Egal, ob Sebastian Vettel 2020 in einem Rennen eine Rolle spielte oder nicht, die Kommentarspalten sind inzwischen nahezu nach jedem Grand Prix voll von Verschwörungstheorien: Ferrari habe Vettel beim Boxenstopp absichtlich langsam abgefertigt.

Vettel selbst war es, der zuletzt eine Lanze für seine Mechaniker brach und erklärte, dass das Equipment schlicht zu schlecht sei. In der Vorschau für das Saisonfinale legt Ferrari nach und eröffnet Details zu den zahlreichen schlechten Stopps der Saison 2020 - wohl nicht ohne Grund.

Diego Ioverno, der den klangvollen Titel 'Ingenieur für Fahrzeugeinsätze' trägt, rechnet vor: "22 Prozent unserer Boxenstopps dauerten länger als 3,5 Sekunden. Alles, was länger als das dauert, um alle vier Räder zu wechseln, wird als ernsthafter Fehler angesehen. Und unser Wert ist weit weg von den Besten."

"Die Zahl der Stopps über 3,5 Sekunden ist viel zu hoch im Vergleich mit alten Standards der Scuderia, aber meistens lag es diesmal an einem spezifischen Problem an der Radmutter", erklärt Ioverno. "Das Gewinde ist nicht stark genug und deshalb wurde die Nuss mehrere Male rund gedreht."

Trickst Ferrari bei der Token-Regelung?

An sich ein Problem, das relativ schnell behoben werden könnte. Allerdings sind große Teile der Formel-1-Autos für 2021 eingefroren. Dazu zählen auch Radnabe, Radmutter und Boxenstopp-Equipment. Jedes Team hat nur zwei Entwicklungstoken für eingefrorene Komponenten zur Verfügung. Ferrari kündigte bereits an, das Heck überarbeiten zu wollen. Die hintere Crashstruktur allein kostet bereits zwei Token.

In den Vorjahren waren Ferrari-Stopps klar besser - Foto: LAT Images
In den Vorjahren waren Ferrari-Stopps klar besserFoto: LAT Images

Das Reglement lässt aber eine Lücke. "Minimale Änderungen aus Gründen der Sicherheit, der Zuverlässigkeit oder für Kostenreduzierung sind erlaubt", heißt es darin. Vor allem deshalb erklärt Ioverno wohl: "Es ist ein Zuverlässigkeitsproblem, an dem wir hart für nächstes Jahr arbeiten."

Der Ferrari-Ingenieur weiter: "Wenn die Jungs fühlen - auch unbewusst -, dass sie eine riskantere Komponente nutzen, bei der die Sicherheitsmarge beim Ansetzen des Schlagschraubers viel kleiner ist, dann hat das einen negativen Effekt auf die ganze Prozedur. Das kann man schon an der Tatsache sehen, dass unsere durchschnittliche Boxenstoppzeit bei 2,73 Sekunden liegt - da ist Raum für Verbesserung."

Ferrari in Boxenstopp-Wertung nur auf Platz acht

Beim DHL Pit Stop Award, der für die schnellsten zehn Boxenstopps eines jeden Rennens Punkte nach dem Formel-1-Schlüssel vergibt, liegt Ferrari nur auf Rang acht. Lediglich Racing Point und Haas waren schlechter. Während Red Bull bei 524 Punkten liegt, hat Ferrari in den vergangenen 16 Rennen nur 79 gesammelt. Ein starker Kontrast zur Vergangenheit übrigens - 2019 beendeten sie noch auf dem dritten Platz, 2018 und 2017 jeweils auf Platz zwei.

Nur am Equipment soll es 2020 auch nicht gelegen haben. "Unsere Pitcrew ist relativ neu. Als Teil größerer Änderungen wurde sie zusammen mit organisatorischen Dingen verändert", meint Ioverno. Neben den mechanischen Änderungen will er deshalb auch das psychische und physische Training der Crew über den Winter ausweiten.