Während Daniel Abt in den vergangenen Wochen mit einem Computerspiel-Skandal, dem Audi-Rauswurf und der überraschenden Rückkehr mit NIO die Schlagzeilen in der Formel E bestimmte, ist es um einen anderen deutschen Fahrer auffällig ruhig geworden: Pascal Wehrlein.

Wenn die Formel E ihre Saison in Berlin mit sechs Rennen innerhalb von neun Tagen (05.-13. August 2020) beschließt, ist der 25-Jährige nicht mehr dabei. Gründe dafür nannte sein nun ehemaliges Team Mahindra nicht, als es vor rund einer Woche mit dem Briten Alex Lynn den Nachfolger für Wehrlein präsentierte.

"Wir möchten Pascal für seinen Betrag danken und wünschen ihm alles Gute für die Zukunft", wurde lediglich Mahindra-Teamchef Dilbagh Gill - in der Vergangenheit dafür bekannt, Fahrern keine Steine in den Weg zu legen - mit einer Standardfloskel in der Pressemitteilung zitiert. Wehrlein selbst kam nicht mehr zu Wort. Allerdings hatte sich der jüngste DTM-Champion der Geschichte ohnehin zuvor selbst gemeldet.

Wehrlein: Insta-Abschied

Am 08. Juni verkündete er seinen Abschied eigenhändig - und in der Motorsportbranche höchst ungewöhnlich - per Instagram-Story. "Vom heutigen Tag an bin ich kein Mitglied mehr von Mahindra Racing. Ich wollte die Saison eigentlich zu Ende fahren, allerdings hat das die aktuelle Situation nicht erlaubt", stand in einer seiner Stories, die sich nach 24 Stunden automatisch löschen.

Vorausgegangen war eine Meldung von Auto Bild Motorsport mit der Information, dass Wehrlein vor einem Wechsel zu Porsche stehe und ab der nächsten Saison für das Team an den Start gehen werde. Der Sportwagenhersteller und Formel-E-Neueinsteiger wollte diese Gerüchte erwartungsgemäß nicht kommentieren. Eine offizielle Bestätigung steht weiter aus.

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Porsche: Gespräche in erster Linie mit Werksfahrern

"Aktuell sind diverse Gerüchte zu Fahrern für die kommende Formel-E-Saison 2020/2021 im Umlauf", hieß es auf Anfrage von Motorsport-Magazin.com. "Nachdem Porsche Anfang Juni den Ausstieg aus der US-Sportwagenmeisterschaft IMSA Ende 2020 aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie bekannt gegeben hat, werden in erster Linie Gespräche mit unseren erfahrenen Werksfahrern geführt."

Aus unterschiedlichen Kreisen der deutschen Motorsport-Szene ist zu hören, dass Wehrlein tatsächlich ab der Saison 7, die im Januar 2021 in Santiago de Chile beginnt, für Porsche an den Start gehen wird. Der Vertrag sei angeblich bereits unterschrieben, berichteten mehrere Quellen. "Die Porsche Formel-E-Fahrer für Saison 7 werden zu gegebener Zeit bekannt gegeben", hieß es seitens Porsche.

Management von Formel-E-Verbleib überzeugt

Auch Wehrleins Management ist überzeugt, dass der gebürtige Worndorfer in der kommenden Saison in der Formel E antreten wird. "So glauben wir", lautete die Antwort eines ehemaligen Ferrari-Pressesprechers in Diensten von MIM (Monaco Increase Management) auf Anfrage von Motorsport-Magazin.com.

MIM, das ist die Management-Firma mit Sitz in Monaco, die im Oktober 2019 äußerst vollmundig einen Einstieg in die Formel 1 zur Saison 2021 angekündigt hatte - unter anderem mit Wehrlein am Steuer. Die Formel 1 reagierte und teilte mit, dass es diesbezüglich keine ernsthaften Diskussionen gegeben habe. Seitdem wurde es ruhig um das Projekt, in das unter anderem der Spanier Adrian Campos involviert war.

Pascal Wehrlein mit Mahindra-Teamchef Dilbagh Gill - Foto: LAT Images
Pascal Wehrlein mit Mahindra-Teamchef Dilbagh GillFoto: LAT Images

Abschied trotz laufendem Vertrag?

Die Gründe über Wehrleins Abschied von Mahindra wollte MIM nicht kommentieren. Auch nicht, ob es vertragliche Konflikte geben könnte, da Wehrleins Vertrag beim indischen Rennstall Mahindra eigentlich bis zum Ende der Saison 2020/21 datiert war.

Aussagen mehrerer Motorsport-Insider lassen darauf schließen, dass die Angelegenheit nicht ohne Schwierigkeiten verläuft, aus dem laufenden Vertragsverhältnis auszusteigen. Mahindras Reaktion und die Formulierungen in der oben erwähnten Pressemitteilung deuten ebenfalls auf Unstimmigkeiten hin.

Porsche in Berlin mit Lotterer und Jani

Fest steht nur, dass Wehrlein beim Berlin-Finale Anfang bis Mitte August weder für Mahindra noch für Porsche fahren wird. "Neel Jani und André Lotterer sind die Stammfahrer des TAG Heuer Porsche Formel-E-Teams der Formel-E-Saison 2019/20 und bestreiten daher alle Rennen dieser Saison", teilte Porsche mit.

Im Anschluss soll der Schweizer Jani laut unterschiedlicher Medienberichte sein Cockpit an Wehrlein verlieren. Während Teamkollege Andre Lotterer mit einem Podestplatz und einer Pole Position die Erwartungen von Porsche in den ersten Rennen übertraf, tat sich der Schweizer schwerer und steht als einer von vier Fahrern bislang ohne Punkte da.

Jani debütierte genau wie Lotterer am 02. Dezember 2017 in Hongkong in der Formel E, verließ die Serie nach nur zwei Rennen mit Dragon-Racing, das sich mit einer geplanten Porsche-Zusammenarbeit überworfen hatte, jedoch wieder. Lotterer blickt inzwischen auf 30 Rennen in der Formel E - darunter 25 für das amtierende Meister-Team DS Techeetah - zurück.

Wehrlein und die Wechsel

Es wäre nicht das erste Mal in Wehrleins jüngerer Rennfahrerkarriere, dass ein Wechsel nicht ganz reibungslos verläuft. Sein Debüt in der Formel E zur Saison 2018/19 mit Mahindra kam ein Rennwochenende später als erhofft.

Wegen Vertrags-Angelegenheiten mit Mercedes und/oder seinem früheren DTM-Team HWA verpasste er den Saisonauftakt Ende 2018 in Saudi-Arabien. Es kam zu keiner Einigung der Parteien, den DTM-Champion von 2015 vor dem Jahresende aus seinem Vertrag rauszulassen.

Porsche gibt in dieser Saison sein Debüt in der Formel E - Foto: Porsche
Porsche gibt in dieser Saison sein Debüt in der Formel EFoto: Porsche

Wehrleins Talent in der Formel E

In der laufenden Saison läuft es noch nicht rund bei Wehrlein. Auch wegen technischer Probleme belegt er nur den 14. Platz in der Meisterschaft. Zuletzt in Mexiko erhielten er und Teamkollege Jerome D'Ambrosio empfindliche Platzstrafen in Folge von Getriebewechseln. Wehrleins Highlight war ein vierter Platz nach P3 im Qualifying in Santiago de Chile.

Sein Potenzial, das möglicherweise auch das Interesse von Porsche nach einem jungen Fahrer geweckt hat, ließ Wehrlein bereits in seiner Debütsaison erkennen: Startplatz sieben in seinem ersten Rennen in Marrakesch, anschließend in Santiago de Chile fuhr Wehrlein den zweiten Startplatz über die Ziellinie, beim dritten ePrix in Mexiko holte er die Pole und hatte bis zur vorletzten Kurve den Sieg vor Augen.

In seinen zwölf Rennen der Saison 2018/19 startete Wehrlein viermal aus Startreihe eins, achtmal eroberte er einen Platz in den Punkterängen. Ein Leistungsabfall der Renn-Performance zur Mitte der Saison führte Wehrlein auf den zwölften Gesamtplatz in der Meisterschaft.

Mit dem früheren Formel-1-Fahrer würde Porsche einen Fahrer bekommen, dessen Talent und Speed nie zur Diskussion standen. Gleichzeitig einen, der nicht zum ersten Mal durch ungewöhnliche Karriereentscheidungen aufgefallen ist.

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