Alonso-Mania in der Königsklasse: 2021 kehrt einer der größten Charakterköpfe und Publikumsmagneten der vergangenen zwei Jahrzehnte zurück in die Startaufstellung der Formel 1. Fernando Alonso will es nach zwei Jahren Auszeit noch einmal wissen. Im Alter von 39 Jahren eifert der Spanier jenem Mann nach, dessen jahrelange Herrschaft er 16 Jahre zuvor mit Renault beendet hatte. Michael Schumacher vermochte es nach seinem Abschied von Ferrari Ende 2006 nie, die Formel 1 vollständig zu vergessen. 2010 kehrte der Rekordweltmeister bei Mercedes mit sogar 41 Jahren noch einmal zurück, für gleich drei Jahre.

Ähnliche Pläne schmiedet nun Schumachers einstiger Widersacher. Anfang Juli verkündete Renault die sensationelle Rückkehr seines schon doppelt verlorenen Sohns: Alonso unterzeichnete zum dritten Mal einen Vertrag bei den Franzosen, verpflichtete sich gleich für mehrere Jahre.

An welche Ära wird der Spanier anknüpfen? Seine glorreiche erste Amtszeit in Enstone, in der er sich 2003 zunächst zum damals jüngsten Polesitter und Rennsieger der Geschichte kürte und zwei Jahre später den ersten von zwei WM-Titeln (2005/2006) folgen ließ? Oder an seinen weit unrühmlicheren zweiten Stint mit den Franzosen in den Jahren 2008 und 2009? Der gipfelte - nach der Stippvisite bei McLaren-Mercedes 2007 samt teaminterner Eskalation mit Lewis Hamilton und Verwicklung in den Spionage-Skandal - gleich im nächsten Eklat rund um Alonso, dem berüchtigten 'Crashgate' von Singapur 2008.

Briatore inszeniert 'Crashgate-Skandal für Alonso

Teamchef Flavio Briatore hatte Teamkollege Nelson Piquet Junior angewiesen, absichtlich in die Mauer zu fahren, um im richtigen Moment eine Safety-Car-Phase auszulösen. Dadurch gewann Alonso trotz des 2008 unterlegenen Renaults das Rennen. Nach einer weit weniger skandalösen, aber sportlich mit nur einem Podium für Alonso noch mäßigeren Saison 2009 zog Renault werksseitig den Stecker, Alonso wechselte zu Ferrari. Mit der Scuderia scheiterte Alonso 2010 und 2012 gleich zweimal nur knapp an seinem dritten Championat.

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Nach fünf erfolglosen Anläufen hatte der Spanier genug, wagte stattdessen einen Versuch mit der neuaufgelegten Allianz McLaren-Honda. Das endete im Fiasko. Zu der angekündigten Dominanz kam es mitnichten, allenfalls in der Statistik für Motorendefekte. Drei Jahre dümpelte Alonso so durch das Mittelfeld, bis der Spanier Ende 2018 die Lust verlor und der Formel 1 nach dem Saisonfinale in Abu Dhabi gleich vollständig den Rücken kehrte. Seitdem suchte Alonso in diversen anderen Rennserien sein Glück, bis hin zur Rallye Dakar.

Mit zwei Siegen in Le Mans (2018/2019) werkelte der Asturier nach seinen Triumphen in Monaco 2006 und 2007 die zweite Zacke an seine große Mission, die angestrebte Triple-Crown des Motorsports. Einzig ein Coup beim Indianapolis-500 lässt auf sich warten. Das wird während seiner neuen Aufgabe bei Renault so bleiben. Anders als zuletzt McLaren gestatten die Franzosen keinen Ausflug ins Oval, selbst wenn es terminlich zu keinerlei Kollisionen kommen sollte. Als zu groß erachtet Renault das Sicherheitsrisiko. Noch dazu soll der Fokus voll auf der Königsklasse liegen.

220 stürzte sich Alonso mit Toyota in das Abenteuer Rallye Dakar - Foto: ASO/Dakar
220 stürzte sich Alonso mit Toyota in das Abenteuer Rallye DakarFoto: ASO/Dakar

Alonso deutete früh mögliche Rückkehr an

Alonso stört das nicht. Einmal zurück, geht der Spanier bei Renault All-in. Das zeigt bereits der Zeitpunkt seines Comebacks. Seine Rückkehr hatte Alonso stets an die Prämisse geknüpft, in einer ausgeglicheneren Formel 1 wieder über Erfolgsaussichten zu verfügen. Durch einschneidende Änderungen der technischen wie finanziellen Reglements sollte das ursprünglich schon 2021 realistisch erscheinen. "Ich habe immer gesagt, 2021 gibt es neue Regeln in der Formel 1, da könnte ich zurückkommen, weil ich dann vielleicht mehr Interesse habe, wenn die Autos mehr auf einem Level sind", sagte Alonso noch vor Bekanntgabe seiner Rückkehr.

Wegen der Corona-Krise verschob die Formel 1 die Pläne zur Entlastung der Teams um ein Jahr auf 2022. Dennoch legt Alonso bereits ein Jahr früher los - bei von 2020 auf 2021 weitgehend eingefrorenen Chassis und angesichts der gegenwärtigen Performance des Renault R.S.20 mit geringen Aussichten auf Podestplätze, geschweige Siege.

"Mir ist bewusst, was im Moment der Stand der Dinge ist. Ich habe die letzten zwei Jahre nicht im Untergrund gelebt", sagt Alonso. "Ich habe es im TV verfolgt und ich weiß, dass 2020 nur ein Team gewinnen wird und 2021 wohl genauso. Aber 2022 ändern sich die Regeln und das bringt hoffentlich mehr Fairness und enges Racing für den Sport, mit mehr Teams, die auf einem Level sind." Bereits ein Jahr früher loszulegen hält der Spanier sogar für elementar.

"2021 zurück im Sport zu sein, es als Vorbereitung nach meiner zweijährigen Auszeit zu nutzen und das Team aufzubauen, ist es auf jeden Fall wert", erklärt Alonso. Das klingt nach einem Plan. Alonso weiß genau, was er will und strebt mittelfristig nicht weniger als die Rückkehr auf das Siegertreppchen an. "Meine Prinzipien und Ambitionen sind die gleichen, die das Team hat", sagt Alonso. "Ihr Fortschritt im Winter verleiht den Zielen für 2022 Glaubwürdigkeit und ich werde meine Rennerfahrung mit allen Ingenieuren, Mechanikern und meinen Teamkollegen teilen. Das Team will, wie ich, zurück auf das Podium und es hat auch das Zeug dazu", betont der 32-fache Grand-Prix-Sieger.

Beim Abu Dhabi GP fuhr Fernando Alonso Demorunden mit dem RS25, seinem Weltmeisterauto aus dem Jahr 2005 - Foto: LAT Images
Beim Abu Dhabi GP fuhr Fernando Alonso Demorunden mit dem RS25, seinem Weltmeisterauto aus dem Jahr 2005Foto: LAT Images

Dieser Ansatz überzeugte auch Renault, mit Alonso das vielleicht noch fehlende Puzzleteil gefunden zu haben, um endlich dem Anspruch eines Werksteams gerecht zu werden. "Die Unterschrift von Fernando Alonso ist Teil des Plans von Renault, unser Engagement in der Formel 1 fortzusetzen und an die Spitze des Feldes zurückzukehren", erklärt Renault-Teamchef Cyril Abiteboul. "Ihn in unserem Team zu haben, ist sowohl auf sportlicher Ebene als auch für die Marke, der er sehr verbunden ist, von großer Bedeutung. Die Stärke der Beziehung zwischen ihm, dem Team und den Fans macht ihn zu einer logischen Wahl."

Eine mutige Entscheidung sei es dennoch für beiden Seiten, so der Franzose. Für Alonso angesichts der doch ungewissen Aussichten. Für Renault wegen der Vergangenheit des Spaniers. Verbrannte Erde hinterließ der Spanier bislang bei jeder seiner Karrierestationen abseits der Franzosen - ob durch den genannten Skandal bei McLaren-Mercedes, die wenig gütliche Trennung von Ferrari oder wüste Schimpftiraden auf McLarens Motorenpartner und Hauptsponsor Honda, bekannt durch den berühmten "GP2-Engine!"-Funkspruch ausgerechnet in Suzuka, dem Heimrennen der Japaner.

Alonsos Vorgeschichte beschäftigte Renault-Berater Prost

Diese Seiten Alonsos sind Renault bewusst. Teamberater Alain Prost gab nach ausführlichen Gesprächen mit Alonso dennoch grünes Licht. "Was mit Fernando und verschiedenen Teams vorgefallen ist, war mein größtes Problem und Fragezeichen", gesteht der vierfache Weltmeister der Nachrichtenagentur Reuters. "Ich habe mit Fernando mehrmals darüber gesprochen. Ich vertraue ihm wirklich, dass er eine andere Philosophie haben wird."

Ein frustrierendes Missverständnis à la McLaren-Honda soll deshalb nicht drohen. Prost: "Er weiß, was er in Sachen Performance bekommen wird. Er weiß, dass 2021 auch etwas schwierig wird. Darauf ist er vorbereitet. Ich denke, dass er wirklich ganz anders sein wird als die Leute glauben."

Alonsos bislang letzter Boss in der Formel 1, McLaren-CEO Zak Brown, versteht die Angst vor dem 'Politiker' in Alonso grundlegend nicht. Wer Alonso haben könne, müsse zuschlagen, gerade Renault. "Wenn ich bei Renault zu entscheiden hätte, dann wäre er auf jeden Fall der, den ich in dieses Auto setzen würde - großer Name, so schnell wie jeder andere, zwei Titel mit ihnen gewonnen, also hat er auch die Geschichte. Von Renault-Seite ist das doch eine Selbstverständlichkeit", sagt der US-Amerikaner dem britischen Ableger von Sky Sports F1, als sich bereits Gerüchte einer Alonso-Rückkehr zu Renault mehrten.

Für Renaults Teamchef Abiteboul überwiegen letztlich Strahlkraft und sportliche Qualitäten des Spaniers. "Seine Erfahrung und Entschlossenheit werden es uns ermöglichen, das Beste aus uns herauszuholen, um das Team zu der Exzellenz zu führen, welche die moderne Formel 1 erfordert. Er wird unserem Team einen Geist des Racings und des Siegens bringen, um gemeinsam Hürden zu überwinden", sagt der Franzose.

Alonso selbst fühlt sich schon vorab pudelwohl bei seiner alten Truppe. "Renault ist meine Familie und ich habe die schönsten Erinnerungen an meine beiden Formel-1-Weltmeisterschaften, aber ich blicke jetzt nach vorne", sagt Alonso. "Es erfüllt mich mit Stolz und ist mit großen Emotionen verbunden, dass ich zu dem Team zurückkehre, das mir zu Beginn der Karriere eine Chance gegeben hat und jetzt die Chance gibt, auf dem höchsten Level wiedereinzusteigen."

Alonso bei Combeback zweitältester Fahrer

Weniger als dieses Niveau kommt für Alonso, insbesondere für sein eigenes Schaffen, nicht infrage, auch nicht im Alter von mehr als 40 Jahren, die Alonso im zweiten Jahr seines Renault-Vertrags überschreiten wird. Kimi Räikkönen hat diese Schallmauer als einziger im Teilnehmerfeld bereits durchbrochen. Er ist mit 41 Jahren der älteste Fahrer der Königsklasse. Selbst Lewis Hamilton ist dreieinhalb Jahre jünger, die neue Generation von Spitzenfahrern um Max Verstappen, Charles Leclerc und Lando Norris fast zwei Jahrzehnte. Kann Alonso da noch mithalten?

Zweifel, der Jugend nicht länger Paroli bieten zu können, hegt der stolze Asturier nicht einmal im Ansatz. "Ich habe noch nie ein Rennergebnis auf Grundlage des Ausweises oder deines Geburtsdatums gesehen", betont Alonso sofort, kaum mit dem Thema konfrontiert. "Soweit ich das in meinen vielen Jahren Formel 1 gesehen habe, ist die Stoppuhr das einzige, was zählt, nicht das Alter."

Rost habe er ebenfalls nicht angesetzt. "Letztes Jahr war eine sehr aktive Saison für mich. Langstreckenrennen in IMSA und WEC, die Rallye Dakar, da habe ich fast jede Woche im Auto gesessen", erinnert Alonso. Einsätze im Freitagstraining noch 2020 seien deshalb nicht erforderlich.

In der Saison 2018/2019 gewann Fernando Alonso mit Toyota den Titel in der Langstrecken-WM und in beiden Jahren das 24-Stunden-Rennen von Le MAns - Foto: Speedpictures
In der Saison 2018/2019 gewann Fernando Alonso mit Toyota den Titel in der Langstrecken-WM und in beiden Jahren das 24-Stunden-Rennen von Le MAnsFoto: Speedpictures

"Ich glaube nicht, dass er ein Training braucht, um sich mit den Abläufen in einem Formel-1-Auto vertraut zu machen", bestätigt Abiteboul mit einem Lachen. Der Franzose ist vollauf überzeugt, dass Alonso in der Lage ist, an die Beispiele Prost und Niki Lauda anzuknüpfen - die einzigen Piloten der Geschichte, die sich nach einer Auszeit sogar noch einmal zum Weltmeister krönten. So sieht es auch der Spanier. "Ich fühle mich bereit und bei 100 Prozent, was das Fahren angeht", betont Alonso.

Alonso fühlt sich stark

Körperlich sei er sogar fitter denn je. "Physisch habe ich meinen Körper wiederaufgebaut. Im Februar habe ich eine gezielte Fitness-Vorbereitung begonnen und jetzt bin ich bei 100 Prozent. Wir haben vor 14 Tagen einen Fitnesstest gemacht und ich hatte die besten Ergebnisse meiner Karriere. Ich fühle mich extrem motiviert, bin zufriedener und stärker als je zuvor", verspricht Alonso.

Das nimmt Lewis Hamilton seinem alten Rivalen voll und ganz ab. Auch der Brite betont seit Jahren, sich physisch noch immer auf dem Weg nach oben zu befinden. "Ich weiß aber nicht, wie es sich anfühlt, 40 zu sein", scherzt der Brite. "Aber Michael hat es damals gezeigt. Er war in einer großartigen Verfassung und ich denke, dass Fernando es auch sein wird."

Lewis Hamilton und Fernando Alonso waren 2007 Teamkollegen bei McLaren - Foto: Sutton
Lewis Hamilton und Fernando Alonso waren 2007 Teamkollegen bei McLarenFoto: Sutton

Alonsos Fitnesslevel noch besser beurteilen als ein Fahrerkollege in zumindest ähnlichem Alter kann wohl nur einer. Flavio Briatore. Noch immer managt Alonsos Meistermacher von 2005 und 2006 den Spanier. "Fernando ist motiviert. Aus der Formel 1 heraus zu sein, hat ihm gutgetan. Er hat sich entgiftet und ich erlebe ihn ausgeglichener und bereit, zurückzukehren", sagt der Italiener der ‚Gazzetta dello Sport'. "Er ist in großartiger Form, er ist vier bis fünf Kilogramm leichter als vor zwei Jahren bei McLaren", ergänzt Briatore.

Deshalb steht für den ehemaligen Renault-Teamchef eine neue Erfolgsgeschichte bereits fest - vorausgesetzt, auch Renault leistet gute Arbeit und produziert ein Auto, das zumindest in Schlagdistanz zur Spitze liegt. An Alonso werde es laut Briatore jedenfalls nicht scheitern. Briatore: "Wenn er das Auto dazu hat, macht er den Unterschied. Heute kann ein Fahrer keinen so großen Unterschied mehr machen. Aber er macht zwei oder drei Zehntel aus - und das ist schon gewaltig. Fernando ist noch immer ein Big-Player."

Alles zu Mick Schumachers Formel 1-Einstieg! MSM Ausgabe 76: (02:21 Min.)

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