In den Fahrerlagern dieser Welt gilt eigentlich: Schrittgeschwindigkeit. Was bei Alex Zanardi ohnehin einen gewissen Beigeschmack hätte, missachtet der beinamputierte 52-Jährige in Daytona konsequent. Mit überraschend hohem Tempo flitzt Zanardi auf seinem motorisierten Rollstuhl durchs Fahrerlager.

Alex hat keine Zeit, ein Termin jagt den nächsten. Hier ein Selfie mit einem Fan, dort ein (meist ausführlicher) Plausch mit einem alten Weggefährten. Zanardi hat wortwörtlich alle Hände voll zu tun, um dem gigantischen Interesse an seiner Person gerecht zu werden. Alex Zanardi, Mega-Star.

Alex Zanardi nimmt sich in Daytona alle Zeit für seine Fans - Foto: BMW AG
Alex Zanardi nimmt sich in Daytona alle Zeit für seine FansFoto: BMW AG

Mehr als 20 Interview-Termine stehen allein am Donnerstag und Freitag vor dem 24-Stunden-Rennen auf dem Daytona International Speedway in seinem vollgepackten Zeitplan - und das alles noch vor dem Rennbeginn am Samstagnachmittag (20:35 Uhr MEZ im Live-Stream auf der offiziellen Website der IMSA).

Hier in Daytona gehört die Bühne ganz Zanardi. Zeigte sich auch bildlich während der Pressekonferenzen am Donnerstag. Den Auftakt machte natürlich der Publikumsliebling himself. Zanardi, der zum ersten Mal beim 24-Stunden-Klassiker in Florida an den Start geht, stand geschlagene 22 Minuten lang den Journalisten aus aller Welt Rede und Antwort.

One-Man-Show beim 24h-Rennen: Alex Zanardi bei der Pressekonferenz - Foto: BMW AG
One-Man-Show beim 24h-Rennen: Alex Zanardi bei der PressekonferenzFoto: BMW AG

Das Medieninteresse an seinen Teamkollegen vom BMW Team RLL - Jesse Krohn, John Edwards und Chaz Mostert - hätte sich wohl ohnehin in Grenzen gehalten. Da sparte sich das Trio gleich den Weg zur Pressekonferenz und überließ Zanardi den Vortritt. Ein zweifacher CART-Champion, dazu noch ohne Beine, ist medial nun einmal schwer zu schlagen.

Das bekommt auch Fernando Alonso zu spüren. Der eigentliche Superstar, ganz besonders bei Rennen abseits der Formel 1. Während der Spanier bei den letztjährigen 24 Stunden von Le Mans ('24 Stunden von Le Monso') so ziemlich alles und jeden überstrahlte, spielt er in Daytona diesmal nur die zweite Geige im Reigen der Promi-Starter.

Bezeichnend: Im Ranking der digital erfassbaren Daten zum Daytona-Rennen erhielt Zanardi doppelt (!) so viel Beachtung wie Alonso. Welcher Rennfahrer auf der Welt kann das schon von sich behaupten?

Kein Wunder: Auf der einen Seite Alex 'The Pass' Zanardi, auf der anderen Seite der zweifache Weltmeister einer Rennserie, die in den USA weit weniger Beachtung findet als etwa in Europa.

"Viele Leute erinnern sich noch an meine Zeit in der CART-Serie", sagt Zanardi im Exklusiv-Interview (noch ein Interview...) mit Motorsport-Magazin.com am Donnerstagabend. "Damals habe ich ja in einigen Rennen für Spektakel gesorgt. Und viele Leute erwarten, dass ich das auch hier machen werde. Am besten noch in der letzte Rennrunde..."

Alex Zanardi beim Interview mit MSM-Redakteur Robert in Daytona - Foto: Motorsport-Magazin.com
Alex Zanardi beim Interview mit MSM-Redakteur Robert in DaytonaFoto: Motorsport-Magazin.com

Als würde Zanardi allein mit seiner Präsenz nicht ohnehin für ausreichend Spektakel sorgen... Ganz anders Alonso, der sich im Vergleich zum BMW-Piloten schon fast unbehelligt durchs Fahrerlager im Sunshine State bewegen kann. Eine mehr als ungewohnte Rolle, die Alonso aber durchaus zu genießen scheint. Rennsport statt dem üblichen Rummel.

Und so blieb Alonso die Rolle als Alleinunterhalter erspart. Die Sitze auf dem Podium während der Pressekonferenz teilte er sich stattdessen artig mit seinen Teamkollegen Kamui Kobayashi, Renger van der Zande und Jordan Taylor. Nicht in der Mitte (wie in Le Mans, samt Siegeskranz), sondern ganz rechts außen und fast schon unscheinbar nahm Alonso also Platz.

Dass er diesmal nicht im Mittelpunkt steht, überraschte offenbar auch seine Mitstreiter. "Schön, dass ich auch mal was sagen kann. Sonst bekommt immer Fernando alle Fragen", machte Kobayashi zunächst einen verdutzten Eindruck, als er von einem Journalisten zur Aussicht auf das Rennen befragt wurde.

Obwohl Alonso durch den Start mit Cadillac in der Topklasse DPi weitaus größere Chancen auf den Gesamtsieg beim sogenannten 'Rolex 24 At Daytona' hat als Zanardi mit seinem BMW M8 GTE in der GTLM-Wertung, zeigt sich: In den USA ticken die Uhren eben etwas anders.