Die überraschende Rückkehr ist perfekt: Daniel Abt wird Anfang August das Saisonfinale der Formel E mit sechs Rennen in Berlin (05.-13.08.) bestreiten. Der Kemptener geht nach seinem Rauswurf bei Audi in Folge eines Skandals während eines virtuellen Rennens der Elektro-Serie nun für NIO 333 an den Start. Beim chinesischen Rennstall ersetzt der 27-Jährige den Chinesen Ma Qinghua.

Im Exklusiv-Interview mit Motorsport-Magazin.com spricht Abt über das spontane Comeback, das Wiedersehen mit Audi, Abt als sportlichem Gegner, Nachfolger Rene Rast und seine Zukunft im Motorsport über das Saisonende hinaus.

Daniel, wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Team NIO 333 für das Saisonfinale der Formel E in Berlin?
Daniel Abt: Ehrlich gesagt, überraschend. Ich selbst hatte zum Team keinen Kontakt aufgenommen. Von deren Seite kam das Angebot eines Gesprächs. Dabei habe ich erfahren, dass bei ihnen ein Platz frei wird, was ich zuvor ja gar nicht wusste. Ich war davon ausgegangen, dass alle Cockpits belegt sind. Und so kam es schließlich zu der Zusammenarbeit.

Du selbst hattest dich nach deinem Rauswurf bei Audi nicht nach einem anderen Cockpit in der Formel E umgeschaut?
Daniel Abt: Ich habe mich schon umgehört, war mir aber relativ sicher, dass nichts frei sein würde. Dass sich die Chance bei NIO dann ergeben hat, hat mich selbst überrascht.

NIO hat als einziges Team in den bisherigen fünf Rennen der laufenden Saison keinen Punkt erzielt. Was rechnest du dir bei den sechs Rennen in Berlin aus?
Daniel Abt: Das ist schwer zu sagen, da ich noch nicht weiß, was mich genau beim Team erwartet. Immerhin kenne ich ein paar Mitglieder, wie Teammanager Roberto Costa, der früher mal mein Ingenieur war. Ich sehe das Ganze als eine coole Challenge. NIO hat sich in den vergangenen Jahren schwer getan und ich erwarte auch in Berlin keine einfache Kaffeefahrt. Wenn ich dem Team aber dabei helfen kann, einen positiven Saisonabschluss zu erreichen, wäre das schön für mich. Und, um ehrlich zu sein, die Chance, mein Heimrennen bestreiten zu können, ist schon ein geiles Gefühl. Damit haben nicht viele gerechnet, inklusive mir.

Hast du im Gesamtbild mehr zu gewinnen oder mehr zu verlieren?
Daniel Abt: Ich sehe es nicht so, dass ich etwas zu verlieren habe. Es geht jetzt nicht darum, irgendjemandem etwas zu beweisen. Wenn ein Team null Punkte hat, erwartet man keine riesigen Sprünge. Vielleicht kann ich ein Ausrufezeichen setzen. Es sind Ansporn und Motivation für mich, meine sechs Jahre Erfahrung in der Formel E dem Team als Input zu geben.

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Viele deiner Fans wünschen sich in den Sozialen Medien, dass du deinem ehemaligen Team Audi in Berlin 'um die Ohren fährst'. Wie bewertest du das?
Daniel Abt: Wenn man antritt, möchte man grundsätzlich jeden schlagen. Da geht es nicht darum, ob das Audi oder ein anderes Team ist. Autos im Rückspiegel sehen immer schöner aus. Ich verstehe, warum sich manche Fans so etwas wünschen und sicherlich ist das Thema derzeit etwas hitzig. Für mich selber ist es aber definitiv nicht der Ansporn, jetzt Audi etwas zu beweisen oder zu sagen, dass ich in erster Linie sie schlagen muss. Ich habe keine 'Hard Feelings' und bin da niemandem böse.

Es muss aber merkwürdig für dich sein, in Berlin auf dein altes Team zu treffen...
Daniel Abt: Ein Teil des Teams arbeitet ja eh hier in Kempten bei Abt-Sportsline und die Jungs habe ich bereits wiedergesehen. In Berlin läuft man natürlich auch anderen Leuten aus dem Team über den Weg, aber wir sind alle erwachsen und jeder kann professionell mit der Situation umgehen. Da habe ich kein komisches Gefühl.

Du wirst zum ersten Mal in deiner Rennfahrer-Karriere gegen Abt-Mitglieder antreten. Wie fühlt sich das an?
Daniel Abt: Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl, weil ich in dieser Situation hier bei Abt-Sportsline nicht einfach in die Motorsport-Abteilung reinspazieren kann. Die Jungs würden mir dann schon sagen: 'Kollege, warte mal lieber vor der Tür'. Aber das ist halt so und wir alle gehen professionell mit dem Thema um. Ich sehe da keine Probleme.

Muss man sich auch mal vorstellen: Du hast dein Büro bei Abt-Sportsline jetzt quasi Tür an Tür mit der sportlichen Konkurrenz...
Daniel Abt: Haha, ich hoffe, dass meine Schlüssel noch passen, wenn ich das nächste Mal in die Firma komme!

Unter einem Dach: Daniel Abt und Abt-Geschäftsführer Thomas Biermaier - Foto: Audi Communications Motorsport
Unter einem Dach: Daniel Abt und Abt-Geschäftsführer Thomas BiermaierFoto: Audi Communications Motorsport

Bei Audi tritt Rene Rast deine Formel-E-Nachfolge an. Wie stehst du zu ihm?
Daniel Abt: Ich habe es schon einmal gesagt und wiederhole es gerne: Rene hat sich das verdient und in der DTM einen mega Job gemacht. Ich wusste auch, dass er das Cockpit bekommt und bin ihm in keinster Weise böse. Er kann nichts dafür, was mir passiert ist. Er hat seine eigenen Interessen und das ist vollkommen legitim. Es ist doch klar, dass er sich umschaut und weiter Rennen fahren will, wenn Audi aus der DTM ausgestiegen ist. Ich wünsche Rene alles Gute, respektiere ihn und habe absolut kein Problem mit ihm.

Glaubst du, dass der Skandal um deine Person bei der Rückkehr ins Fahrerlager ein großes Thema sein wird?
Daniel Abt: Ich glaube nicht. Es gibt Fahrer, mit denen ich eng bin und die mich in dieser Zeit sehr unterstützt haben. Und da auch die Verantwortlichen der Formel E mir am Telefon ihre Unterstützung zugesagt haben, muss ich mich vor niemandem verstecken. Das Thema kann man auch irgendwann mal vergessen und nach vorne schauen. Das machen wir jetzt.

Gibt es eine bestimmte Sache, die du rückblickend aus dieser Angelegenheit mitnimmst?
Daniel Abt: Ich habe vieles für mich mitgenommen, sowohl Positives als auch Negatives. Ich glaube, dass man als Mensch mit jeder Geschichte reift und daraus lernt. Wenn man es mal so betrachten möchte: Unter normalen Umständen wäre ich die Saison für Audi zu Ende gefahren, dann wahrscheinlich entlassen worden und hätte nicht mal die Chance gehabt, bei einem anderen Team anzudocken. Jetzt habe ich diese Chance und vielleicht ist das für etwas gut. Vielleicht sollte es so sein, vielleicht auch nicht. Ich bin jemand, der daran glaubt, dass alles seinen Grund hat.

In Berlin kehrst du an den Ort deines bislang größten Erfolges zurück, nachdem du 2018 dort dein Heimrennen mit Audi gewonnen hast. Wie sehr hat sich das auf dich als Mensch ausgewirkt?
Daniel Abt: Bei dem Rennen hatte ich ein ganz besonderes Gefühl von Erleichterung. Bei dieser Last auf deinen Schultern und Menschen, die dir immer wieder vorgehalten haben, es nicht verdient zu haben - dann so ein Ergebnis für Audi beim Heimrennen einzufahren, war unbeschreiblich perfekt. Ein Gänsehaut-Moment, weil viel von meinen Schultern abgefallen ist und ich das Gefühl hatte: Egal, was davor war und was danach kommt, diesen Moment kann mir keiner nehmen. So einen Moment musst du als Rennfahrer erst einmal erreichen. Als Team haben wir einen geilen Job gemacht, und der bleibt für die Ewigkeit.

Berlin: Sieg mit Audi 2018 - Rauswurf bei Audi nach Skandal 2020 - Foto: LAT Images
Berlin: Sieg mit Audi 2018 - Rauswurf bei Audi nach Skandal 2020Foto: LAT Images

Wird es für dich nach dem Formel-E-Saisonfinale künftig im Motorsport weitergehen?
Daniel Abt: Das kann ich jetzt noch nicht absehen. Ich weiß, dass es in der Formel E Teams gibt, die Fahrer für die nächste Saison suchen. Deshalb lasse ich mir diese Möglichkeit offen.

Falls du deine Karriere fortsetzen solltest, liegt der Fokus klar auf der Formel E?
Daniel Abt: Es haben sich inzwischen einige GT3-Teams bei mir gemeldet. Das ist cool und es gibt vielleicht ein, zwei Rennen, die Spaß machen würden zu fahren. Ich selbst habe aber schon vor ein paar Jahren den Entschluss gefasst, dass es für mich persönlich nur wenig gibt, was mich noch reizt. Ich will kein Geld ausgeben, um Rennen zu fahren. Wenn ich das mache, sehe ich das als meinen Beruf an. Die Formel E macht mir einfach extrem viel Spaß und ich habe mich dort immer sehr wohlgefühlt. Ich sehe nicht viele Alternativen, die in meiner aktuellen Lebenslage großen Sinn machen würden. Ich möchte nichts grundsätzlich ausschließen, aber aktuell ist die Formel E für mich die einzige Option für die Zukunft.

Glaubst du, dass du deine große Fan-Gemeinde behältst, wenn du keine Rennen mehr fahren würdest?
Daniel Abt: Das glaube ich schon, ja. Ich glaube, dass die Fan-Base nicht zwingend auf dem Racing basiert, sondern auf dem, was ich als Mensch mache. Ich hatte jetzt auch nicht das Gefühl, dass Fans weggebrochen sind oder sich gegen mich gewandt haben. Die Leute, die gegen mich geschossen haben, waren noch nie Fans von mir. Wer mich schon länger unterstützt hat und mir gefolgt ist, hat das auch zuletzt getan. Das ist, was für mich zählt.

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