Eine unscheinbare Presseaussendung brachte am 19. Oktober um 12.26 Uhr großes zu Tage. "Forward Racing in support of MV Agusta in WSBK and in WSS in 2016", lautete der Titel des Schriftstücks, das seine interessantesten Details erst bei genauerem Durchlesen offenbarte: Die italienische Traditionsmarke will zurück in die MotoGP. Forward-Teamchef Giovanni Cuzari soll MV Agusta als neuer Teamchef in die Königsklasse führen. Motorsport-Magazin.com konnte Cuzari im persönlichen Gespräch die Details und Hintergründe des Comeback-Plans entlocken:

Warum will MV Agusta wieder in die MotoGP?

Seit Konzernboss Giovanni Castiglioni MV Agusta von seinem Vater Claudio übernommen hat, tritt die italienische Marke wieder vermehrt im Rennsport auf. 2013 erfolgte der Einstieg in die Supersport-WM, im Vorjahr wagte man sich auch in die Superbike-WM. "Claudio Castiglioni und ich hatten die Idee eines MotoGP-Projekts schon vor sechs oder sieben Jahren", erklärt Cuzari im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. "Es gab damals aber noch keine Entscheidung, weil Claudio erst in das Renngeschäft einsteigen wollte, wenn man ein siegfähiges Serienmotorrad für die seriennahen Klassen entwickelt hat."

Cuzari und die mit ihm befreundete Castiglioni-Familie blieben seither in Kontakt. "Vor sechs Monaten haben wir die Gespräche wieder ernsthaft aufgenommen. Giovanni würde MV Agusta gerne wieder zurück in die MotoGP führen und hat mich gefragt, ob ich dieses Projekt übernehmen könnte." Dies soll nun über den Umweg der Supersport- und Superbike-WM auf die Wege gebracht werden.

Wie sieht der Zeitrahmen für ein Comeback aus?

MV Agusta und Cuzari haben sich für das Comeback der dritterfolgreichsten Marke der Motorrad-WM ein sportliches Ziel gesetzt: "Wir wollen es 2018 zurück in die MotoGP schaffen", führt Cuzari aus. "Wir wissen, dass man in der ersten Saison ohnehin nichts gewinnt. Das hat man bei Suzuki und Aprilia deutlich gesehen und wird man auch bei KTM sehen. Es liegt viel Arbeit vor uns, aber es ist eine Ehre für uns, mit MV Agusta arbeiten zu dürfen."

Das erste Projekt ist aber, eine neue Version des Superbikes F4 für die WSBK zu entwickeln. "Es wird ein neues Motorrad geben, das erst in den nächsten Wochen zum ersten Mal getestet wird. Das wollen wir in der WSBK 2016 auf Platz fünf bis acht der WM-Wertung bringen und uns im Folgejahr steigern." In der Supersport-WM, in der MV Agusta dank Jules Cluzel mit der F3 675 bereits die letzten beiden Jahre um den Titel kämpfte, ist hingegen der Gesamtsieg das klar ausgegebene Ziel.

Giovanni Cuzari soll alles für den MotoGP-Einstieg von MV Agusta vorbereiten - Foto: Forward Racing
Giovanni Cuzari soll alles für den MotoGP-Einstieg von MV Agusta vorbereitenFoto: Forward Racing

Welche Hürden gibt es beim Comeback?

Die GP-Kommission stellte im Juni unweigerlich klar, dass man bis 2021 keinerlei Bewerbungen neuer Teams annehmen wird, bis das Starterfeld nicht unter 22 Fahrer fällt. Aktuell beträgt es 21 Motorräder, durch das KTM-Werksteam steigt es 2017 auf 23. Streng regelkonform müsste sich MV Agusta bei einem Einstieg 2018 also mit einem der bestehenden Teams zusammentun, da Kooperationspartner Forward Racing ab 2016 ja nicht mehr Teil der Startaufstellung ist.

Cuzari ist aber optimistisch, dass sich Dorna-Chef Carmelo Ezepelta und IRTA-Präsident Herve Poncharal einen WM-Teilnehmer MV Agusta kaum entgehen lassen wollen. "Wenn ein Unternehmen wie MV Agusta in die WM möchte, werden Carmelo und Herve sicher darüber nachdenken, Möglichkeiten zu schaffen. Wenn Dorna und IRTA sehen, dass alles seriös abläuft, besteht sicher eine Chance.. Mein Job ist besteht ja auch darin, mit diesen Stellen alles für ein Comeback vorzubereiten."

Wie kann sich Forward Racing einbringen?

Da Cuzaris Rennstall aufgrund des Absprungs der Sponsoren für 2016 als Kunde keine MotoGP-Bikes mehr bekommt, hat Forward personelle Kapazitäten, die für MV Agusta genutzt werden. "Unserer Ingenieure werden in das Entwicklungsteam bei MV Agusta integriert, um dort ihre MotoGP-Erfahrungen einzubringen", so Cuzari.

Welche Aktivitäten hat MV Agusta sonst noch in Planung?

Der MotoGP-Einstieg von MV Agusta könnte nicht die einzige Rennaktivität der ambitionierten Marke in der WM bleiben. "Ich habe mich mit Carmelo Ezpeleta auch über die Möglichkeit gesprochen, in Zukunft Motoren für die Moto2 zu legen. Er hat mir gesagt, dass wir eingeladen sind, ein Angebot zu legen. Das werden wir tun", bestätigte Cuzari. Der aktuelle Monopol-Vertrag mit Honda läuft noch bis Saisonende 2018. Ob danach weiter ein einem Monopol festgehalten wird, oder die Dorna mehrere Hersteller möchte, ist noch unklar. MV Agusta wird sich aber in jedem Fall bewerben.