sieht so aus, als ob wir mit ihnen kämpfen könnten", glaubt Norris. "Ich wünsche es mir, aber es fällt mir schwer zu glauben", so Sainz. Verstappen erteilt McLaren eine Absage: "Wir sollten drei oder vier Zehntel auf sie haben."

Das alles sind keine guten Nachrichten für Sebastian Vettel. Klar, der Ferrari ist eigentlich schneller als der McLaren. Aber McLaren ist näher dran an der Spitze als für den berühmtberüchtigten Best of the Rest üblich. Deshalb wird es womöglich nicht ganz so einfach, die Positionen gutzumachen. Wenn ein Top-Auto 'out of position' startet, geht es oftmals durch das Feld durch wie das heiße Messer durch die Butter.

Vettel mit Topspeed-Vorteil

Immerhin hat der Ferrari seinen Topspeed-Vorteil auf der Geraden. Die McLaren sind aber längst keine Opfer mehr wie im vergangenen Jahr. Der MCL34 ist - in Relation zum neuen Reglement - aerodynamisch effizienter als sein Vorgänger und damit auf den Geraden schneller.

Teamchef Mattia Binotto erwartet trotzdem eine Aufholjagd seines Top-Piloten. "Es gibt hier Geraden, deshalb sollte es genügend Möglichkeiten geben, nach vorne zu kommen", so der Italiener.

Vettel selbst gibt sich ebenfalls optimistisch: "Ich hatte auf der letzten Runde einfach nicht das Gefühl wie zuvor im Qualifying und deshalb stehen wir nicht da, wo wir stehen sollte. Das Auto war besser und auf der anderen Seite freue ich mich auf morgen. Es wird schwierig, die Reifen zu managen, aber im Rennen beruhigt sich die Thematik normalerweise, weshalb es viel einfacher und konstanter sein sollte."

Fazit: Der Mercedes, der nach Kurve eins vorne liegt, gewinnt den Frankreich GP. Dahinter kommt es zum Duell Verstappen gegen Leclerc. Die McLaren können unter normalen Umständen nicht ganz mit der Spitze mithalten. Die Frage ist: Wie lange braucht Vettel, um Norris und Sainz zu überholen? Möglicherweise ist dann der Zug für das Podium schon abgefahren.