146 Rennen musste die Formel 1 waren. 146 Rennen, in denen der Sieger entweder einen Mercedes, einen Ferrari oder einen Red Bull fuhr. Den letzten Sieg eines 'Kleinen' gab es 2013 beim Australien GP. Kimi Räikkönen gewann mit Lotus. Seither gab es in der Formel 1 keine Märchen mehr. Bis zum Italien GP 2020. Zwölf Jahre nach dem Sieg von Sebastian Vettel im Toro Rosso triumphierte Pierre Gasly mit AlphaTauri. Im modernen GP-Sport eine Heldengeschichte.

Die Gründe für Vettels Monza-Sieg 2008 waren offensichtlich. Bei Gasly fragten sich dafür nach dem Rennen noch viele: Wie zur Hölle konnte der AlphaTauri-Pilot den ersten französischen GP-Sieg seit Olivier Panis 1996 einfahren? Die Motorsport-Magazin.com-Rennanalyse bringt Licht ins Dunkle.

Gasly in Monza mit nächstem starken Rennen

Pierre Gasly zeigte in Monza ein gutes Wochenende. Einmal mehr. Der Franzose fährt 2020 eine starke Saison. Im finalen Qualifying-Segment lief es aber nicht perfekt. Im Q2 landete Gasly noch auf Rang 6, im Q3 sprang nur Startplatz zehn heraus. Dass der AlphaTauri aber in Monza eine ordentliche Pace hatte, zeigte sich schon in den Trainings.

Trotzdem ging es im Rennen erst einmal nicht nach vorne. Gasly blieb auf seiner zehnten Startposition stecken. Der 24-Jährige verbrachte dort den gesamten ersten Rennabschnitt. Vor ihm lag Esteban Ocon, hinter ihm Teamkollege Daniil Kvyat, es passierte nicht viel.

Bis Runde 19: Als einer der ersten Piloten im Feld kam der Franzose zum Stopp. Er wechselte von Soft auf Medium und fiel auf Position 15 zurück. Eine Runde später kam das Safety Car: "Als ich das sah, hab ich am Boxenfunk gesagt: Soll das ein Witz sein? Wir haben exakt zum schlechtesten Zeitpunkt gestoppt."

Formel 1 in Monza: Die Reifenstrategien im Überblick - Foto: Pirelli
Formel 1 in Monza: Die Reifenstrategien im ÜberblickFoto: Pirelli

Unter normalen Umständen wäre das Safety Car eine Katastrophe für Gasly gewesen. Während er seinen Stopp unter normalen Rennbedingungen absitzen musste, sparen sich alle anderen beim Reifenwechsel erhebliche Zeit, weil das Saftey Car auf der Strecke ist. Gasly musste damit rechnen, zahlreiche Positionen zu verlieren.

Aber die Umstände waren nicht normal. Die Rennleitung ließ die Boxengasse schließen, weil der havarierte Bolide von Kevin Magnussen in die Boxengasse geschoben wurde. Und so wurde aus dem großen Verlierer der große Gewinner. Die gut 25 Sekunden Rückstand auf seinen Teamkollegen Daniil Kvyat wurden mit einem Schlag eliminiert. Nur, dass Gasly nun schon beim Reifenwechsel war, Kvyat aber nicht.

Als die Boxengasse schließlich wieder geöffnet wurde, kamen die anderen Piloten zum Stopp. Auch sie bekamen nun ein kleines Geschenk. Weil das Safety Car noch auf der Strecke war, verloren sie beim Reifenwechsel keine Zeit. Aber sie verloren Positionen. Positionen an all jene, die nicht mehr zum Stopp kommen mussten.

Position Runde 15 (vor Stopps) Restart Runde 22 POS gewonnen
1 Hamilton Hamilton
2 Sainz Stroll +6
3 Norris Gasly +7
4 Perez Giovinazzi +11
5 Ricciardo Räikkönen +7
6 Bottas Leclerc +7
7 Verstappen Latifi +11
8 Stroll Sainz -6
9 Ocon Norris -6
10 Gasly Bottas -4
11 Kvyat Ricciardo -6
12 Räikkönen Perez -8
13 Leclerc Verstappen -6
14 Albon Ocon -5
15 Giovinazzi Kvyat -4
16 Grosjean Russell +1
17 Russell Grosjean -1
18 Latifi Albon -4
19 Magnussen

Deshalb lag Gasly beim Restart auf Rang drei. Er gesteht: "Der Stopp hat sich am Ende als sehr, sehr glücklich herausgestellt. Das konnten wir nicht planen. Wir hatten heute einen Engel mit uns." Nur Lewis Hamilton, der illegal gestoppt hatte und Lance Stroll, der noch gar nicht beim Reifenwechsel war, lagen vor ihm. Weil Hamilton eine Strafe drohte, sahen manche erstmals eine realistische Siegchance für Gasly.

Doch damit war das Chaos noch nicht perfekt. Nach dem Unfall von Charles Leclerc musste der Italien GP unterbrochen werden. Und damit war Lance Stroll plötzlich der große Gewinner. Denn der Racing-Point-Pilot, der noch gar nicht beim Reifenwechsel war, bekam den Stopp komplett geschenkt, da während einer Rennunterbrechung der Reifentausch erlaubt ist.

Weil Hamiltons Stop-and-Go-Strafe inzwischen feststand, war Stroll in der besten Position, Monza zu gewinnen. Aber der Kanadier war beim Neustart übermotiviert und verlor die virtuelle Spitze sofort. Und Gasly suchte sein Heil in der Flucht: "Ich wollte sofort aus dem DRS-Fenster."

Räikkönen öffnet Lücke für Gasly - Sainz kommt zu spät

Glück für Gasly: Kimi Räikkönen spielte hinter ihm den Bremsklotz. Die Soft-Reifen des Alfa-Piloten ließen schnell nach, und Carlos Sainz verlor hinter dem Finnen wertvolle Sekunden. Als Sainz in Runde 34 an Räikkönen vorbeikam, hatte Gasly bereits knappe vier Sekunden Vorsprung.

Obwohl Sainz schneller war, konnte er die Lücke erst in der letzten Runde komplett zufahren. Der Spanier war deshalb enttäuscht: Er lag schon vor dem ganzen Chaos auf Rang zwei. Unter normalen Umständen hätte er den Italien GP ebenfalls als Zweiter beendet - nur eben hinter Hamilton statt hinter Gasly.

Sainz und McLaren machten nichts falsch, sie hatten nur nicht das Glück von Gasly. Denn Sainz hatte nicht vor der Safety-Car-Phase gestoppt. Deshalb fiel er hinter alle Piloten zurück, die den Stopp zuvor schon absolviert hatten: Hinter Gasly, Räikkönen, Charles Leclerc und Nicholas Latifi. Hamilton befand sich dank seines großen Vorsprungs weiterhin vor ihm, Giovinazzi kam durch den illegalen Stopp nach vorne. Stroll rutschte vor, weil er gar nicht zum Stopp kam.

Gasly hielt Sainz in Monza bis zum Schluss in Schach - Foto: LAT Images
Gasly hielt Sainz in Monza bis zum Schluss in SchachFoto: LAT Images

Und so fand sich Sainz nach dem Safety Car auf Rang acht wieder - obwohl er das gesamte Rennen über auf Rang zwei lag. Auch er fluchte schon: "Ich dachte an das ganze Pech, das ich schon die ganze Saison hindurch hatte und dachte, jetzt geht es weiter." Hamilton und Giovinazzi verabschiedeten sich mit ihren Strafen, Leclerc crashte, Latifi war kein Problem. An Stroll und Räikkönen ging Sainz auf der Strecke vorbei.

Nur für Gasly reichte es nicht mehr. Knapp, der McLaren war in der Dirty Air nicht gut genug. "Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll", funkte Sainz auf der Auslaufrunde. "So nah und doch so fern. Eine Runde noch ..."