Force India ist die große Unbekannte der neuen Formel-1-Saison. Aufgrund von Verzögerungen bei der Produktion konnte das neue Auto nur an den letzten drei Tagen der Wintertests gefahren werden. Doch dabei zeigte es keine technischen Probleme. Der Rückstand auf die Konkurrenz ist dennoch enorm. Fragezeichen bleiben auch hinsichtlich der finanziellen Situation des Teams.

Das Team: Der indische Rennstall mit Sitz im britischen Silverstone gehört zu den finanziell angeschlagenen Teams in der Formel 1. Neben Lotus und Sauber erhielt auch Force India einen Teil seiner Preisgelder bereits jetzt, um überhaupt in Australien an den Start gehen zu können. Das neue Auto wurde erst verspätet fertig, Gerüchte, wonach auch daran die finanzielle Schieflage schuld sein soll, dementierte das Team.

In den Führungspositionen sieht es bei Force India katastrophal aus. Teamchef Vijay Mallya darf Indien nur noch unter Auflagen verlassen, nachdem seine Fluglinie insolvent wurde. Co-Eigentümer Subrata Roy Sahara sitzt gar im Gefängnis. Am Personal an der Strecke sowie in der Fabrik hat sich jedoch nichts geändert. Hier herrscht Kontinuität. Wichtigster Mann im operativen Geschäft ist der stellvertretende Teamchef Rob Fernley. Für die technische Entwicklung zeichnet sich Andrew Green verantwortlich. Chefingenieur ist Tom McCullough.

Teamchef Vijay Mallya hat Schwierigkeiten mit den indischen Behörden - Foto: Force India
Teamchef Vijay Mallya hat Schwierigkeiten mit den indischen BehördenFoto: Force India

Das Team arbeitet eng mit Mercedes zusammen. Zum einen liefert der deutsche Autobauer neben der Power Unit auch Getriebe und weitere Systeme, zum anderen erhielt Mercedes-Testpilot Pascal Wehrlein bei den Testfahrten die Möglichkeit, den Vorjahreswagen zu fahren. Seit diesem Jahr darf Force India den Windkanal von Toyota in Köln nutzen.

Team-Note: ausreichend

Die Fahrer: Alles beim Alten in Sachen Fahrer bei Force India. Wie bereits 2014 werden Nico Hülkenberg und Sergio Perez für das Team an den Start gehen. Durch die Routine in der Zusammenarbeit könnte sich dieser Fakt als Vorteil herausstellen.

Nico Hülkenberg geht in seine fünfte Saison in der Formel 1. Passend zu seinem Hobby Klettern schaffte es der Emmericher jedes Jahr, sich in der Fahrer-WM nach oben zu arbeiten: 2010 wurde er 14., 2012 Elfter, 2013 landete er auf Rang zehn und die vergangene Saison beendete er auf Platz neun. Ob es auch in dieser Saison weiter nach oben geht, darf aufgrund der Umstände innerhalb des Teams zumindest bezweifelt werden.

Der 27-Jährige absolvierte bislang 77 Rennen in der Formel 1, als beste Platzierung steht zweimal Rang vier zu Buche: zum ersten Mal in Belgien 2012 und dann noch einmal beim GP von Südkorea 2013.

Sergio Perez (l.) und Nico Hülkenberg sind auch 2015 die Fahrer bei Force India  - Foto: Sutton
Sergio Perez (l.) und Nico Hülkenberg sind auch 2015 die Fahrer bei Force India Foto: Sutton

Wie Hülkenberg, so geht auch Sergio Perez in seine fünfte Saison in der Königsklasse. Der Mexikaner kann sich auf ein besonderes Jahr 2015 freuen. Zum ersten Mal nach 23 Jahren kehrt die Formel 1 in seine Heimat zurück. Sein persönliches Saisonziel steht für Perez indes bereits fest. "Es ist ziemlich einfach - ich will mein bestes Jahr in der Formel 1 absolvieren", sagte Perez. Bislang erreichte er zweimal Gesamtrang zehn - 2012 für Sauber und in der vergangenen Saison für sein jetziges Team.

Der 25-jährige Perez sieht im Vergleich zum Vorjahr einen wichtigen Vorteil: "Letztes Jahr musste ich mich an ein neues Team und an eine neue Umgebung gewöhnen", erinnerte Perez an seinen Wechsel vom Sauber-Team zu Force India. "Darauf möchte ich aufbauen und ich hoffe auf bessere Resultate 2015, sowohl für mich, als auch für mein Team." Für Perez stehen bislang vier Podestplatzierungen zu Buche, zuletzt mit Platz drei in Bahrain 2014.

Fahrer-Note: gut

Das Auto: Das neue Fahrzeug trägt den Namen VJM08. Angetrieben wird es nach wie vor von der Power Unit aus dem Hause Mercedes. Damit hat das Team den besten Antrieb zur Verfügung. Technikchef Andrew äußerte sich bei der Präsentation zu den Neuerungen am Auto. "Mit der Absenkung des vorderen Teils des Chassis und der Nase sieht die Front des Autos ganz anders aus als das, was wir zuvor entwickelt hatten", beschrieb Green die optischen Auffälligkeiten.

Der neue VJM08 wurde erst spät fertiggestellt - Foto: Sutton
Der neue VJM08 wurde erst spät fertiggestelltFoto: Sutton

Auch innerhalb des Autos gab es einige Veränderungen. "Unter der Haut befindet sich ein komplett neues hinteres Aufhängungslayout mit einem neuen hydro-mechanischen System, das die ursprünglichen Torsionsfedern ersetzt", erläuterte der Technikchef. "Das wird es uns erlauben, neue Setupkonfigurationen am Heck zu erkunden und Setup-Änderungen in der Garage sehr viel schneller vorzunehmen", ergänzte Green.

Eine Revolution sei das Auto jedoch nicht. "Dieses Jahr liegt unser Fokus vor allem darauf, das Paket, das wir 2014 hatten, zu verfeinern und weiterzuentwickeln", sagte Green. Das Vorjahres-Modell war gerade in der ersten Saisonhälfte enorm stark, danach fehlten auch die finanziellen Ressourcen zur Weiterentwicklung.

Getestet werden konnte das neue Auto jedoch kaum. Viel zu spät wurde der VJM08 fertig. Erst bei den letzten Tests in Barcelona konnten Nico Hülkenberg und Sergio Perez auf die Strecke gehen. Der Saisonstart in Melbourne gleicht einem Sprung ins kalte Wasser. Daher ist eine Einschätzung zur Leistungsfähigkeit des Autos nicht möglich.

Auto-Note: keine Einschätzung möglich

Die Zuverlässigkeit: Nur drei Tage verblieben den Fahrern, Daten zu sammeln. Aber das taten sie ordentlich. Technische Probleme? Keine Spur. Nur ein Plattfuß konnte als Zwischenfall vermeldet werden. Starke 1699 Kilometer spulte das Team von Freitag bis Sonntag ab. Zum Vergleich: McLaren-Honda legte an allen zwölf Testtagen insgesamt nur 52 Kilometer mehr zurück.

Dementsprechend zufrieden zeigte sich Nico Hülkenberg nach seinen 158 Runden am Samstag: "Es ist schon eine Überraschung, für das Team und auch für mich. Es ist sehr gut, dass wir hier hergekommen sind und alles einfach so aus dem Ärmel geschüttelt haben. Das ist genau das, was wir gebraucht haben." Einen ersten Vergleich zum letztjährigen Auto konnte der Deutsche auch bereits ziehen. "Es fühlt sich nicht sehr viel anders an, als im vergangenen Jahr. Deshalb war es leicht, einzusteigen und die richtigen Anpassungen vorzunehmen", so Hülkenberg.

An seinen drei Einsatztagen zeigte sich das neue Fahrzeug sehr zuverlässig - Foto: Sutton
An seinen drei Einsatztagen zeigte sich das neue Fahrzeug sehr zuverlässigFoto: Sutton

Trotz dieser respektablen Leistung in Barcelona ist der Rückstand auf die Konkurrenz enorm. Hülkenberg ist sich dessen bewusst. "Es wird keine leichte Nummer in Melbourne für uns, sondern eine große Herausforderung. Aber ich bin da total entspannt. Wir fahren ja nicht nach Melbourne, um dort zu gewinnen", blickte der 27-Jährige auf den Saisonauftakt. Sein Ziel ist erst einmal klar: "Jetzt müssen wir einfach fokussiert bleiben und versuchen dieses Auto zu entwickeln." Ob das Auto wirklich so zuverlässig ist, wird sich zeigen.

Zuverlässigkeit-Note: gut

Saisonziel:Kampf um Platz fünf in der Konstrukteurs-WM

Pro

  • Personelle Rochaden gab es keine, das Team ist eingespielt und arbeitet blind zusammen
  • Auch in den vergangenen Jahren machte das Team aus fast nichts sehr viel
  • Mit Hülkenberg und Perez hat Force India eine gute Fahrerpaarung

Contra

  • Das Team steht finanziell nahe am Abgrund
  • Das neue Auto wurde viel zu spät fertig - der Entwicklungsrückstand ist zu groß
  • Die dubiosen Besitzverhältnisse lassen auch das Team nicht unberührt