Königlicher Park von Monza, ein herrlicher Sonntag im italienischen Spätsommer. Eine passendere Kulisse hätte sich Claire Williams kaum aussuchen können, um das Zepter am Kommandostand des mit 114 Siegen nach Ferrari und McLaren noch immer dritterfolgreichsten Teams der Formel-1-Geschichte abzugeben. An jenem 06. September 2020 endete in der Königsklasse mit dem Großen Preis von Italien eine 43 Jahre lange Herrschaft. Die Regentschaft des 'Rollstuhlgenerals' Sir Frank Williams und seiner Tochter wie Stellvertreterin Claire.

Zum letzten Mal startete Williams in Monza unter Führung der Gründerfamilie ein F1-Rennen. Am Montag danach - nach einem Tag voller emotionaler Interviews, rührender Szenen in Boxengasse und Fahrerlager sowie großen Abschiedsworten der Fahrer am Boxenfunk - begann in Grove eine neue Zeitrechnung. Williams hatte nicht nur den Eigentümer, sondern auch die sportliche Leitung gewechselt.

Mit der Ankündigung dieses Schritts hatten Vater und Tochter Williams am Donnerstag vor dem Wochenende in zwei schnell aufeinander folgenden Presseaussendungen die Formel-1-Welt erschüttert. Zunächst kommunizierte der noch bis Mitte August letzte in Familienbesitz verbliebene Rennstall der Formel 1 den Rückzug Williams' vom Posten der Teamchefin, unmittelbar darauf meldete das Team den vollständigen Abschied der Gründerfamilie aus dem operativen Geschäft bei Williams. Seit dem Großen Preis der Toskana befindet sich Williams erstmals seit der Gründung im Jahr 1977 weder in Familienbesitz, noch hält ein oder eine Williams die Zügel am Kommandostand in Händen. Ein historisch einschneidender Moment.

Williams erleidet hohe Verluste

Der erste Schock in Monza war dementsprechend groß. Abgezeichnet hatte sich der Wandel bei Williams allerdings länger. Im Mai veröffentlichte Williams zunächst die Geschäftsbilanz des Vorjahres - mit einem Umsatzeinbruch des Rennteams von mehr als 35 Millionen Pfund und einem Verlust im zweistelligen Millionenbereich. Eine Folge weggebrochener Preisgelder durch die anhaltende sportliche Talfahrt des Teams und den Verlust des Titelsponsors Martini.

Die Coronakrise verschärfte die Situation zusätzlich, parallel verlor Williams auch seinen neuen Hauptsponsor Rokit. Daraufhin verkündete die Williams-Gruppe, sich auf die Suche nach Investoren begeben zu müssen - nicht nur von einer Minderheitsbeteiligung war die Rede, selbst einen vollständigen Verkauf des Rennteams oder gleich der gesamten Holding sondierte die Geschäftsführung.

Keine drei Monate später präsentierte Williams einen Käufer. Die US-Investmentgesellschaft Dorilton Capital übernahm den Rennstall vollständig. Dafür wurde Williams Grand Prix Engineering, die Rennsparte, aus der nun aufzulösenden Williams-Holding ausgegliedert. Das Ende des letzten Familienteams der Königsklasse. Die dennoch beruhigende Botschaft für die vor allem in England zahlreichen Anhänger des Traditionsteams: Auch ohne die Familie bleibt die DNS von Williams erhalten. Die neuen Eigentümer versicherten, weder am Namen Williams, der typischen Fahrzeugbezeichnung 'FW' - für Frank Williams -, noch dem Sitz des Teams rütteln zu wollen.

Dorilton der perfekte Williams-Partner?

Das zählt bei Dorilton zum Geschäftsmodell. Die Investmentfirma tritt generell nicht als großer Veränderer auf. Viel mehr liegt der Fokus auf strategischen und langfristigen Investments. Vorhandende Strukturen werden erhalten und zielgerichtet optimiert. Williams erwies sich in dieser Hinsicht als 'Perfect Fit'.

Claire Williams wurde beim Italien GP in Monza verabschiedet - Foto: Motorsport-Magazin.com
Claire Williams wurde beim Italien GP in Monza verabschiedetFoto: Motorsport-Magazin.com

"Wir glauben, dass wir mit unserem flexiblen und geduldigen Investment-Stils der ideale Partner sind", sagte Matthew Savage, Vorstandsvorsitzender von Dorilton Capital und nun auch Williams Grand Prix Engineering. "Wir erkennen die Weltklasse-Anlagen in Grove an und bestätigen, dass es keine Pläne einer Umsiedelung gibt." Noch dazu stimmte die Ausgangslage für eine Investition in ein Formel-1-Team, brachte die Königsklasse zuvor eine gerechtere Preisgeldverteilung für die Zukunft und eine ab 2021 zunächst auf 145 Millionen US-Dollar gesenkte Budgetobergrenze auf den Weg.

Wer hinter den neuen Williams-Lenkern steckt? Neben Savage besetzte Dorilton den Williams-Aufsichtsrat mit deren CEO Darren Fultz. Beide verfügen über langjährige Erfahrung im Finanzsektor, unter anderem bei Rothschild. Als dritte Personalie bestätigten die neuen Eigner James Matthews, CEO der Investment-Beraterfirma Eden Rock Group und als Ehemann von Pippa Middleton Schwager von Prinz William von Cambridge, dem Enkel der britischen Königin Elizabeth II. Wichtiger als dieser seriöse Anstrich: Matthews ist Dorlitons Mann mit Motorsport im Blut: 1994 gewann er in der britischen Formel Renault mit Manor Racing den Meistertitel.

Im operativen Geschäft setzte Dorilton unterdessen nicht aus eigenem Antrieb an - wenngleich es angesichts des Rückzugs von Claire Williams als Teamchefin und der Abschiede von Geschäftsführer Mike O'Driscoll und Finanzchef Doug Lafferty so erscheinen mag. All das geschah aus freien Stücken. "Sie wollten, dass ich bleibe", versicherte Williams. "Claires Errungenschaften, das Erbe von Williams Racing seit ihrer Übernahme 2013 in einem schwierigen Umfeld zu erhalten, waren außergewöhnlich", bestätigte Savage. Williams: "Es war meine Entscheidung. Da die Zukunft des Teams nun sichergestellt ist, fühlt es sich für uns nach dem richtigen Zeitpunkt an, zurückzutreten." Ähnliches galt für O'Driscoll, der sich mit 64 Jahren schlichtweg in den Ruhestand verabschiedete.

Claire und Frank Williams sollen neue Eigentümer beraten

Die beiden erfahrenden Williams-Leader stehen dem Team in einer nun eingeleiteten Übergangsphase weiterhin beratend mit ihrer Expertise zur Verfügung. Erste Ansprechpartner sind sie damit nicht nur für die neuen Eigentümer, sondern auch Simon Roberts. Der erst zu Jahresbeginn von McLaren als Managing Director zu Williams gestoßene Brite übernahm ab Mugello interimsweise den Posten des Teamchefs.

"Der gesamte Verkaufsprozess lief viel schneller als wir alle erwartet hatten und dann traf Claire ihre Entscheidung, die ein Schock für alle war. Deshalb war es das Wichtigste, eine gewisse Kontinuität zu erhalten", erklärte Roberts Motorsport-Magazin.com seinen Aufstieg. Ob der 58-Jährige die Zügel langfristig in Händen halten wird, steht noch nicht fest. "Hoffentlich kann ich es noch länger machen, aber wir haben das noch nicht besprochen", sagte Roberts. Die Priorität liege mehr darauf, Williams auf Kurs zu bringen.

Große Geschütze müsse das Team gemeinsam mit Dorilton dazu nicht auffahren, so Roberts. Die Grundlagen in Grove würden stimmen, seien teilweise sogar seinem vorherigen Arbeitgeber McLaren überlegen. "Wir haben mehr Mitarbeiter. Das ist etwas, das über viele Jahre aufgebaut wurde. Das ist ein Teil des Vermächtnisses von Frank [Williams] und Patrick [Head]", sagte Roberts. "Auch die Maschinen sind relativ neu. Wir haben großartige Anlagen, vielleicht seit zehn Jahren etwas unterinvestiert, aber sie sind nicht hinüber. Fundamental läuft nichts falsch im Team.

Deshalb geht es nun um zielgerichtete Investitionen, um alles zu optimieren: Bei den Grundlagen in der Fabrik, beim Team an der Strecke, sodass Infrastruktur und Abläufe zuverlässig und auf dem richtigen Niveau funktionieren. Längst laufen dementsprechende Analysen.

Eines steht dabei fest: Unverhältnismäßig weit aufgedreht wird der Geldhahn trotz der nun gesicherten Finanzen nicht. Passend zur Dorilton-Philosophie sollen ein gewisser Feinschliff und eine Aufarbeitung einzelner Versäumnisse durch die knappen Kassen der vergangenen Jahre genügen.

"Wir werden Geld nur da ausgeben und nur dort investieren, wo es auch Sinn ergibt", betonte Roberts. "Es gibt keinen Freifahrtsschein. Sie sitzen hier nicht mit einem großen Topf voller Geld, den sie investieren wollen. Das ist absolut nicht der Fall. Wir investieren nur langfristig und müssen jedes Pfund oder jeden einzelnen Dollar, den wir ausgeben, rechtfertigen."

Strukturierte Erneuerung für Williams

Wie der Phönix aus der Asche auferstehen wird Williams in der neuen Struktur nicht - da geben sich weder Team noch neue Eigentümer Illusionen hin. "Es gibt keine Schnellreparatur. Wir sind mit langem Atem hier, und genauso ist es Dorilton. Sie sind da sehr realistisch", sagte Roberts. "Sie haben viel recherchiert und sich den Ablauf angeschaut, wie es bei anderen gelaufen ist, die vor zehn oder zwölf Jahren Teams gekauft haben - von der Übernahme bis zum WM-Kampf, zu Rennsiegen oder was auch immer. Sie sehen es als Reise."

Alles zu Mick Schumachers Formel 1-Einstieg! MSM Ausgabe 76: (02:21 Min.)

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