Sag beim Abschied leise Servus. Ein sündhaft teurer Rennwagen, der in Europa zumeist unter dem Radar fuhr, verabschiedet sich an diesem Wochenende endgültig in den Ruhestand. Ob der nach vierjährigem Einsatz als wohlverdient bezeichnet werden kann, darüber scheiden sich die Geister. Beim Saisonfinale der US-amerikanischen IMSA-Serie in Road Atlanta hat der BMW M8 GTE seinen letzten Auftritt.

Einmal noch darf der teuerste Sportwagen, den BMW jemals entwickelt hat, seine Runden drehen. Beim 10-Stunden-Rennen namens Petit Le Mans im US-Bundesstaat Georgia greifen die beiden hochranging besetzten Werksfahrer-Crews Connor De Phillippi/Bruno Spengler/Philipp Eng und John Edwards/Jesse Krohn/Augusto Farfus ein letztes Mal ins Lenkrad des M8 GTE.

Und so manch ein interessierter Beobachter hierzulande dürfte sich verwundert die Augen reiben, dass der BMW M8 GTE überhaupt noch im Renneinsatz ist. Weder trat der mit großem finanziellem Aufwand hochentwickelte Prototyp in den vergangenen beiden Jahren in der langsam wieder aufstrebenden Langstrecken-Weltmeisterschaft WEC noch beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans an.

Foto: LAT Images
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BMW M8 und GTLM-Klasse vor dem Ende

Und in der IMSA, die für die meisten europäischen Motorsport-Fans höchstens wegen der beiden Langstreckenklassiker in Florida - den 24 Stunden von Daytona sowie den 12h in Sebring - von Interesse ist, war es ohnehin ein Abschied auf Raten. Mit dem BMW M8, mit dem der Münchner Autobauer einst an längst vergangene Erfolge in Le Mans anknüpfen wollte und irgendwann - vor allem aus finanziellen Gründen und wegen sportlicher Erfolge - genervt den Europa-Stecker zog, trat das amerikanische BMW-Werksteam Rahal Letterman Lanigan (RLL) Racing dieses Jahr nur noch bei den vier großen IMSA-Langstreckenrennen in Daytona (24h), Sebring (12h), Watkins Glen (6h) sowie an diesem Wochenende beim Petit Le Mans (10h) an.

Mit dem BMW M8 GTE wird in den USA überhaupt die GTLM-Kategorie zu Grabe getragen. Ab 2023 wird die einstige Top-Klasse des GT-Sports durch die deutlich kostengünstigere und international beliebtere GTD-Pro-Kategorie ersetzt, in der Werks- und Kundenteams mit Autos auf Basis des FIA GT3-Reglements gegeneinander antreten.

Porsche hatte sich schon letztes Jahr als Werk komplett aus der IMSA verabschiedet, nur ein Kunden-911er von Weathertech - beim Petit Le Mans sogar mit zwei Autos am Start - hält die Zuffenhausener Flagge bis zuletzt hoch. Die wichtigsten Titel in der GTLM-Wertung hat sich Chevrolet mit seinen beiden Corvette schon vor dem Finale gesichert.

Foto: BMW Motorsport
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Erfolgs-Ausreißer: BMW-Doppelsieg in Daytona

Der USA-Auftritt des BMW M8 GTE war im Gesamtbild kaum erfolgreicher als die beiden Rennen in Le Mans 2018 und 2019 oder die einzige Saison in der WEC 2018/19, als den Münchnern kein einziger Klassensieg gelang. In vier Jahren und 36 Rennen in der IMSA sprangen bislang gerade einmal fünf Siege heraus, die 25 Kategorie-Podestplätze konnten beim zeitweise überschaubaren Starterfeld und dem eigenen Einsatz von stets mindestens zwei Autos nicht der Anspruch sein.

Einen Platz in der ersten Reihe wird der breit gebaute M8 GTE wohl nicht im dicht gedrängten BMW-Museum bekommen. Gleichwohl gelangen mit dem GT-Prototypen auch international anerkannte Erfolge. 2019, unter den Augen des früheren, motorsportbegeisterten BMW-Vorstandsmitglieds Klaus Fröhlich, und auch 2020 feierte BMW GTLM-Klassensiege beim 24-Stunden-Rennen in Daytona. Und der Einsatz von Renn-Legende Alex Zanardi in Daytona 2019 darf als erfolgreicher Coup aus Sport- und Marketing-Sicht bezeichnet werden.

Einer der emotionalsten Momente in der langen Motorsport-Geschichte von BMW ist ebenfalls eng mit dem M8 verbunden. 2019 führte Augusto Farfus das Schlachtschiff im wegen Regenfällen vorzeitig abgebrochenen Daytona-Rennen nach einem unnachahmlichen Überholmanöver gegen einen Porsche zum Klassensieg - drei Tage, nachdem Schnitzer-Legende Charly Lamm überraschend verstorben war. "Dieser Sieg ist für Charly", sagte damals ein emotionaler Farfus, der nur zehn Wochen zuvor am 18. November 2018 bei Lamms letztem Einsatz am Schnitzer-Kommandostand den GT-Weltcup in Macau gewonnen hatte.

Großes Ereignis: Alex Zanardi bei den 24h Daytona 2019 - Foto: BMW AG
Großes Ereignis: Alex Zanardi bei den 24h Daytona 2019Foto: BMW AG

BMW M8 GTE: Ein millionenschweres Missverständnis

Beim Petit Le Mans in den USA endet nun das Kapitel des BMW M8 GTE, das nicht wenige Szene-Kenner als ein millionenschweres Missverständnis abstempeln würden. Ein Auto, mit dem BMW nach der Präsentation samt Pauken und Trompeten auf der Frankfurter IAA 2017 an alte Erfolge in Le Mans anknüpfen wollte. Die Gedanken an den einzigen Gesamtsieg im Jahr 1999 mit dem von Schnitzer eingesetzten V12 LM begannen zu verblassen und der letzte Werkseinsatz 2011 mit dem BMW M3 GT2 (P3 in Le Mans durch Andy Priaulx/Dirk Müller/Joey Hand) lag auch schon eine ganze Weile zurück.

Dabei stand dieses Werkssport-Kapitel von Beginn an unter keinem guten Stern. Im Kampf gegen waschechte Sportwagen von Porsche, Ferrari, Aston Martin oder Ford mit der GT-Flunder tat sich der 'Dicke aus Bayern' überaus schwer, was viele BMW-Insider schon in der Entwicklungsphase befürchtet hatten. Da half auch die übliche Balance of Performance kaum, faktisch war der BMW M8 nur höchst bedingt siegfähig. Die wiederkehrenden BoP-Streitereien mit den Verantwortlichen der IMSA, WEC und Le-Mans-Veranstalter ACO schaufelten letztendlich das Europa-Grab für den BMW.

Von Beginn an Probleme und höhere Kosten

Das beste Verhältnis hatten die Münchner damals ohnehin nicht mit den Langstrecken-Bossen. So erhielt die Entwicklung des M8 einen massiven Rückschlag, als die Regelhüter plötzlich Umbauarbeiten forderten. Eine technische Sonderregelung, um das Auto im Mittelbereich um zehn Zentimeter absenken zu dürfen, wurde nach einigen Querelen abgelehnt. Das habe BMW einen Rückstand von vier bis fünf Monaten eingehandelt, beklagte sich der damalige BMW-Motorsportchef Jens Marquardt. Vom zusätzlichen großen Kostenaufwand ganz zu schweigen...

Und so war es wenig überraschend, dass das kurze WEC-Abenteuer für BMW mit einer gewissen Verstimmung begann. Und es wäre sogar womöglich bei einem einzigen Auftritt in Le Mans geblieben, wäre die damalige Saison nicht als jahresübergreifende 'Super Season' bezeichnet worden, in der der Frankreich-Klassiker 2018 und 2019 gleich zweimal auftauchte.

WEC-Debakel endet nach nur einer Saison

Die Ergebnisse bei den prestigeträchtigen 24h Le Mans fielen angesichts der ursprünglichen Ambitionen katastrophal aus. Beim Debüt 2018 war der zwölfte Platz in der GTE-Pro-Klasse des von MTEK eingesetzten BMW M8 GTE mit Martin Tomczyk, Nick Catsburg und Philipp Eng das Höchste der Gefühle, während das Schwesterauto vorzeitig ausfiel. Ein Jahr später kamen die beiden BMW M8 auf den Klassen-Positionen elf und 14 ins Ziel.

In den acht WEC-Rennen 2018 und 2019 gelang BMW kein einziger Klassensieg. Der eigentlich auf mindestens zwei Jahre ausgelegte Einsatz endete wenig überraschend nach nur einer einzigen Saison. Um die hohen Kosten zu rechtfertigen (Marquardt: "Ein GTE ist der teuerste Tourenwagen, den es gibt"), richtete BMW den Fokus komplett auf die IMSA-Serie mit dem für den Autobauer wichtigen US-Markt. Rückblickend hätte man sich das Europa-Programm schenken können, hieß es später aus BMW-Kreisen.

In der WEC und in Le Mans gab es für BMW nichts zu holen - Foto: LAT Images
In der WEC und in Le Mans gab es für BMW nichts zu holenFoto: LAT Images

IMSA: Erster BMW-Sieg im neunten Rennen

Auch in der GTLM-Klasse der IMSA waren Erfolge keine leichte Aufgabe. Erst beim neunten Rennen der Saison 2018 auf dem Virginia International Raceway gelang BMW der erste Rennsieg mit dem M8. Alexander Sims und Connor De Phillippi ließen die Verantwortlichen damals aufatmen. Ein weiterer Sieg folgte, doch in der Hersteller-Gesamtwertung reichte es hinter Ford, Chevrolet und Porsche nur zum vierten Platz. Das gleiche Endergebnis bei erneut fünf Herstellern folgte für BMW in der Saison 2019.

2020 gelang BMW hinter Chevrolet immerhin der zweite Gesamtplatz bei noch vier engagierten Marken. Obendrein gewannen die Münchner erstmals die Teil-Wertung namens 'Michelin Endurance Cup', in den nur die Ergebnisse der vier großen Langstreckenrennen einfließen. Diese 'Meisterschaft' kann BMW auch zum Abschied 2021 noch einmal für sich entscheiden. Vor dem Petit Le Mans liegen Spengler, Eng und De Phillippi mit wenigen Punkten Rückstand zu zwei Corvette-Mannschaften auf dem dritten Platz.

BMW M4 GT3: Hoffnungsschimmer im Fahrerlager

Ein Sieg in Road Atlanta wäre ein versöhnlicher Ausklang für das im Gesamtbild zweifelhafte und sehr kostenintensive BMW-Werksengagement. Es wäre übrigens auch der erste in diesem Jahr. In Daytona feierte Chevrolet einen Doppelsieg, beim folgenden 12-Stunden-Rennen in Sebring gewann überraschend der Privat-Porsche. Zuletzt in Watkins Glen triumphierten erneut die US-Lokalmatadore von Corvette. "Alles in allem blicken wir sehr zufrieden auf unsere Zeit mit dem BMW M8 GTE zurück, und wir möchten sie mit einem Sieg beim Petit Le Mans erfolgreich abschließen", fand RLL-Teamchef Bobby Rahal warme Worte zum Abschied.

Neben dem M8 GTE spielt auch der aktuelle BMW M6 GT3 in den künftigen Werkssport-Planungen von BMW M Motorsport, inzwischen unter der Führung der BMW M GmbH, keine große Rolle mehr. Den Blick in die verheißungsvolle Zukunft haben die Münchner zum Petit Le Mans direkt mitgebracht: der neue Top-Kundensportler BMW M4 GT3 wird im Fahrerlager ausgestellt.

Die Hoffnungen bei BMW sind groß, mit diesem ausgiebig entwickelten und getesteten Auto, das im Gegensatz zum M6 oder M8 tatsächlich auf motorsportliche Wurzeln zurückblickt, ab 2022 rund um den Globus an die einst glorreichen Tourenwagen-Zeiten mit dem BMW M3, dem erfolgreichsten Fahrzeug in der Geschichte von BMW Motorsport, anzuknüpfen.