Es geschah am 8. August kurz nach 15:35 Uhr nachmittags in Portimao. Sandro Cortese befindet sich in der letzten Runde des ersten von drei Superbike-Läufen auf dem portugiesischen Rennkurs an der Algarve-Küste, als es plötzlich zu einem folgenschweren Unfall kommt. Der 30-jährige Deutsche kracht in die Streckenbegrenzung und wird sofort von einem starken Schmerz im Rücken durchzuckt. Abseits der TV-Kameras, deren ganze Aufmerksamkeit Sieger Jonathan Rea auf sich zieht, wird der schwer an der Wirbelsäule verletzte Cortese erstversorgt, mit dem Rettungshelikopter von der Strecke in das nahegelegene Krankenhaus von Faro gebracht und dort notoperiert. Drei Tage später kann der ehemalige Moto3- und Supersport-Weltmeister in den sozialen Medien Entwarnung geben: Operation geglückt, Querschnittslähmung abgewendet, Rückkehr nach Deutschland absehbar. Seit diesen Augusttagen hat sich das Leben des Sandro Cortese stark verändert. Vom Sattel seiner Kawasaki Ninja ZX-10RR ging es für den Rennfahrer über die Umwege OP-Saal und Krankenbett in den Rollstuhl, den er erst nach einigen Wochen verlassen durfte. Mit Motorsport-Magazin.com unterhielt sich Sandro Cortese über die schwierige Zeit seit dem Unfall und den Weg zurück zu einem normalen Leben.

Motorsport-Magazin.com: Sandro, wie geht es dir aktuell?
Sandro Cortese: Mir geht es aktuell wieder besser. Ich bin natürlich weit weg von hundertprozentiger körperlicher Fitness, aber ich kann wieder laufen. Seit Anfang Oktober darf ich dabei sogar die Krücken weglassen. Schritt für Schritt geht nun ein bisschen der Weg zurück in das normale Leben los. Ich kann wieder Treppen steigen und mich endlich auch wieder normal fortbewegen. Das ist einfach das Wichtigste.

Kannst du dich noch an den Unfall erinnern?
Sandro Cortese: Ja, ich habe noch alle Erinnerungen an den Unfall und weiß noch genau, was damals alles passiert ist.

Was ging in deinem Kopf in den ersten Minuten nach dem Unfall vor?
Sandro Cortese: Ehrlich gesagt geht dir in den ersten Minuten gar nicht viel durch den Kopf, weil die Schmerzen damals so stark waren.

Wie viele operative Eingriffe musstest du seither über dich ergehen lassen?
Sandro Cortese: Ich musste mich unmittelbar nach dem Unfall am Rücken operieren lassen. Das war eine Not-Operation direkt in Portugal, weil ich bei dem Einschlag einen Trümmerbruch im Rücken erlitten habe. Zwei Wochen später musste auch noch das Außenband am Knie operiert werden, weil das bei dem Unfall ebenfalls gerissen ist.

Wie war das erste Gefühl, als du das Krankenhaus verlassen durftest?
Sandro Cortese: Das Gefühl, als ich das Krankenhaus nach vier Wochen endlich verlassen durfte, war einfach nur befreiend. Ich habe viele schlimme Sachen gesehen, als ich in der Querschnitts-Station gelegen bin. Da wurde mir nochmal so richtig bewusst, wieviel Glück ich tatsächlich bei diesem Unfall hatte.

Du durftest dich anfänglich ja nicht viel bewegen. Wie schwierig ist das für einen Sportler wie dich, der üblicherweise jeden Tag trainiert?
Sandro Cortese: Die Zeit war natürlich sehr schwierig für mich. Ich war bettlägerig und habe die ersten vier Wochen im Rollstuhl verbracht. Ich wusste aber die ganze Zeit, dass ich nach einiger Zeit wieder laufen werde. Das ist natürlich ein beruhigendes Gefühl und hilft dabei, ruhig zu bleiben.

Hast du dir in dieser Zeit die Rennen der Superbike-WM, MotoGP usw. im Fernsehen angesehen oder wolltest du erst einmal Abstand zum Sport?
Sandro Cortese: Nein, ich habe diese Zeit natürlich genutzt, um mir alle Rennen anzusehen - sowohl in der MotoGP, als auch in der Superbike-WM. Auf der einen Seite hat mir das die Wochenenden ein bisschen verkürzt, auf der anderen Seite war es aber natürlich sehr hart, wenn man nur zusieht und nicht selber mitfahren kann.

Welche Personen waren für dich in den ersten Wochen nach dem Unfall die wichtigsten, die dich in dieser schwierigen Zeit wieder aufgebaut haben?
Sandro Cortese: Die wichtigsten Personen waren die Familie, Freunde und die Freundin, die einem tagtäglich zur Seite gestanden sind. Ohne diese Personen hätte ich diese Zeit sicherlich nicht so leicht hinter mich gebracht.

Wann konntest du mit ersten Übungen für eine Reha beginnen und wie sieht der Reha-Fahrplan für die kommenden Wochen und Monate aus?
Sandro Cortese: Ab 14. Oktober war ich in der Reha und das Ganze hat vorerst einmal vier Wochen gedauert. Ich habe dort versucht, meine Muskeln wieder aufzubauen, die wirklich sehr gelitten haben unter der Bettlägerigkeit. Ich hoffe, dass ich möglichst bald auch wieder Sport machen kann - ein bisschen mehr, so wie ich es aus meiner langen Karriere gewohnt bin.

Sandro Cortese ist seit mehr als vier Monaten nicht Motorrad gefahren - Foto: Kawasaki
Sandro Cortese ist seit mehr als vier Monaten nicht Motorrad gefahrenFoto: Kawasaki

Lässt sich schon abschätzen, wann du wieder Motorradfahren darfst?
Sandro Cortese: Wann und wie ich wieder Motorrad fahren werde, kann man ganz schlecht abschätzen. Es wird einen weiteren OP-Termin geben, um die Schrauben aus dem Rücken herauszuholen, die im Moment schon sehr stören. Danach werden wir sehen, wie es weitergeht. Es wird sicherlich noch viele Monate dauern, bis ich wieder körperlich gut dastehe. Aber ich weiß, dass ich wieder gesund werden kann. Das ist für mich das Wichtigste.

Wie ist es um deine eigene sportliche Zukunft bestellt? Machst du dir darüber aktuell Gedanken oder ist das gar kein Thema für dich?
Sandro Cortese: Was meine Zukunft betrifft, habe ich mir jetzt ehrlich gesagt noch überhaupt keine Gedanken gemacht. Ich habe einfach immer noch viel zu sehr mit meinen Verletzungen zu kämpfen. Wenn das alles irgendwann einmal ausgeheilt ist, dann werde ich entscheiden, in welche Richtung die Zukunft für mich geht.

Du warst in der Vergangenheit ja schon als Fernseh-Experte in der Motorrad-WM im Einsatz. Ist das eine Aufgabe, die du dir auch nach deinem Karriereende - wann auch immer das ist - vorstellen könntest?
Sandro Cortese: Wie gesagt, ob ich zurück auf das Motorrad steige, oder dann doch eine andere berufliche Laufbahn nehmen werde, hängt wirklich von meinem Gesundheitszustand ab. Ich muss wieder fit werden, erst dann kann ich mir wirklich Gedanken darüber machen. Sei es Motorradfahren, ein Job als Experte oder vielleicht in einem Team mitzuarbeiten - all das steht noch in den Sternen und daher kann ich dazu aktuell absolut noch nichts sagen.

Sandro wir wünschen die weiterhin gute Genesung und bedanken uns für dieses Interview!