"Wir haben eine Riesenchance verpasst." Pascal Wehrlein brachte es nach dem Paris ePrix - dem ersten Regen-Rennen in der Geschichte der Formel E - auf den Punkt. Zwar legte der Mahindra-Pilot vom letzten Startplatz eine spektakuläre Aufholjagd hin und ergatterte als Zehnter noch einen Meisterschaftspunkt, doch das war bestenfalls Schadensbegrenzung nach den vorangegangenen Vorfällen in der französischen Hauptstadt.

Die Hiobsbotschaft erreichte Wehrlein und dessen Teamkollege Jerome D'Ambrosio um 13:30 Uhr - zweieinhalb Stunden vor Rennbeginn. Alle Qualifying-Zeiten gestrichen! Alle Superpole-Zeiten gestrichen! Wehrleins Pole Position futsch, stattdessen der letzte Startplatz. Titelanwärter D'Ambrosio musste das Rennen von der vorletzten Position statt von P6 aufnehmen. Ein Debakel für den indischen Rennstall, der mit Wehrlein das Qualifying zuvor dominiert hatte.

"Das war frustrierend", sagte Wehrlein später. "Für mich hat die Strafe keinen Sinn gemacht. Das fühlt sich nicht fair an, aber wir können nichts dagegen ausrichten. Das ist nur schwer zu akzeptieren, wenn man weiß, dass man es richtig gemacht hat."

Die Rennleitung war nach dem Qualifying, in dem Wehrlein als erster Fahrer in der laufenden Saison eine zweite Pole erzielt hatte, anderer Meinung. Bei mehreren Messungen an beiden Rennwagen stellten die Stewards fest, dass die Reifendrücke zu gering und damit nicht im vorgegebenen Fenster von Reifen-Exklusivausstatter Michelin lagen.

Wehrlein durfte sich in Paris nur kurz über den Pole-Award freuen - Foto: LAT Images
Wehrlein durfte sich in Paris nur kurz über den Pole-Award freuenFoto: LAT Images

Nach einer Qualifying-Runde muss der Minimum-Luftdruck bei der Messung mindestens 1,6 bar betragen. Wehrlein (1,48 und 1,56) und D'Ambrosio (1,47 und 1,56) lagen mit ihren Reifendrücken darunter. So versetzte die Rennleitung durch die Aberkennung aller Rundenzeiten beide Fahrer in die letzte Startreihe und nahm ihnen damit effektiv jegliche Siegchancen.

Wehrlein erklärte, dass die Reifendrücke beim Herausfahren aus der Box mit den Michelin-Vorgaben übereingestimmt hätten. Diese mussten laut einem Bulletin mindestens 1,3 bar betragen. Das Problem sei bei der Messung nach Wehrleins Runde in der Gruppenphase des Qualifyings aufgetreten und den Umständen geschuldet.

Wehrlein: "Ich fuhr in der Qualifying-Gruppe 3 und es waren einige Autos vor mir an der Reihe, bei denen vorher der Reifendruck gecheckt wurde. Bis sie (die Kontrolleure; d.Red.) bei mir waren, waren die Reifen schon wieder kalt und der Druck unten. Wir haben erklärt, was passiert ist und auch, dass die Drücke okay waren. Die waren einfach zu spät da."

In der offiziellen Urteilsverkündung merkten die Stewards an, dass selbst unter Berücksichtigung der Streckentemperaturen und der Zeit, bis das Auto nach dem Eintreffen in der Boxengasse überprüft wurde, die Reifendrücke nicht mit der Working Range von Michelin übereingestimmt hätten.

Formel E: So lief das 1. Regen-Rennen der Geschichte in Paris: (05:32 Min.)

Dass Mahindra - Reifendrücke hin oder her - in Paris zu alter Stärke zurückgefunden hat, stellten Wehrlein und D'Ambrosio im anschließenden Rennen unter Beweis. Wehrlein verbesserte sich im Verlauf des chaotischen Rennens und zahlreichen Unterbrechungen um zwölf Plätze und überquerte die Ziellinie als Zehnter. Sein belgischer Teamkollege machte gar 13 Position gut, bis er durch einen selbstverschuldeten Unfall in der Schlussphase ausfiel.

"Positiv ist, dass wir ein gutes Auto haben", sagte Wehrlein. "In den vergangenen drei Rennen haben wir uns schwer getan, der Speed hat nicht gepasst. Aber es ist schade, wenn man sieht, wie viele Siegchancen wir ausgelassen haben. Das war jetzt das dritte Rennen..."

Wehrleins Rookie-Saison in der Formel E

Rennen Qualifying Rennen
1 Saudi-Arabien nicht angetreten nicht angetreten
2 Marrakesch P7 Unfall (unverschuldet)
3 Santiago P2 P2
4 Mexiko-City P1 P6 (nachtr. Strafe)
5 Hongkong P21 Unfall (unverschuldet)
6 Sanya P9 P7
7 Rom P14 P10
8 Paris P22 (statt P1) P10

Schon bei seinem zweiten Auftritt in der Formel E beim Santiago ePrix schnupperte Wehrlein am Sieg, bis ihm kurz vor Schluss die Energie ausging und er sich Sam Bird geschlagen geben musste. Im darauffolgenden Rennen in Mexiko-City erzielte Wehrlein seine erste Pole Position und führte bis zum Schlusssprint. Weil er in der letzten Runde aber in der Schikane abkürzte, ging der Sieg an Lucas di Grassi, während Wehrlein eine Strafe kassierte und vom zweiten bis auf den sechsten Platz zurückfiel.

Nach dem achten von 13 Saisonrennen belegt Wehrlein den elften Platz in der Meisterschaft. Mit 38 Punkten beträgt sein Rückstand auf Paris-Sieger und Spitzenreiter Robin Frijns (Virgin) 43 Zähler. D'Ambrosio fiel nach der Nullrunde vom ersten bis auf den fünften Gesamtplatz zurück und hat 65 Punkte auf seinem Konto. Wehrleins Plan für das folgende Rennen in Monaco in zwei Wochen: "Die Pole behalten, wenn ich sie noch mal erziele."