Entwickelt sich da ein kleiner Machtkampf zweier komplett unterschiedlicher Rennserien? Auf der einen Seite die große Formel 1, die es seit knapp 70 Jahren gibt. Auf der anderen Seite die junge Formel E, die derzeit ihre vierte Saison bestreitet. Zu Beginn hatte es die erste rein-elektrische Rennserie der Welt bewusst vermieden, jegliche Vergleiche zur F1 zu ziehen. Das Motto lautete: komplette Abgrenzung. In den vergangenen Monaten schien dieses Konzept aber nicht mehr vollends zu gelten.

So holte sich zuletzt Formel-E-Boss Alejandro Agag einen kleinen Seitenhieb von seinem Formel-1-Pendant Chase Carey ab. Der Liberty-Chef reagierte auf Agags Aussagen, dass die Formel E in 20, 30, 40 Jahren wahrscheinlich der Haupt-Motorsport sei, weil die Welt elektrisch würde.

Carey: Formel E mehr Straßenparty als Sportevent

"Ich freue mich, dass er eine Kristallkugel hat, die 20 bis 30 Jahre in die Zukunft schauen kann", wurde Carey von der Auto Bild Motorsport zitiert. "Formel E ist für uns kein Konkurrent. Sie repräsentiert eine Sache, die uns allen wichtig ist: die Umwelt. Abgesehen davon ist sie mehr eine Straßenparty als ein Sportevent. Leute, die dort waren, sagten mir, sie hatten Spaß, denn es gab Musik und gutes Essen."

Mehr Party als Sportevent? Worte, die wiederum den Formel-E-Chefs nicht unbedingt schmecken dürften. Dabei lenkte Carey gleichzeitig ein und argumentierte, dass beide Serien ihre Berechtigung hätten. Mit Blick auf den reinen Motorsport habe die Formel 1 aber ganz klar die Nase vorn.

Carey: "Die Formel 1 wird weltweit geschaut und wir haben jetzt die Möglichkeit sie auf ein neues Level zu heben. Und in der Tat glaube ich, dass uns andere Serien sogar dabei helfen, denn sie schaffen Interesse. Die Königsklasse ist und bleibt aber die Formel 1."

Brawn: Die Formel E ist ein Event

Zustimmung gab es von Liberty-Mitstreiter Ross Brawn, der Careys Ansichten bezüglich des Anspruches der Formel E teilte. "Ich verstehe den Reiz der Formel E: die Formel E ist ein Event", sagte Brawn vergangenes Jahr zu Motorsport-Magazin.com. "Man schaut sich nicht ein Formel-E-Auto an, weil es aufregend ist. Man geht dorthin, weil es ein Festival, eine gute Show ist. Ich habe mir die Formel E einmal angesehen: wenn das Auto durch eine Kurve fährt, dann stellen sich bei mir die Nackenhaare nicht auf. Wenn ich in Monaco an der Schwimmband-Schikane bin, dann stockt mir der Atem. Darum geht es in der Formel 1."

Laut Brawn können beide Serien nebeneinander existieren. Die Formel 1 dürfe dabei aber keine Kompromisse eingehen und müsse der ultimative Motorsport bleiben. Der frühere F1-Teamchef: "Der Anblick eines Formel-1-Autos, wie es mit dieser Geschwindigkeit, mit dieser Power, mit dieser Energie und der Brutalität durch eine Kurve fährt, das ist Teil der Magie der Formel 1. Bei diesen Zielen sollten wir keine Abstriche machen, sonst haben wir irgendetwas dazwischen."

Nick Heidfeld: Formel E lockerer als in der Formel 1: (3:44 Min.)

Agag: Formel E wird Meisterschaft der Autos

Es herrscht ein fortlaufendes Geplänkel zwischen Formel E und Formel 1. Beide Serien respektieren sich gegenseitig und bringen das auch immer wieder zum Ausdruck. Kleine Sticheleien gehören allerdings ebenso zum Geschäft. So meinte Agag kürzlich: "Wenn die Welt in 20 oder 30 Jahren nicht elektrisch ist, haben wir ein Problem. Wenn es aber anders kommt, dann wird die Formel E die Meisterschaft der Autos sein."

Wollte er damit ausdrücken, dass die Formel E auf lange Sicht die Formel 1 im direkten Vergleich überholen werde? Oder, dass in Folge der fortschreitenden Automobil-Entwicklung auf lange Sicht nur noch rein-elektrischer respektive Motorsport ohne Verbrennungsmotor existieren wird? Agags Aussagen lassen einen gewissen Interpretationsspielraum. Unbewusst oder durchaus kalkuliert?