Die Generalprobe ist abgeschlossen. Zwei Tage lang hatten fast alle MotoGP-Teams und Fahrer die Gelegenheit, sich auf dem Red Bull Ring für den Österreich-GP in knapp drei Wochen vorzubereiten. Einzig Repsol-Honda und Tech3-Yamaha blieben dem Test fern, dafür traf KTM erstmals mit seinem Projekt auf die direkte Konkurrenz. Wir fassen die wichtigsten Erkenntnisse der Testfahrten zusammen.

1. Der Red Bull Ring ist eine Ducati-Strecke

Egal, wann der Blick auf den Zeiten-Monitor wanderte: Fast immer waren ein oder mehrere Ducati-Piloten an der Spitze des Tableaus. Die Charakteristik des Red Bull Ring scheint der Desmosedici sehr entgegenzukommen. Iannones absolute Testbestzeit von 1:23.240, die er am Mittwoch Nachmittag erzielte, bedeutete eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 186,75 km/h - der Red Bull Ring löst also Phillip Island als schnellste Strecke im gesamten MotoGP-Kalender ab! Klar, dass die Power der Ducati hier ein unschätzbarer Vorteil ist.

Der Highspeed-Charakter des Red Bull Ring kommt der Ducati entgegen - Foto: Ducati
Der Highspeed-Charakter des Red Bull Ring kommt der Ducati entgegenFoto: Ducati

"Gegen die Ducatis wird es eine 'Mission impossible'. Wir verbringen die meiste Zeit mit Vollgas und sie haben einen mächtigen Motor, es ist also unmöglich, ihnen zu folgen", macht sich Aleix Espargaro nichts vor. Bei Valentino Rossi hingegen gibt es noch Hoffnung: "Ein Rennen über 28 Runden ist nochmal etwas ganz anderes. Aber auf dem Papier sind die Werks-Ducatis im Moment zu schnell für uns", erkennt der Doktor die Leistung der Ducatis an.

2. Michelin hat noch Arbeit vor sich

Wie Rossi oben schon angedeutet hat, könnte eines die Ducati-Festspiele in Österreich verderben: Der Reifenverschleiß. Dass Ducati in diesem Bereich wegen seiner Power im Überfluss Probleme hat, ist kein großes Geheimnis. An den Kundenmotorrädern von Loris Baz und Scott Redding zerriss es beim Sepang-Test beziehungsweise beim Argentinien-GP jeweils den Hinterreifen. "Die Ducati ist hier schlimmer als wir. Sie hat mehr Power, die Reifen drehen etwas stärker durch und damit ist die Temperatur auch höher. Solange sich Michelin da nicht verbessert, wird Ducati seine Schwierigkeiten haben", erklärt Jorge Lorenzo.

Yamaha-Action bei Testfahrten in Spielberg: (01:22 Min.)

Was neben dem Reifenverschleiß ein weiteres Problem für Reifenausrüster Michelin darstellt, ist das besondere Layout des Red Bull Ring. Auf 4,3 Kilometern Streckenlänge verteilen sich gerade einmal neun Kurven, nur zwei Mal geht es links herum. Erneut dürften daher, wie schon am Sachsenring, die asymmetrischen Reifen zum Einsatz kommen. "Alle haben Probleme mit den Reifen, Ducati, aber auch wir. Ich denke, Michelin wird andere Reifen zum Rennen mitbringen", vermutet Rossi.

3. Die MotoGP-Fahrer bemängeln die Sicherheit am Red Bull Ring

Ein großes Thema der MotoGP-Testfahrten am Red Bull Ring war auch die Sicherheit der Strecke. Für die Fahrer standen die Leitplanken an einigen Stellen zu nahe am Asphaltband von Spielberg. Als Hotspots für zu geringe Sicherheit wurden die Kurven eins, drei, sieben und neun ausgemacht. "Kurve sieben ist eine sehr schnelle Kurve, wo es dann in den Wald hineingeht. Da trägt es dich einfach hinaus mit dem MotoGP-Bike und da geht es ein Stück weit Richtung Mauer oder Begrenzung. Kurve neun macht auf, man ist lange in Schräglage und es trägt einen hinaus. Aber die Mauer und das Kiesbett kommen zurück, weil da natürlich dann die Tribüne ist", äußerte Tom Lüthi seine Bedenken gegenüber Motorsport-Magazin.com.

An einigen Stellen stehen den MotoGP-Fahrern die Leitplanken zu nahe an der Strecke - Foto: LCR
An einigen Stellen stehen den MotoGP-Fahrern die Leitplanken zu nahe an der StreckeFoto: LCR

Auch bei Jorge Lorenzo schrillen die Alarmglocken: "In drei, vier Kurven brauchen wir mehr Auslaufzone, vor allem wenn es regnet. Wenn du Pech hast, geht es ab in Richtung Mauer." Aleix Espargaro, der den Kurs stellenweise mit Monaco verglich, da die Mauer so nahe an der Strecke stehen, kann sich aber eine Lösung vorstellen: "Ich denke, wir haben genügend Raum. Wir müssen darüber in der Safety Comission und mit den Jungs von der Strecke reden, denn ich denke es gibt genügend Platz, um die Mauern zu versetzen." Bis zum Österreich-GP sollte auf jeden Fall eine Lösung gefunden werden, die alle Seiten zufrieden stellt.

4. KTM beeindruckt beim ersten Aufeinandertreffen mit der Konkurrenz

KTM zog auch viel Aufmerksamkeit auf sich. Erstmals überhaupt trafen die Österreicher mit ihrer RC16 auf die direkte Konkurrenz in Form von Ducati, Yamaha, Suzuki und Aprilia. Die Performance des KTM-MotoGP-Bikes nötigte den anderen Herstellern größten Respekt ab. Mika Kallio und Thomas Lüthi lagen stets zwischen 1,5 und zwei Sekunden hinter der Bestzeit. Angesichts der Tatsache, dass die KTM erst seit neun Monaten auf der Strecke unterwegs ist, eine beachtliche Leistung. "Ich bin dem Bike gefolgt und es sieht ganz gut und ganz schnell aus. KTM hat in den letzten Jahren einen großartigen Job in der Moto3 abgeliefert, sie werden also auch in der Lage sein, ein gutes MotoGP-Bike zu bauen", lobte Rossi die Arbeit von KTM.

KTM wusste zu überzeugen - Foto: KTM
KTM wusste zu überzeugenFoto: KTM

Auch bei den Österreichern selbst verlässt man den Test mit stolzgeschwellter Brust. "Viele alte Weggefährten wie Valentino Rossi, Jack Miller oder Maverick Vinales sind extra mal hinter der KTM hergefahren, um sich das anzuschauen und haben gesagt, das sieht sehr ordentlich aus. Die sind alle positiv beeindruckt", freut sich Pit Beirer im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. Testfahrer Mika Kallio fügt gegenüber Motorsport-Magazin.com hinzu: "Wir können mehr als happy sein. Wir haben erwartet, dass die Lücke nach vorne etwas größer wäre, als sie letztlich war."

5. Sorgenkind Aprilia

Aprilia hingegen verlässt den Red Bull Ring als Sorgenkind. Die Italiener verzichteten auf den Einsatz von Zeittranspondern, doch die handgestoppten Zeiten im MotoGP-Paddock verhießen nichts gutes. Als dann am Mittwoch Nachmittag kurzzeitig Zeiten von Alvaro Bautista und Mike Di Meglio auf dem Zeitenmonitor auftauchten, wurde erkennbar: Aprilia fährt auf KTM-Niveau. Alvaro Bautista erschien auf dem letzten Platz, während sich Di Meglio im KTM-Sandwich auf dem drittletzten Platz wieder fand.