Es war der Schockmoment der Rallye Monte Carlo 2016. Jari-Matti Latvala kommt mit seinem Volkswagen Polo R WRC auf der elften Wertungsprüfung von der Strecke ab und fährt in die Zuschauer. Dabei erwischt er einen Mann leicht. Während dieser zu Boden ging, setzte der Finne seine Fahrt weiter.

Die Stewards sahen nach Auswertung des Videomaterials ein klares Vergehen des Volkswagen-Piloten, der sich nach einem derartigen Zwischenfall an Ort und Stelle über das Befinden der Zuschauer hätte erkundigen müssen. Sie belegten ihn und Beifahrer Miikka Anttila mit einer Geldstrafe von 5000 Euro und setzten zudem eine Sperre für ein WRC-Event 2016 auf Bewährung aus, sollte er sich ein weiteres gleichgeartetes Vergehen zu Schulden kommen lassen. Motorsport-Magazin.com diskutiert. Ist eine Bestrafung in diesem Fall wirklich gerechtfertigt, oder wird Latvala und seinem Beifahrer Unrecht getan.

Monte Carlo: Latvala fährt Zuschauer um: (00:20 Min.)

Pro: Latvala handelte fahrlässig

"Es ist nicht plausibel für die Stewards, dass die Crew nicht einmal die Möglichkeit in Betracht gezogen hat, dass sie einen Zuschauer angefahren hat." Diese Aussage in der offiziellen Mitteilung zur Strafe gegen Jari-Matti Latvala ist der entscheidende Punkt. Es ist unwahrscheinlich, dass der Finne weder vor noch nach dem Unfall bemerkt hat, dass an dieser Stelle Zuschauer standen. Dass er sie aufgrund der schlechten Sicht nach dem Abflug nicht erkennen konnte, ist durchaus plausibel, aber keine Entschuldigung. Denn wenn ein Fahrer nichts sehen kann, sollte er auch nicht weiterfahren, um weder sich noch andere zu gefährden.

Bereits bei der Rallye Deutschland 2014 war Latvala in Kritik geraten. Er hatte auf einer Prüfung die Kontrolle über seinen Polo R WRC verloren und war in die Weinberge gerutscht. Um auf der Serpentinen-Straße weiter unten wieder auf die Strecke zu kommen, fuhr er mit hoher Geschwindigkeit mitten durch den Weinberg. Erst im letzten Moment konnten sich die weiter unten am Hang stehenden Zuschauer in Sicherheit bringen und dem Polo des Finnen ausweichen. Auch in diesem Moment ignorierte Latvala die mögliche Gefährdung von Fans, nur um seine Fahrt schnellstmöglich fortsetzen zu können.

Jari-Matti Latvala steht nach dem Unfall bei der Rallye Monte Carlo in der Kritik - Foto: Sutton
Jari-Matti Latvala steht nach dem Unfall bei der Rallye Monte Carlo in der KritikFoto: Sutton

Latvala hat damals wie auch jetzt in Monte Carlo fahrlässig gehandelt. Selbst wenn er jetzt, wie er betonte, den Aufprall des Mannes auf der Motorhaube seines Polo R WRC nicht bemerkte, hätte er überprüfen müssen, ob alle Zuschauer in Ordnung sind. Die Sicherheit aller Beteiligten steht für die WRC an erster Stelle. Das zeigt nicht zuletzt ein vor der Rallye Monte Carlo veröffentlichtes Video, in dem Unfälle mit Zuschauern gezeigt werden und die Fahrer - Latvala eingeschlossen - an die Fans appellieren. Latvala mahnt dazu, den Anweisungen der Streckenposten Folge zu leisten. Er selbst hielt sich jedoch nicht an das Reglement der FIA, das vorschreibt, dass ein Fahrer sofort anhalten und Maßnahmen einleiten muss, wenn er einen Zuschauer angefahren hat.

Ob Latvala nun wusste, dass er einen Fan angefahren hat oder nicht, wird wohl ein Rätsel bleiben. Denn die Aussagen des Volkswagen-Fahrers waren entweder widersprüchlich oder ungenau. Das lässt an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln. Die Strafe ist für ihn ein Denkzettel und für die WRC im Allgemeinen eine Mahnung, weiter an der Sicherheit der Zuschauer zu arbeiten. Dabei sollte künftig nicht nur an die Fans appelliert werden, sondern auch an die Fahrer.

Contra: Latvala wird Unrecht getan

Latvala hat den Zuschauer angefahren und seine Fahrt ohne Unterbrechung fortgesetzt. Daran gibt es keinen Zweifel. Allerdings behauptet der Finne felsenfest, nicht bemerkt zu haben, dass er den Mann erwischt hatte. Seine Begründung durch starken Dampf des Autos und viel aufgewirbelten Schlamm keine klare Sicht gehabt zu haben, erscheint plausibel. Zwar sind die Stewards nach Auswertung des Onboard-Materials anderer Meinung, die Kamera filmt aber aus einem anderen Winkel als es die Sicht des Fahrers zulässt. Sie ist deutlich höher angebracht und bietet damit mehr Überblick über die Situation. Es ist also durchaus möglich, dass die Kamera einen Blickwinkel aufgezeichnet hat, der der Crew im Cockpit nicht zur Verfügung stand.

Die Onboard-Kamera nimmt einen anderen Blickwinkel auf - Foto: youtube/Petter Solberg
Die Onboard-Kamera nimmt einen anderen Blickwinkel aufFoto: youtube/Petter Solberg

Des Weitern argumentieren die Stewards, dass Latvala in jedem Fall hätte anhalten müssen - egal, ob er den Unfall bemerkt hatte oder nicht. Bei derartigen Unfällen spielt allerdings Adrenalin eine große Rolle. Latvala war mitten in der Wertungsprüfung und kämpfte um die Bestzeit. Er kam von der Strecke ab und war vermutlich in diesem Moment selbst geschockt von der Situation und hatte nur den einzigen Gedanken im Kopf, so schnell wie möglich wieder auf die Strecke zu kommen und die Fahrt fortzusetzen. In diesem Moment handelte er vermutlich anders, als er es in einer ruhigen und besonnenen Minute getan hätte. Dieses Verhalten konnte bereits oft im Motorsport beobachten werden - auch von sehr erfahrenen Rennfahrern.

Monte Carlo: Latvala crasht und fährt Zuschauer an: (00:29 Min.)

Schwer wiegt in der Situation natürlich die Aussage von Julian Porter. Er behauptet, Latvala habe ihm von dem Unfall mit dem Zuschauer erzählt und ihn gebeten, sich nach dessen Wohlbefinden zu erkundigen. Hier steht Aussage gegen Aussage. Latvala selbst behauptet, er habe keinen Zusammenprall gemerkt, wollte sich von Porter allerdings die 100 prozentige Absicherung holen. Latvala gilt als durch und durch ehrlicher Sportsmann und drückt sich nie davor, Fehler ehrlich zuzugeben. Es ist gut möglich, dass in der hektischen Situation während der Reparatur des Polos - während andauernd Autos an der betroffenen Stelle vorbeifuhren - Porter die Aussagen des Finnen missverstand. Zudem ist Latvala kein Muttersprachler und in der Hektik könnte er sich falsch ausgedrückt haben. In diesem Fall gilt das Prinzip: Im Zweifel für den Angeklagten.