Leichtes Aufatmen bei Porsche drei Wochen nach dem desaströsen Formel-E-Rennwochenende im mexikanischen Puebla, wo der Sportwagenbauer wegen eigener Fehler zwei Podestplätze, 31 Punkte und die Führung in der Fahrer-Weltmeisterschaft weggeworfen hatte: Beim Sonntagsrennen in New York gelang Porsche das erfolgreichste Teamergebnis seit dem Werkseinstieg 2019/2020.

Pascal Wehrlein und Andre Lotterer fuhren im zweiten Rennen des US-Wochenendes auf die Plätze vier und fünf und bescherten dem Team damit 22 Punkte. Mit insgesamt 26 Zählern (vier am Samstag, 22 am Sonntag) sammelte Porsche hinter Virgin (47 Punkte), Techeetah (34), Jaguar (32) und BMW (ebenfalls 26 inkl. einem Sieg) die fünftmeisten Punkte aller zwölf Teams am drittletzten Rennwochenende der Saison 2021.

In einer Saison, in der alle vermeintlichen Top-Teams vermehrt durch Fehler auffallen und sich aufgrund des engen Wettbewerbes samt diskutablem Qualifying-Format kein Favorit herauskristallisiert, wahrten Wehrlein (60 Punkte, P9) und sogar Lotterer (32 Punkte, P18) ihre theoretischen Chancen auf die Meisterschaft.

Formel E 2021: Team-Meisterschaft nach 11/15 Rennen (Top-8)

Pos. Team Punkte
1 Virgin 146
2 DS Techeetah 144
3 Jaguar 141
4 Audi 115
5 Mercedes 113
6 BMW 108
7 Porsche 92
8 Venturi 89

Fragezeichen hinter Lotterer - Top-Piloten auf dem Fahrermarkt

Vor allem für den dreifachen Le-Mans-Sieger Lotterer dürften die Plätze acht und fünf in New York ein kleiner Segen gewesen sein. Auch die Tatsache, dass er in den letzten sechs Rennen vier Punkte mehr holte (32:28) als Teamkollege Wehrlein, spricht nach einem schwierigen Saisonstart mit fünf punktelosen Rennen für seine aufsteigende Tendenz. Wie Motorsport-Magazin.com vor New York jedoch aus Porsche-Kreisen erfahren hat, soll Lotterers Zukunft beim Formel-E-Team nicht so sicher sein, wie manch ein Beobachter glauben mag.

Nicht zuletzt, weil im Zuge der angekündigten Ausstiege von Audi und BMW mit dem früheren Champion Lucas di Grassi (Audi) und New-York-BMW-Sieger Maximilian Günther ("Ich sehe meine Zukunft auf jeden Fall in der Formel E") mindestens zwei etablierte Top-Piloten auf dem Fahrermarkt zur Verfügung stehen.

Lotterers Verhalten heizt Spekulationen an

Was die Spekulationen zusätzlich anheizte: Zumindest in der Außendarstellung gab Lotterer in New York auf seine Zukunft angesprochen kein souveränes Bild ab. Eine Folge des Erfolgs-Drucks, der dem gesamten und ambitionierten Porsche-Team nach den Puebla-Vorfällen während des Wochenendes im Hafengebiet von Brooklyn spürbar anzumerken war?

"Ich bin Porsche-Fahrer und habe ... Ich kann da nichts zu sagen. Es gibt keine Gespräche oder Entscheidungen", entgegnete Lotterer vier Rennen vor dem Saisonende überrascht wirkend auf die Frage von Motorsport-Magazin.com, ob klar sei, dass er in der Formel-E-Saison 2022 erneut für Porsche starten wird.

Auf weitere konkrete Nachfragen während der offiziellen Medienrunde nach dem Sonntagsrennen wandte sich der 39-Jährige, der zwischenzeitlich sagte, dass er einen "Vertrag habe", schließlich auch noch an eine neben ihm stehende Teamsprecherin, die - höchst ungewöhnlich - spontan die Kommunikation für Lotterer übernahm. "Im Moment fokussieren wir uns auf diese Saison. Was nächste Saison kommt, sehen wir dann", hieß es da unter anderem zusammen mit dem Hinweis an die umstehenden Medien, doch gerne noch einmal bei den kommenden Rennwochenenden in London und Berlin nachzufragen...

Andre Lotterer blickt auf 7 Podestplätze in 47 Formel-E-Rennen zurück - Foto: LAT Images
Andre Lotterer blickt auf 7 Podestplätze in 47 Formel-E-Rennen zurückFoto: LAT Images

Mit Lotterer: Porsche-Rückkehr nach Le Mans

Dass Lotterer - der sich seit vielen Jahren absolut authentisch mit der Marke identifiziert - in Zukunft bei Porsche-Motorsport bleiben und das ab 2023 beginnende LMDh-Programm auf der Langstrecke vorantreiben soll, ist ein offenes Geheimnis und angesichts seiner großen Erfolge die logische Wahl. "Es wäre eine Riesen-Lüge, wenn ich sage, dass ich das nicht gern machen würde", sagte Lotterer, der mit Audi dreimal die 24 Stunden von Le Mans gewann, schon vor dem Saisonstart.

In Sachen Formel E, wo der gebürtige Duisburger beim Porsche-Werkseinstieg 2019/2020 bereits sein Knowhow einbrachte und dem Hersteller in Saison 6 die erste Pole Position sowie zwei Podestplätze bescherte, könnte es allerdings noch ein paar Fragezeichen geben. Möglicherweise wegen seiner sportlichen Ergebnisse, oder, weil er frühzeitig in die LMDh-Entwicklung eingebunden werden und sich voll darauf konzentrieren soll?

Klar ist jedenfalls, dass die Verantwortlichen bei Porsche-Motorsport großen Wert auf absolute Fokussierung ihrer Werksfahrer auf eine bestimmte Kategorie legen: Lotterer verzichtet nach elf Le-Mans-Starts zwischen 2009 und 2019 dieses Jahr zum dritten Mal in Folge auf das 24-Stunden-Rennen. Auch Wehrlein, der nach einer Saison den Schweizer Neel Jani als Stammfahrer ablöste, erklärte einmal: "Mit Porsche will ich Vollgas geben und keine weiteren Störungen von außen haben."

Formel E 2021: Wehrlein und Lotterer im Vergleich

Rennen Wehrlein (Startplatz/Ergebnis) Lotterer (Startplatz/Ergebnis)
Saudi-Arabien I 2/5 7/16
Saudi-Arabien II 16/10 24/11
Rom I 8/7 2/14
Rom II 3/3 21/15
Valencia I 9/Ausfall 5/Ausfall
Valencia II 13/18 5/2
Monaco 8/Ausfall 19/17
Puebla I 1/Disqualifikation 10/Disqualifikation
Puebla II 2/4 10/17
New York I 6/Ausfall 10/8
New York II 4/4 6/5
Gesamplatz P9 (60 Punkte) P18 (32 Punkte)

Abt verwundert über Porsche-Abläufe in New York

Auffällig im Sonntagsrennen war eine Situation, als Wehrlein auf Platz vier liegend in Runde 12 seinen ersten Attack Mode aktiviert hatte, mit der Mehrleistung von 235 kW allerdings zunächst nicht an Vordermann Lotterer vorbeikam. Es dauerte eineinhalb Runden und damit mehr als zwei Minuten - die Hälfte der vorgegeben Attack-Mode-Zeit von vier Minuten - bis Lotterer seinen Teamkollegen vorbeiließ.

Der langjährige Formel-E-Fahrer und heutige Sat.1-Experte Daniel Abt wunderte sich über die Abläufe und meinte während der TV-Übertragung: "Das hätte man früher und smoother machen können. Gerade, wenn man in Porsches Situation ist und dringend mal ein Ergebnis braucht, dass dann auch nach Rennende hält. Es wäre schon schlauer, wenn man da taktisch zusammenspielt."

New York: Porsche-Duo im Parallelflug unterwegs - Foto: Porsche AG
New York: Porsche-Duo im Parallelflug unterwegsFoto: Porsche AG

Während Wehrlein zu diesem Zeitpunkt nicht von seiner Mehrleistung profitieren konnte, löste es das Jaguar-Duo an der Spitze im gleichen Zuge effektiver: Der Führende und spätere Rennsieger Sam Bird aktivierte seinen ersten Attack Mode in Runde 13 und wurde nur wenige Kurven später wieder von Teamkollege Mitch Evans kampflos vorbeigewinkt, um einen Vorsprung herauszufahren.

Laut Lotterer habe Wehrlein in dieser Situation "den Anschluss verloren. Dann war es nicht der richtige Moment. Wir haben versucht, es so zu machen, wie es am besten geht". Wehrlein zu Motorsport-Magazin.com: "Wir wollen beide besser sein als der andere. Aber vor dem Rennen haben wir uns abgesprochen, zusammenzufahren. Ich glaube, dass wir das gut gemacht haben. Es war das erste Rennen, dass wir so eng zusammen waren und das ganze Rennen zusammengefahren sind. Daraus lernen wir und das können wir in der Zukunft besser machen."

Formel E 2021: Porsche feiert in New York bestes Team-Ergebnis: (01:39 Min.)

Felix da Costa 'klaut' Porsche das Podium

Ärgerlich war aus Sicht von Lotterer ("Blöd, dass da Costa vorbei ist") und Wehrlein ("Hier und da hätten wir es etwas besser machen können"), dass am Sonntag in New York nicht das dritte Porsche-Podium in der Saison heraussprang. Der amtierende Champion Antonio Felix da Costa überrumpelte das Duo mit einem Attack-Mode-Undercut in Runde 17 und überholte in Runde 18 auf einen Streich beide Porsche, als diese ihren zweiten Attack Mode in der Zone abseits der Ideallinie aktivierten.

"Ich wusste, dass das meine beste Chance ist", sagte der Techeetah-Pilot, der seinen zweiten Attack Mode geistesgegenwärtig nutzte, nachdem sich Hintermann Sergio Sette Camara (Dragon-Penske) verbremst hatte und damit die entscheidende Lücke auftat. Felix da Costa hatte auf dem Weg zum dritten Podestplatz noch etwas Glück, als der zu diesem Zeitpunkt Zweitplatzierte Jaguar-Fahrer Mitch Evans nach einem selbstverschuldeten Mauereinschlag zurückfiel und auf dem Weg nach hinten kurzzeitig Wehrlein und Lotterer ausbremste.

"Ansonsten hätten wir auf den letzten Runden noch mal attackieren können", erklärte Wehrlein. "Wir hatten mehr Energie als die Autos vor uns. Aber durch Evans haben wir den Anschluss verloren." Dabei hatte Lotterer in der letzten Runde bis zu 0,3 Prozent mehr Rest-Energie als Vordermann Wehrlein. "Es hieß halt, wir bleiben so. Dann konnte ich nicht viel machen", meinte Lotterer, der die Ziellinie als Fünfter überquerte und nach dem Podestplatz in Valencia und P8 im ersten New-York-Rennen zum erst dritten Mal in dieser Saison die Punkteränge erreichte.