Die Formel E gastierte an diesem Wochenende in Valencia zum ersten Mal in ihrer siebenjährigen Geschichte auf einer rein permanenten Rennstrecke. Der vor allem aus dem Zweiradsport bekannte Circuit Ricardo Tormo sprang als Alternative für ein eigentlich geplantes Rennen in der Innenstadt von Paris ein, das wegen der anhaltenden Corona-Pandemie jedoch abgesagt werden musste.

Traditionelle Rundkurse gehörten nie zu den Zutaten der ersten rein elektrischen Rennserie der Welt, die seit 2014 andere Wege als traditionelle Rennserien beschritt und den Motorsport, Elektromobilität und Umweltschutz einem neuen Publikum schmackhaft machen wollte. Auch der FIA in Form von Präsident Jean Todt war es stets ein Anliegen, dass sich die Formel E klar von der Formel 1 abgrenzt.

Aus ihrer Vergangenheit kennt die Elektro-Rennserie neben den typischen Stadtkursen auch die semipermanente Rennstrecke in Marrakesch sowie die Formel-1-Strecken Monaco und Mexiko-City, die den Anforderungen der Formel E folgend jedoch stark angepasst wurden. Auch in Valencia wurde noch einmal Hand angelegt: Der Kurs war rund 600 Meter kürzer als die 4,005 Kilometer lange MotoGP-Variante, zudem wurde eine Schikane zu Beginn der Start/Ziel-Geraden installiert.

Völlig unterschiedliche Rennen in Valencia

Die beiden Rennen am Samstag und Sonntag hätten kaum unterschiedlicher sein können. Während am Ende des ersten Laufs das komplette Chaos ausbrach und nach insgesamt fünf Safety-Car-Phasen nur neun Fahrer gewertet wurden, erlebte die Formel E einen Tag später das unauffälligste Rennen ihrer laufenden Saison.

Energie- und Reifen-Management in Verbindung mit Windschattenfahren standen im Fokus der Teams, die alles taten, um ein weiteres Energie-Chaos zu verhindern. Die hohen Anforderungen an die Batterie waren vor allem den schnellen und flüssigen Kurven sowie langen Geraden geschuldet.

Typische Formel-E-Kurse weisen einen wesentlich höheren Stop-and-Go-Charakter auf, um mittels Bremsen auf der Hinterachse Energie zurückgewinnen zu können. Beim Sieg von BMW-Rookie Jake Dennis gab es zum ersten Mal in diesem Jahr keine einzige Safety-Car-Phase und mit Stoffel Vandoorne nur einen Ausfall.

Samstags-Chaos wegen Valencia-Layout

Kein Vergleich zum Samstag, als das erste vollständige Regenrennen in der Geschichte der Formel E weltweit für Schlagzeilen und Häme sorgte, nachdem dem halben Feld am Ende in Folge einer diskutablen Energie-Reduktion die per Reglement festgelegte Energie ausging. Bilder von herumkriechenden Autos gingen beim Sieg von Mercedes-Fahrer Nyck de Vries um die Welt.

"Diese Situation ist auch eine Folge der Verwendung einer ungewöhnlichen Strecke und bestätigt, dass städtische Strecken Teil der DNA der Formel E sind", meinte DS-Technikdirektor Thomas Chevauchet im Anschluss.

Abt: Eine Schikane macht noch keine Formel-E-Strecke

Die Meinungen über die Formel-E-Premiere auf einem durchweg traditionell angelegten Rennplatz gingen stark auseinander. Während einige Motorsport-Fans lange auf ein Rennen auf einem 'waschechten' Rundkurs hingefiebert hatten, tun sich andere schwer mit der Idee, dass die vergleichsweise ungewöhnliche Formel E anderen traditionellen Rennserien in dieser Beziehung nacheifert.

"Ein Stadtkurs mit Mauern, engen Straßen und Bodenwellen, das macht die Formel E aus und verleiht ihr den Charme", meinte Sat.1-Cokommentator Daniel Abt nach den ersten Runden in Spanien. Der Kemptener blickt auf 69 Rennen mit Audi und zuletzt NIO sowie zwei Siege zurück, bevor er sich seiner neuen Rolle beim deutschen Fernsehpartner der Formel E widmete.

Mit einem Rennen in Valencia tat sich Abt zunächst schwer: "Der Grund ist Corona, warum wir in Valencia fahren und nicht, weil Valencia so eine tolle Strecke ist. Eine Schikane allein macht aus Valencia noch keine Formel-E-Strecke. Es ist natürlich schön, dass wir überhaupt Rennen fahren können. Aber wenn man weiß, dass man in die Mauer knallt, wenn etwas schiefgeht, ist das was anderes als über eine weiße Linie und dann wieder auf die Strecke zu fahren. Diesen Nervenkitzel gibt eine Rennstrecke wie Valencia nicht her."

Am Samstag war das Safety Car fünfmal im Einsatz - Foto: LAT Images
Am Samstag war das Safety Car fünfmal im EinsatzFoto: LAT Images

Autos beim Valencia-Test im Begrenzer

Die zwölf Teams und Fahrer kennen den Circuit Ricardo Tormo in der Gemeinde Cheste, die rund 25 Kilometer vom Stadtzentrum Valencias entfernt liegt, trotz der Rennpremiere bestens. In den vergangenen Jahren trug die Formel E auf dem 1999 eröffneten Kurs ihre offiziellen Testfahrten aus. Schikanen an unterschiedlichen Stellen auf der Start/Ziel-Geraden kamen mehrfach zum Einsatz und sorgten nicht selten für abgefahrene Frontflügel und einigen Unmut.

"Das ist einfach eine permanente Strecke mit einer langen Geraden, deshalb hat man die Schikane eingebaut, weil die Autos dafür nicht übersetzt sind", erklärte Abt. Bei den Tests erreichten einige Fahrer mit ihren bis zu 250 kW (340 PS) starken Autos samt Eingang-Getriebe den Begrenzer, weil die Fahrzeuge eher für winklige Kurse mit vielen Kurven und wenigen, nicht allzu langen Geradeauspassagen konstruiert worden sind.

Die Idee dahinter ist klar: Auf kurvenreichen Stadtstrecken können die Fahrer besser per 'Lift and Coast' Energie zurückgewinnen als auf Vollgas-Geraden. "In der Formel E geht es nicht darum, der Schnellste, sondern der Effizienteste zu sein", meinte Virgin-Teamchef Sylvain Filippi während der Pressekonferenz am Freitag in Valencia.

Vandoorne: Fehler werden nicht so bestraft

Bei den Formel-E-Fahrern zählte Valencia im Vergleich zu anderen Strecken wie zuletzt in Rom, New York oder Berlin nicht zu den beliebtesten Kursen. "Die Kurven sind viel weiter und du hast viel mehr Auslaufzonen", sagte Mercedes-Pilot Stoffel Vandoorne. "Das ist eine ganz andere Art des Fahrens. Selbst wenn du einen Fehler machst, wird das nicht so bestraft. Valencia ist nicht meine Lieblingsstrecke, aber wir müssen das Beste aus der Situation machen."

Große Befürchtungen, dass ein Chaos rund um überschrittene Streckenmarkierungen - die Track Limits - ausbrechen könnte, bewahrheiteten sich nicht. In den Rennen wurden wenige Rundenzeiten gestrichen, während der Freien Trainings gab es vermehrte Ausritte ohne sportliche Konsequenzen. Am ärgsten erwischte es BMW-Pilot Maximilian Günter, dessen schnellste Runde im Sonntags-Qualifying gestrichen wurde und er dadurch auf den letzten Platz zurückfiel.

Wehrlein: Bei Mauern ist der Reiz größer

Kiesbetten - ein beliebter Ort zumindest am Samstag für Formel-E-Autos - oder die üblichen Mauern, die schon viele Radaufhängungen auf dem Gewissen haben? Porsche-Pilot Pascal Wehrlein hat einen Favoriten: "Lieber Mauern, da ist der Reiz ein bisschen größer. Wenn du einen Fehler machst, ist das Auto gleich kaputt." In Valencia hatte der frühere Formel-1- und DTM-Fahrer mehr mit defekten Bremsen am Samstag zu kämpfen. Wehrlein ging auch am Sonntag leer aus, während Teamkollege Andre Lotterer mit Platz zwei seine ersten Punkte in der laufenden Saison errang.

Für eine zusätzliche Herausforderung sorgte das Wetter am Wochenende. Kurios: Am Samstag folgte auf ein trockenes Qualifying ein Regenrennen, am Sonntag war es genau andersherum. Vergleiche zwischen den Rundenzeiten belegen, wie sehr die Fahrer im zweiten Rennen auf das Energy-Management bedacht waren. Zwischen der Pole-Zeit am Samstag (Antonio Felix da Costa, 1:26.522 Minuten) und der schnellsten Rennrunde am Sonntag (Alex Sims, 1:30.081 Minuten) lagen rund 3,5 Sekunden.

"Ich bin sehr glücklich, dass wir in Valencia fahren", hatte das Rundstrecken-Gastspiel in Form von Christian Danner einen prominenten Befürworter. Der frühere Formel-1-Fahrer/Kommentator und heutige Sat.1-Experte erklärte: "Ich finde diese Herausforderung besonders toll. Die Strecke ist nicht geeignet für den Energieverbrauch, für den diese Autos konzipiert sind. Ich finde das aber super, sollen sich die Teams halt drauf einstellen!"