Kein deutscher Fahrer im Red Bull Rookies Cup, eine viel zu spät eingeführte Moto3-Klasse, in der sich nur eine Handvoll Piloten tummelt. Um die Zukunft des deutschen Motorradsports könnte es wahrlich besser bestellt sein. In den vergangenen Jahren sah man einige junge Fahrer scheitern. Im 21. Jahrhundert reicht Talent alleine nicht mehr aus. Denn in der Weltmeisterschaft müssen die deutschen Fahrer gegen eine Unmenge Spanier und Italiener bestehen, die von einer toporganisierten Nachwuchsindustrie perfekt auf ihre Aufgaben in der WM vorbereitet werden.

Motorsport-Magazin.com sprach mit den deutschen Weltmeistern Stefan Bradl, Sandro Cortese und Dirk Raudies, dem Teamchef des erfolgreichsten deutschen WM-Rennstalls, Stefan Kiefer, Jürgen Lingg, dem Cheftechniker der einzigen deutschen Moto2-Teams, und Luca Grünwald, der es im Vorjahr für eine Saison als bislang letzter Deutscher in die WM schaffte. Das sind die fünf brennendsten Fragen rund um die deutsche Nachwuchskrise.

Was sind die Ursachen für die aktuelle Krise im deutschen Nachwuchs?
Sandro Cortese: "Man braucht gar nichts beschönigen: In der Vergangenheit wurde hier viel falsch gemacht von allen Beteiligten. Man hat in der IDM etwa in die falschen Cup-Strukturen investiert. Das war zur Stärkung des Hobby-Sports zwar gut, aber um starke Nachwuchsarbeit zu leisten, muss man die Sache anders angehen."

Dirk Raudies: "Man darf nicht nur dem ADAC den Schwarzen Peter in die Schuhe schieben. Klar hätte man dort ein paar Dinge anders machen und auf andere Leute hören können. Aber im Großen und Ganzen ist unser Nachwuchsproblem eine Zeiterscheinung. In Deutschland gibt es immer weniger Jugendliche, die Moped oder Motorrad fahren. Zudem wird die Berufsausbildung immer wichtiger. Schlicht gesagt: In Deutschland werden andere Werte hochgehalten als zum Beispiel in Italien oder Spanien. Dort ist vielen die Schule nicht ganz so wichtig, die wollen lieber Marquez oder Rossi nacheifern, die sie dauernd im Fernsehen sehen."

Stefan Kiefer: "Der Motorradsport ist bei uns leider nicht so populär wie in Spanien oder Italien. Dort gehen ganze Schulklassen einfach so mal zu einem IRTA-Test an eine Rennstrecke. In Deutschland wäre so etwas undenkbar. Natürlich lecken die Kids durch so etwas Blut und einige wollen das dann auch machen. Leider sind bei uns auch die Witterungsbedingungen schlechter als im mediterranen Raum, weshalb man in Deutschland in den Wintermonaten einfach nicht fahren kann."

Sind die vorhandenen Nachwuchsserien in Deutschland aktuell gut genug organisiert?
Stefan Bradl: "Nein, hier haben ADAC und DMSB alle internationalen Entwicklungen verschlafen. Beide Verbände meinen zwar immer, sie wären die Allerschlausten, aber vom Motorradsport haben sie keine Ahnung."

Stefan Kiefer: "Nein. Ich bin der Meinung, dass man alle Ressourcen und Kapazitäten bündeln sollte, um das Moto3-Paket attraktiver und kostengünstiger zu machen. Der ADAC Junior Cup macht in meinen Augen wenig Sinn. Im Mini und Pocket Bike Bereich macht der ADAC eine sehr gute Arbeit. Aber wenn die Jungs fertig sind und mit 12 Jahren vom Mini Bike runter müssen, ist es absoluter Blödsinn, dass sie zum Junior Cup müssen. Wieso sollen sie nicht gleich Moto3 fahren dürfen? Der Einstieg in die nationale Moto3 sollte mit 13 möglich sein oder Mini Bike geht bis 13. In beiden Fällen sollte der Junior Cup weg."

Sandro Cortese: "Mit der neuen Honda-Standardklasse der Moto3 hat der ADAC den richtigen Schritt gemacht. Allerdings gibt es dort einfach noch viel zu wenige Fahrer."

Jürgen Lingg: "Die Moto3-Klasse ist eine gute Idee, aber eigentlich müsste meiner Meinung nach schon im Pocket Bike und Mini Bike mehr gemacht werden. Da wäre für kleines Geld viel zu machen und der Output an Fahrern wäre sicher höher als jetzt."

Stefan Kiefer ist Teamchef des erfolgreichsten deutschen WM-Rennstalls - Foto: Tobias Linke
Stefan Kiefer ist Teamchef des erfolgreichsten deutschen WM-RennstallsFoto: Tobias Linke

Wie kann man künftig wieder mehr junge Fahrer aus Deutschland in die WM bringen?
Stefan Bradl: "Man muss eine Serie schaffen unter dem Grundsatz, den jungen Leuten unseren Sport schmackhaft zu machen. Das muss in gewissen Maßen bezahlbar sein, eine Art Förderprogramm."

Sandro Cortese: "Man muss ganz unten im Pocket- und Mini Bike schon mehr fördern. Man kann nicht erst im Alter von 15 Jahren mit der Förderung beginnen. Bis dieser Fahrer dann fertig ist, hat er seinen 20. Geburtstag wohl schon hinter sich und da ist der Zug in der heutigen WM-Situation schon abgefahren. Man muss die Kinder schon im Alter von acht oder neun Jahren abholen und gezielt für die Zukunft aufbauen. Im Fußball und im Tennis geht das ja auch. Hätte man in Deutschland eine Art Motorrad-Academy, würde auch innerhalb dieses Programms ein Konkurrenzkampf entstehen, der wichtig wäre."

Luca Grünwald: "Der ADAC macht einiges im Mini- und Pocket Bike-Bereich, mit dem Junior Cup und es gibt auch einige Förderungen. Allerdings hört die Unterstützung genau zu dem Zeitpunkt auf, zu dem man sie am nötigsten hätte: Wenn man den Sprung aus Deutschland in die WM wagen will. Das ist grundsätzlich ein völlig falscher Ansatz. Da ist der DMSB gefordert, eine funktionierende Förderung sicherzustellen. In anderen Ländern funktioniert es ja auch - warum dann bei uns nicht?"

Welche Rolle müssen die Verbände ADAC und DMSB sowie die IDM als Rennserie dabei spielen?
Stefan Bradl: "ADAC und DMSB hätten genügend Geld, die könnten endlich einmal etwas für den deutschen Motorrad-Bereich tun. Sie könnten finanzielle Mittel herausrücken und das Ganze mitfinanzieren. Um etwas im Rahmen der IDM auf die Beine zu stellen, damit unser Sport für unsere zukünftigen Nachwuchspiloten wieder interessant wird."

Stefan Kiefer: "Letztlich muss die Wirtschaft dahinter stehen, denn in letzter Konsequenz geht es hier vor allem um Geld. Allerdings müssten Verbände wie der ADAC oder der DMSB auch anders agieren, um hier Anreize zu schaffen und unserem Sport zusätzlich unter die Arme greifen."

Luca Grünwald: "Im DMSB geht es leider immer nur um den Automobilsport. Klar, Deutschland ist ein Autoland und entsprechend lenkt die Industrie Geld und Unterstützung in diese Richtung. Der Motorradsport läuft im DMSB leider nur nebenher mit. Meiner Meinung nach sollte aber zumindest für eine funktionierende deutsche Meisterschaft gesorgt werden. Leider ist die IDM ja alles andere als gut vermarktet."

Jürgen Lingg: "Diese ganzen IDM-Klassen mit den ganzen schweren Serienmotorrädern sind für mich der falsche Weg. Man sollte die nationale Meisterschaft eher dazu nutzen, um den Nachwuchs gezielt aufzubauen. Spanien zeigt mit einer starken Moto3-Klasse, wie man das richtig macht."

Luca Grünwald fuhr nur in der Saison 2014 in der Moto3 - Foto: Kiefer Racing
Luca Grünwald fuhr nur in der Saison 2014 in der Moto3Foto: Kiefer Racing

Ist das Problem lösbar oder muss man sich mit der aktuellen Situation auch in Zukunft abfinden?
Sandro Cortese: "Fußball wird in Deutschland immer die Nummer eins bleiben und das wird sich niemals ändern. Dann kommen die Formel 1, Tennis und noch einige andere Sportarten, bevor der Motorradsport endlich an der Reihe ist. Allerdings konnten wir durch unser deutsches Moto2-Team schon viel bewegen. Vom Sponsoreninteresse wird der Motorradsport immer etwas hinterherhinken, aber umso mehr Gas wir paar Fahrer in der WM geben, desto schneller wird es besser."

Stefan Kiefer: "In den nächsten zwei bis drei Jahren wird sich nichts ändern. Daher müssen wir jetzt so schnell wie möglich reagieren, um dieses Problem in den Griff zu bekommen. Einfach wird es aber nicht."

Stefan Bradl: "Man muss nicht groß erklären, was gemacht werden muss, denn es lief in der Vergangenheit ja schon besser. Dann wurden viele falsche Entscheidungen getroffen und jetzt muss ich leider sagen: In den nächsten zehn Jahren wird es um den deutschen MotoGP-Nachwuchs miserabel bestellt sein."

Luca Grünwald: "Es war ja nie so, dass wir zehn bis 15 Fahrer gleichzeitig in der WM hatten. Leider sehe ich aber im Moment kaum einen jungen Fahrer im Alter von 12 bis 15, der es in den nächsten drei bis vier Jahren in die Weltmeisterschaft schaffen könnte. Man muss mit System an das Problem herangehen und darf die Piloten nicht so sehr sich selbst überlassen."

Dirk Raudies: "Der italienische Verband hat schon vor langer Zeit ein eigenes Team Italia zur Nachwuchsförderung in der WM installiert. Die haben einen super Job gemacht und über diese Schiene viele Fahrer in die Weltmeisterschaft gebracht. Dazu mussten aber erst die richtigen Netzwerke aufgebaut werden. Gerade diese Netzwerke sind in Deutschland aber viel schlechter ausgebaut als in Spanien oder Italien."

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