Am Ende gibt es fast nur Verlierer. Der vielleicht größte Tag in der MotoGP-Geschichte wurde zu einem der peinlichsten. Warum? Weil zwei Alphatiere sich seit drei Wochen nur noch mit sich beschäftigen und sich gehen lassen. Polemik allen Orts. Immer noch klasse Leistungen auf der Strecke, aber die interessieren kaum noch. Es geht nur noch um die 93 und die 46. Alles andere verblast leider völlig.

Dabei hätte ein Manöver, eine Attacke gereicht. Noch nie in seiner Karriere ist Marc Marquez eine komplette Renndistanz ohne einen Angriffsversuch hinter einem anderen Fahrer hergefahren. Diesmal schon. Wobei die Verschwörungstheoretiker mit Sicherheit falsch liegen, wenn sie eine Allianz zwischen Jorge Lorenzo und Marc Marquez vermuten. Oder noch abstruser der Gedanke, dass die letzten Wochen auf Geheiß der Dorna so verlaufen sind.

Nein, es geht nur darum, dass die beiden Herrschaften denken, sie wären über alle anderen zu stellen. Soll heißen: Rossi hat Marquez so angestachelt, dass der nur noch eines will. Genau: Rossi beschädigen. Dass das alles nicht schön ist - das ist sich die gesamte MotoGP-Gemeinde einig. Die Folgen sind aktuell noch nicht abzusehen. Sponsoren die über den Ausstieg nachdenken, enttäuschte Fans, die Angst vor der Zukunft haben. Wie soll das weitergehen?

Wie Kinder im Sandkasten

Wenn Marc Marquez es am Sonntag gegen Lorenzo nur einmal versucht hätte, wäre alles anders gewesen. Niemand hätte ihm etwas vorwerfen können, auch ein Rossi nicht. Und jetzt? Shitstorm weltweit. Da kann er sein oft gekünstelt wirkendes Lächeln so oft zeigen, wie er will: Marc Marquez hat sich zu einem Feindbild gemacht. Und zwar zu einem Feindbild für alle!

Die Fans laufen ihm in Scharen davon. Die Polemik geht aber weiter. Dabei war es ein sensationelles Rennen mit einem Jorge Lorenzo in weltmeisterlicher Form. Die Rundenzeiten waren auf einem unglaublichen Level. Daher ist Jorge Lorenzo verdient Weltmeister. Unstrittig! Die Aufholjagd der 46? Ebenfalls meisterlicher Stoff, aber leider nicht ausreichend.

MSM TV - MotoGP: Rossi schimpft, Marquez in der Kritik: (03:59 Min.)

Ich frage mich, welche Berater die Herrschaften haben, die es zulassen, dass die Dinge so aus dem Ruder laufen. Ein Weltmeister, der erklären muss, warum er den Titel verdient hat? Ein unwürdiges Szenario nach solch einer phänomenalen Saison. Und auch Rossi hört nicht auf nachzutreten: Gegen den kleinen spanischen Bastard (Zitat VR 46) und gegen alle anderen auch.

Denn Rossi ist als Einziger nicht bei der FIM-Gala erschienen. Dort ist sein Teamkollege (den er als dumm bezeichnet hat) für den Titel geehrt worden. Dort hat sein Arbeitgeber, der ihm pro Jahr mehrere Millionen zahlt, die Trophäe für den Konstrukteurs-Titel in Empfang genommen. Und für Yamaha hätte er selbst dort einen Pokal als Vizeweltmeister erhalten. Wollte er nicht. Wohl beleidigt? Größe zeigt sich auch in der Niederlage.

Niemand hat sich mit Ruhm bekleckert

In diesem Fall zeigt aber anscheinend überhaupt niemand Größe. Das ist sehr, sehr schade und muss den beiden Streithähnen von jedem neutralen MotoGP-Fan angekreidet werden. Kleinkrieg zwischen zwei Champions, die sich benehmen als wäre die MotoGP ihre persönliche Sandkiste. Der ehemalige Formel- 1-Fahre Mark Webber meinte, der Streit sei doch gut für die MotoGP weil nun alle drüber reden würden. Hmmm... Viele andere denken aber, dass es mit ein wenig mehr Fairness noch besser wäre.

Dieser Sport hat alles, um endlich auch in Deutschland sein Mauerblümchendasein zu beenden. Aber dazu müssen wir zurück auf die Strecke. Schluss mit dem Gequatsche! Schluss mit den Anschuldigungen! Bitte wieder Rennsport! 2015 ist wie ein Gourmetdinner, das im letzten Moment mit einer Wagenladung Salz ungenießbar gemacht wurde. MotoGP ist deshalb geiler als z.B. die Formel 1, weil der Sport im Mittelpunkt steht.

Oder besser gesagt stand. Also bitte: Gestritten worden ist jetzt genug. Nehmt bitte alles Positive (und das ist eine ganze Menge) aus dem Jahr 2015, lasst die Diskussion und fahrt einfach. Und dann kann 2016 noch besser werden, noch spannender und noch spektakulärer. Wenn die Streithähne jetzt mal durchatmen, kann das gehen. Auch wenn Marc Marquez nie wieder Publikumsliebling wird oder Valentino nie wieder Mitarbeiter des Jahres bei seinem Arbeitgeber Yamaha. Aber das muss jetzt reichen, jetzt bitte wieder Rennsport. Abhaken und nach vorne schauen. Rechts ist das Gas! Auf 2016!