Track-Limits gehören in der Formel 1 zu den umstrittensten Themen und sorgen immer wieder für einige kontroverse Diskussionen. Wie weit darf ein Fahrer die Strecke verlassen, darf er sie überhaupt verlassen und wann hat er sich damit eigentlich einen Vorteil verschafft? Das sind Fragen, die die Königsklasse nicht erst seit dem vergangenen Rennen in Bahrain beschäftigt, bei dem Max Verstappen Lewis Hamilton in Kurve vier überholte und dabei die Streckenbegrenzung überfahren hatte - der Niederländer wurde angewiesen, die Position an Hamilton zurückzugeben, obwohl dieser die Strecke an derselben Stelle 30 Runden lang überfahren hatte. Tatsachen, die der Formel 1 wieder einmal eine Debatte rund um Track Limits bescherten.

Tatsächlich beschäftigt sich die moderne Formel 1 durchwegs mit diesem heiklen Thema. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder vergleichbare Situationen und Momente, die auf und neben der Strecke zu unterschiedlichen Ansichten führten und die Königsklasse spalteten.

Fuji 2007 - Kampf um Platz sechs kennt keine Grenzen

2007 sorgten Felipe Massa und Robert Kubica auf dem Fuji Speedway in Japan mit einem Duell für Bilder, die angesichts der aktuellen Situation wie aus einem anderen Film wirkten. Das Rennen selbst war von Beginn an gezeichnet von schwerem Regen, der unter anderem dafür sorgte, dass nur 15 der 22 Fahrer die Zielflagge sahen. Dementsprechend spannend war der Grand Prix, der bis in die letzte Runde das Herz vieler Fans in die Hose rutschen ließ, als Massa auf Position sieben liegend versuchte, den vor ihm liegenden Kubica zu überholen. Die Folge: Massa drängte Kubica in Kurve 10 von der Strecke, der wieder auf die Fahrbahn zurückkam und es dem Brasilianer energisch gleichtat. Das Spiel wiederholte sich ein weiteres Mal, bis sich Massa in Kurve 15 schließlich durchdrücken konnte.

Felipe Massa verließ die Strecke in Fuji 2007 nicht nur einmal - Foto: LAT Images
Felipe Massa verließ die Strecke in Fuji 2007 nicht nur einmalFoto: LAT Images

Nach Rennende sprach fast keiner mehr von der Tatsache, dass die Track Limits während des Duells mehrere Male überfahren wurden. Die Formel-1-Welt war einzig und allein fasziniert von dem packenden Kampf, den sich die beiden Piloten auf der Strecke lieferten. Über das gefährliche Vorgehen der beiden Fahrer gab es allerdings vereinzelt auch Diskussionen.

Belgien 2008 - Hamilton muss Sieg an Massa abgeben

Ein ähnlich packendes Duell ereignete sich ein Jahr später beim Großen Preis von Belgien in Spa-Francorchamps. Lewis Hamilton, damals im McLaren-Mercedes, kämpfte gegen Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen wenige Runden vor Schluss um die Spitzenposition. Die Voraussetzungen dafür waren jedoch denkbar schlecht, als es zu regnen begann und beide Fahrer noch auf Trockenreifen unterwegs waren.

Hamilton versuchte, den Finnen in der Schikane kurz vor Start-Ziel zu überholen, Räikkönen gab dem Briten allerdings keinen Platz, weshalb Hamilton laut eigener Aussage keine andere Wahl hatte, als Kurve 20 zu schneiden und Räikkönen auf diese Weise zu überholen. Da Hamilton aber wusste, dass er sich hierdurch einen Vorteil verschafft hatte, ließ er Räikkönen sofort wieder durch, nur um in der ersten Kurve einen weiteren Angriff zu starten, der mit der Führung für den Briten endete. Das Duell der beiden Piloten ging weiter, doch aufgrund der Wetterbedingungen schied Räikkönen in weiterer Folge aus, wodurch Massa und Nick Heidfeld eine Position nach vorne rutschten. Hamilton brachte seinen MP4-23 als Erster über die Ziellinie und konnte sich damit den Sieg sichern.

Belgien 2008 - Ein enttäuschter Lewis Hamilton verlässt die Strecke mithilfe eines Security-Mitarbeiters - Foto: LAT Images
Belgien 2008 - Ein enttäuschter Lewis Hamilton verlässt die Strecke mithilfe eines Security-MitarbeitersFoto: LAT Images

Die Rennkommissare des Wochenendes hatten aber andere Pläne. Hamilton habe sich durch das Verlassen der Strecke in Kurve 20 einen Vorteil verschafft. Dieser habe Räikkönen die Position zwar zurückgegeben, das darauffolgende und auch erfolgreiche Überholmanöver aber zu früh gestartet. Nach Ansicht der Rennstewards hätte Hamilton mindestens noch eine Kurve warten müssen, bevor er einen weiteren Angriff startete. Da ein solches Vergehen eigentlich mit einer Durchfahrtsstrafe geahndet wird, das Rennen aber bereits zu Ende war, bekam Hamilton nachträglich eine 25-Sekunden-Strafe aufgebrummt. Damit wurde Hamilton nur noch als Dritter gewertet - eine Fehlentscheidung, ist Hamilton bis heute überzeugt.

Baguette-Kerb oder elektronische Überwachung?

2016 gab es zwischen dem Österreich Grand Prix und dem Großen Preis von Ungarn eine intensive Debatte über die Track Limits. Diese wurde unter anderem durch sogenannte Baguette-Kerbs ausgelöst, wie sie 2016 in Österreich eingesetzt wurden, um das Überfahren der Strecke beispielsweise nach Kurve neun zu verhindern. Diesen Randsteinen waren viele Formel-1-Boliden aber nicht gewachsen, was im Laufe des Wochenendes für mehrere Aufhängungsbrüche, Schäden am Unterboden oder beschädigte Reifen sorgte.

Die sogenannten Baguette-Kerbs sollten die Piloten in Spielberg daran hindern, die weiße Linie zu überfahren - Foto: LAT Images
Die sogenannten Baguette-Kerbs sollten die Piloten in Spielberg daran hindern, die weiße Linie zu überfahrenFoto: LAT Images

Beim Großbritannien GP eine Woche darauf spielten die Track Limits erneut Spielverderber. Kurve eins, neun und 15 gehörten zu den Stellen, an denen die Fahrer die Strecke nicht verlassen durften. Wer es trotzdem tat, dessen Runde wurde gestrichen. Dieses Schicksal ereilte Hamilton, als seine erste gezeitete Runde im Q3 nicht gewertet wurde. Der Brite hatte die Track Limits verlassen, weshalb ihm nur noch sein zweiter Versuch blieb, um in Silverstone eine gültige Runde zu drehen. Hamilton gelang das Kunststück, doch noch die Pole Position herauszufahren.

In Ungarn sollte den Diskussionen schließlich ein Ende gesetzt werden: Eine elektronische Überwachung in Form von Induktionsstreifen wurde in Kurve vier und elf verbaut, die die Rennstewards darauf hinweisen sollten, wenn ein Fahrer mit allen vier Rädern neben der weißen Linie war. Beim zu häufigen Missachten der Track Limits sollte es dann zu Strafen kommen - nach dem vierten Vergehen sogar eine Durchfahrtsstrafe ausgesprochen werden.

Das System erntete allerdings viel Kritik, weshalb es in der Formel 1 nicht zum Dauerbrenner wurde. Sebastian Vettel hinterfragte bei dem ganzen System beispielswiese die Sinnhaftigkeit und auch Daniil Kvyat war nicht so begeistert von dieser Methode. Die neuen Kerbs waren schließlich auf demselben Niveau wie die eigentliche Rennstrecke, wodurch die Fahrer von den Randsteinen kein Feedback mehr bekamen, was das Fahren am Limit laut dem Russen erschwerte.

Verstappen mit illegalem Traum-Manöver gegen Räikkönen

2017 riss die Debatte um die Streckenbegrenzungen nicht ab. Im Zentrum der Kontroverse lag insbesondere der Große Preis der USA in Austin, als Max Verstappen in der letzten Runde ein Hammer-Manöver gegen Kimi Räikkönen auspackte. Verstappen ging in Kurve 17 innen am Ferrari-Piloten vorbei und erbte damit den dritten Platz von Räikkönen.

Die positive Stimmung des Niederländers blieb jedoch nur von kurzer Dauer. Noch vor der Siegerehrung musste Verstappen aufgrund einer Fünf-Sekunden-Strafe den dritten Platz wieder abgeben und die Zeremonie verlassen. Der Vorwurf: Beim angesprochenen Überholmanöver habe Verstappen die Strecke verlassen und sich damit wie Hamilton 2007 einen Vorteil verschafft. Unvergessen blieben die Bilder, als Räikkönen mit einem Vertreter der FIA in den Cool-Down-Raum kam und Verstappen im metaphorischen Sinne rauswarf.

Das Resultat war ein enttäuschter Verstappen und ein umso verärgerter Dr. Helmut Marko. Der Red-Bull-Motorsport-Chef sprach wutentbrannt davon, dass die FIA den Sport durch sowas kaputt mache. "Unfassbar, man braucht dazu eigentlich keinen Kommentar abgeben. Solche Leute gehören gar nicht... ach, das will ich gar nicht sagen", schimpfte der Österreicher nach dem Rennen.

Auf Imola-Comeback folgt Track-Limit-Ärger

Der Große Preis der Emilia Romagna war in der Saison 2020 nicht die erste Station, die für ein Track-Limit-Chaos sorgte. Eine Woche zuvor wurden in Portimão an einem Tag ganze 123 Rundenzeiten gestrichen. Das Überfahren der Streckenbegrenzungen sorgte auch in Imola für viele aberkannte Rundenzeiten, weshalb die Rennleitung die Streckenlimits an bestimmten Stellen umdefinierte. So galt in Kurve neun weiterhin die weiße Linie als Streckenrand, in Kurve 15 galt fortan der äußere Rand des Kerbs als Streckenbegrenzung.

Kurve 15 in Imola -  Die imaginäre gelbe Linie war ab dem Qualifying 2020 die neue Streckenbegrenzung - Foto: LAT Images
Kurve 15 in Imola - Die imaginäre gelbe Linie war ab dem Qualifying 2020 die neue StreckenbegrenzungFoto: LAT Images

Diese Entscheidung wurde in Abstimmung mit den Fahrern getroffen. McLaren-Pilot Lando Norris sprach beispielsweise davon, dass Kurve 15 dadurch wesentlich flüssiger durchfahren werden kann. Daniil Kvyat hingegen war von der kompletten Debatte nur noch genervt und fand hierzu klare Worte: "Wir brauchen nicht diese Diskussionen um weiße Linien, wir brauchen Old-School-Kiesbetten. Wenn man dann von der Strecke abkommt, bestraft man sich selbst und wir müssen uns nicht um diesen ganzen Bullshit in Bezug auf die weiße Linie kümmern", so der Russe. Kvyat kritisierte damit die Asphalt-Auslaufzonen, denn Fehler würden dadurch nicht mehr richtig bestraft: "So etwas tötet das Racing und es tötet so großartige Strecken."