Das Gelbfieber wird immer beeindruckender. Das Rennen in Misano ist dafür stets ein guter Indikator. Schon auf der Anreise am Mittwoch wird auf der Autobahn klar, dass der Lauf auf dem Misano World Circuit Marco Simoncelli nicht einfach nur ein Rennen ist, sondern mittlerweile eine Kultveranstaltung, ein Happening!

Extrem viele PKW mit 46- oder 58-Branding bevölkerten die Autobahnen bei der Anreise gen Adria. Irgendwie auch logisch, denn die Kombination aus MotoGP-Action, den Geburtsorten von Marco Simoncelli und Valentino Rossi, gutem und günstigen Essen sowie der Chance, noch im September einmal ins Meer zu springen, ist reizvoll. Und das trotz unverschämter Eintrittspreise, die aber von günstigen Pizza- und Pasta-Preisen wieder wettgemacht werden.

Und wo sonst dürfen sich Rossi Fans in vollem gelben Fantasie-Outfit zum Abendessen niederlassen ohne schräg angeguckt zu werden? In Misano Adriatico ist Gelb keine Farbe, sondern eine Religion. Und das hat Vale46 sich in zwanzig Jahren hart erarbeitet. Und ist immer noch Weltspitze! Mit einem Weltkonzern namens VR46 im Rücken, bei dem seine "Blues Brothers" ordentlich Geschäfte machen.

Willkommen im gelben Imperium

Zum Beispiel mit Merchandising-Artikeln auch für die Konkurrenten. Oder auch für Italiens Kult-Fußballklub Juventus Turin. Sagenhaft. Ein Imperium, aufgebaut von und rund um Valentino Rossi. Der das Bad in der Menge genießt .und auf der Auslaufrunde mal richtig langsam macht, um alles in sich auf zu saugen. Das muss ein tolles Gefühl sein, sein Lebenswerk auf dem Höhepunkt der Karriere noch auf dem Podest stehend vor sich ausgebreitet zu sehen. Das hat er sich verdient.

Emotionen pur: Die besten Momente von Valentino Rossi in Misano: (01:30 Min.)

Denn auch wenn der Rückstand auf Marc Marquez immer noch beträchtlich ist, Valentino anno 2016 ist der beste Rossi aller Zeiten. Auch wenn er jetzt schon länger Titel Nummer 10 hinter her jagt: So gut wie heute war er noch nie. Weil er auch noch nie so starke Rivalen hatte! Acht Rennen, acht verschiedene Sieger - sagenhaft. MotoGP ist auf dem Höhepunkt angekommen und war nie besser, nie unterhaltsamer. Und es sind eben nicht mehr nur die großen vier - slso Rossi, Lorenzo, Marquez und Pedrosa.

Nein, auch Crutchlow, Vinales, Iannone ,Dovizioso und Miller wollen und können immer wieder mal mitspielen. Und alle anderen, die es in die MotoGP geschafft haben, auch. Denn es sind tatsächlich die Besten der Welt in der besten Motorsport-Show der Welt. Alle schauen hin. Die spaßbefreite Formel 1 sowieso. Aber auch Weltstars aus anderen Bereichen wie Brad Pitt aus Hollywood oder Sebastien Ogier von den Schotter-Artisten der WRC verpassen kein Rennen. Was zu einem unglaublichen Boom führt.

Die MotoGP war nie größer, nie beindruckender. Und Misano Adriatico nie so voll. Das wäre ohne Valentino Rossi nicht denkbar. Eigentlich müsste jeder andere Fahrer, jeder Veranstalter und die Dorna dem Dottore zehn Prozent Provision zahlen. Denn nur er hat diesen Höhenflug ermöglicht. Man muss ihn mögen! Charisma gepaart mit sportlicher Weltklasse. Unschlagbar. Auch weil er Menschlich bleibt und ab und an Nerven zeigt.

Wie letztes Jahr oder wie an diesem Wochenende beim Stinkefinger gegen Aleix Espargaro. Etwas übertrieben und unnötig. Aber eine Majestät darf sich so was auch mal erlauben. Andere Fahrer hätten einen Penalty bekommen, denn Espargaro kann sich schlecht in Luft auflösen. Aber Rossi ist eben Rossi. Ein Motorradfaher? Nein, weit mehr! In Italien hat er den Status eines Heiligen. Und in anderen MotoGP-interessierten Regionen rund um den Erdball auch. Wer das mal spüren will, muss nur einmal in Misano gewesen sein. Unfassbar, was für Emotionen dieser gelbe Kessel frei setzt. Rossi-Mania pur. Beeindruckender als ein Justin Bieber Konzert. Für die Älteren: Beatle Mania war mal so was Ähnliches.

Der Realitätsverlust des Jorge Lorenzo

Und dann gewinnt der auch noch fast! Fast, weil Dani Pedrosa seinen zahlreichen Kritikern mit einem Weltklasse-Rennen mal kurz gezeigt hat, dass auch mit Ihm noch zu rechnen ist. Dass vom kleinen Pedrosa Sonntagabend mal wieder keiner geredet hat, liegt erneut an der hockochenden Polemik. Wie letztes Jahr in Sepang: Da war Pedrosa auch schon der komplett ignorierte Sieger.

Denn Lorenzos Verbal-Blackout auf der Pressekonferenz sorgte für das Streitgespräch des Jahres. Kindergarten! Aber selbst im Kindergarten war Vale anscheinend schon der Chef. Und Jorge? Bei dem scheint das Gelbfieber des Jahres 2016 zu Realitätsverlust zu führen. Anders ist die desaströse Außendarstellung des amtierenden Weltmeisters nicht mehr zu erklären. Auch wenn es keiner glauben kann: Jorge Lorenzo ist mittlerweile eigentlich ein netter Kerl. Aber leider greift er verbal so beständig ins Klo wie kein anderer.

Jetzt also auch noch Polemik, nachdem sich alle wieder vertragen haben. Uns Fans soll es recht sein, wird die Show eben noch besser. Und auf die nächsten zwei Jahre freue ich mich jetzt schon. Das wird der Hammer! Lorenzo wird weiter sticheln, hoffentlich mit Niveau und mit Verstand. Und vor dem Sprechen mal das Hirn einschalten (Der Verfasser dieser Zeilen ist Lorenzo-Fan). Mit KTM kommt noch ein Werk dazu, mit Folger Deutschlands einziger Hoffnungsträger. Die MotoGP ist "the place to be". Zeit um die letzten zweieinhalb Jahre dieser Sinfonie in Gelb zu erleben. Danach wird garantiert alles anders werden.

Diese Schweizerin reiste neun Stunden alleine mit dem Zug an - Foto: Edgar Mielke
Diese Schweizerin reiste neun Stunden alleine mit dem Zug anFoto: Edgar Mielke

Aber bis dahin sollte man dabei sein. Denn auch in der Nacht von Sonntag auf Montag waren die Autobahnen voll mit PKW aus Deutschland. Die meisten mehr oder weniger 46 gebrandet. Meine letzte Begegnung in Misano Adriatico spricht Bände: Eine junge Dame mit Lockenmähne und natürlich von oben bis unten VR46 und Sic58 designt. Name: Maddalena. Herkunft: Schweiz, in der Nähe von Bern. Beruf: Verwaltungsangestellte. Im Kult-Ristorante "Hochey da Paolino" wollte dieses bezaubernde Wesen ein Selfie mit Alex Hofmann, das sie auch bekam. Dabei stellte sich dann raus, dass die junge Dame neun Stunden Zugfahrt pro Strecke in Kauf genommen hatte, nur um dabei zu sein. Alleine wohl gemerkt. Respekt! Das schafft eben nur ein Weltstar und der trägt Gelb. Noch bis Ende 2019. Es kann nur einen geben.