Die Formel 1 hat es geschafft. Nach dem Absage-Debakel hat es der größte Wanderzirkus der Welt geschafft, als erstes großes internationales Sportevent den Betrieb wieder aufzunehmen. Der Neustart war ein Kraftakt, der seinesgleichen sucht. Welche Vorbereitungen nötig waren, wie das Event ablief und wo es noch harkte: Motorsport-Magazin.com war beim Restart live vor Ort in Österreich und liefert den Erfahrungsbericht.

Als der Australien GP am 13. März abgesagt wurde, wusste niemand, wann die Formel 1 zum nächsten Mal starten würde. Die folgenden Wochen nach der Rückkehr aus Melbourne wurden dominiert von Absagen und Verschiebungen. Langsam kristallisierte sich der 05. Juli als wahrscheinlicher Restart-Termin heraus. Doch damit war es noch lange nicht getan.

FIA, Formel 1 und Red Bull mussten mit der österreichischen Regierung die Rahmenbedingungen abstecken: Welche Sicherheitsvorkehrungen müssen getroffen werden, wie viele Leute dürfen überhaupt kommen? Dafür musste der reisende Tross auf ein Minimum reduziert werden. Es gleicht einem Wunder, dass nicht nur die Formel 1, sondern auch Formel 2, Formel 3 und Porsche Supercup starten durften.

2.000 Personen im Formel-1-Tross

Rund 2.000 Personen wurden letztlich für die Durchführung als essenziell erachtet. Die Teams mussten sich auf ein Maximum von je 80 Personen beschränken, aber auch Rennleitung und Co. wurden abgespeckt.

Wir Journalisten mussten natürlich auch dran glauben. Zunächst sollten überhaupt keine schreibenden Berichterstatter zugelassen werden, schließlich wählte die FIA einen kleinen Teil der permanent akkreditierten Journalisten aus, der die ersten drei Rennen vor Ort begleiten darf.

23 Kollegen und Kolleginnen wurden insgesamt auserkoren, die Plätze waren entsprechend heiß begehrt. Zum Vergleich: Das Media Center am Red Bull Ring ist für über 500 Journalisten und Fotografen ausgelegt. Zusammen mit den wenigen zugelassenen Fotografen wurden nicht einmal zehn Prozent der Kapazität genutzt.

Weil jeder versuchte, einen der Plätze zu ergattern, klingelte das Handy öfter als sonst. Die Kollegen wollten wissen, wer denn schon eine Zusage habe und ob die Bescheide schon rausgegangen sind. Die FIA, die sich um unsere Akkreditierungen kümmert, war hier wirklich nicht zu beneiden.

FIA und WHO arbeiten an Restart-Richtlinien

Aber die FIA hatte noch viel größere Aufgaben: Um in der Zeit der weltweiten Pandemie Motorsport irgendwie zu ermöglichen, wurden Richtlinien zum Restart erarbeitet. Auf 81 Seiten regeln die "Return to Motorsport Guidlines" die wichtigsten Auflagen, die zusammen mit der WHO erarbeitet wurden, für alle Rennserien.

Damit aber noch lange nicht genug: Der ohnehin schon nicht gerade kompakte International Sporting Code wurde um den Anhang S ergänzt. Im 'COVID‐19 Code of Conduct' wird auf 15 Seiten geregelt, wie genau der Corona-Test abzulaufen hat, wie oft er wiederholt werden muss, welche EN-Norm die Schutzmasken erfüllen müssen und viele weitere Details.

F1-Campingplatz: Sebastian Vettel und Co. gingen nicht ins Hotel, um den Kontakt zur Außenwelt zu meiden - Foto: MSM
F1-Campingplatz: Sebastian Vettel und Co. gingen nicht ins Hotel, um den Kontakt zur Außenwelt zu meidenFoto: MSM

Für mich bedeutete das: Vor dem Restart musste ich diese Dokumente genauer studieren als vor dem Saisonstart das Reglement. Schließlich muss ich genau wissen, was zu tun ist - und das Dokument am Ende auch unterschreiben.

Dann galt es, die Reise zu organisieren: Vor der Saison habe ich sämtliche Flüge und Hotels gebucht, die ich dann fast allesamt wieder stornieren durfte - oder zumindest zu stornieren versuchte. Zum Glück liegt Spielberg nur dreieinhalb Autostunden von München entfern und unser Büro in Graz eröffnet auch die ein oder andere Möglichkeit vor Ort.

Corona-Test alle 96 Stunden

Viele Kollegen standen da vor größeren Herausforderungen und reiste beispielsweise mit dem Auto aus Paris an oder mussten teilweise abenteuerliche Flugverbindungen in Kauf nehmen. Aber ganz ohne Opfer ging es auch für mich nicht: Um an die Strecke zu dürfen, musste ein maximal 96 Stunden alter, negativer Corona-Test vorgelegt werden.

Auch dafür mussten Vorgaben eingehalten werden, beispielsweise beim Formblatt. Viel Spaß dabei, dem Labor - das derzeit wohl nicht wenig zu tun hat - klarzumachen, dass es das Ergebnis nicht wie üblich mitteilen soll, sondern auf dem angelieferten Formblatt der österreichischen Bundesregierung.

Die ganzen Formalitäten müssen dann wiederum an die FIA übermittelt werden, genauso wie die Reiseplanung für das Ungarn Rennen. Bei Fahrten mit dem Auto muss sogar der Grenzübergang angegeben werden. Dieser Punkt wäre bei der Anreise mit dem Privatjet entfallen - auch diese Option gab es. Ach, wie leicht wäre das Leben nur mit einem Privatjet!

Aber auch der betagte Firmenwagen hat mich schließlich an die Rennstrecke gebracht. Den Pass hatte ich schon in Australien abgeholt, nur der Parkausweis fehlte noch. Also noch ein kleiner Umweg über die Akkreditierungsstelle.

Nach den schier endlosen Vorbereitungen für dieses Wochenende endlich an der Strecke angekommen, war das Gefühl sehr sonderbar. Beim Verlassen des Autos Maske auf, beim Betreten des Rings Check der Körpertemperatur, das Achten auf Einwegstraßen und immer wieder dieses Desinfektionsmittel.

Nur keinen Fehler machen

Bei den ganzen Regeln und Auflagen will man einfach nichts falsch machen. Es gibt sogar einen extra Delegierten bei der FIA, dem Verstöße gemeldet werden müssen. Das sonst so selbstverständliche Bewegen an der Rennstrecke wird zum Drahtseilakt. Muss ich hier die Maske tragen? Darf ich selbst die Kaffeemaschine bedienen? Wo darf ich überhaupt noch hin?

Ein Arbeitsplatz, der sich sehen lassen kann: Das Media Center in Spielberg ist sensationell - Foto: Motorsport-Magazin.com
Ein Arbeitsplatz, der sich sehen lassen kann: Das Media Center in Spielberg ist sensationellFoto: Motorsport-Magazin.com

Schließlich war das Fahrerlager tabu. Den Ort, an dem wir sonst die spannendsten Geschichten für unsere Leser recherchieren, durften wir nicht betreten. Man will die verschiedenen Gruppen so gut wie möglich voneinander trennen. Sollte sich tatsächlich jemand mit dem Virus infizieren, soll der Kreis der Kontaktpersonen so klein wie möglich sein.

Nicht einmal die Pressekonferenzen fanden von Angesicht zu Angesicht statt. Stattdessen wurden die Piloten mittels Videokonferenz ins Media Center zugeschalten. Fragen mussten für manche Pressekonferenzen vorab eingeschickt werden, Samstag und Sonntag konnten einig wenige Journalisten interaktiv mit den Piloten agieren und aktuelle Fragen stellen.

Den Sticker mit QR-Code gibt es für die Corona-Tests auf die Akkreditierung - Foto: Motorsport-Magazin.com
Den Sticker mit QR-Code gibt es für die Corona-Tests auf die AkkreditierungFoto: Motorsport-Magazin.com

Perfekt ist das natürlich nicht. Aber die aktuelle Lage erlaubt es leider nicht anders. FIA und Formel 1 haben sich größte Mühe gegeben, unter den gegebenen Umständen noch irgendwie Zugänge zu verschaffen. Dass das - auch technisch - beim ersten Mal nicht immer reibungslos funktioniert, ist klar. Aber die Situation ist für alle neu und in Anbetracht dessen, lief das Wochenende gut ab.

Nicht nur Formel 1 und FIA hatten eine Mammutaufgabe zu bewältigen, auch der Red Bull Ring. Normalerweise dienen große Motorhomes für die Teams als Arbeitsplatz am Wochenende. Auf die mussten die Rennställe aber gänzlich verzichten. Stattdessen wurden kurzerhand eine Container-Landschaft erschaffen und sämtliche VIP-Bereiche im Boxengebäude umfunktioniert. Ich bin gespannt, wie das in Ungarn aussieht, wo die Möglichkeiten verhältnismäßig beschränkt sind.

Der PCR-Test ist eine unangenehme Angelegenheit - Foto: MSM
Der PCR-Test ist eine unangenehme AngelegenheitFoto: MSM

Zusätzlich mussten am Streckengelände auch noch mehrere Corona-Teststationen aufgebaut werden. Bei dem Gedanken daran, zucke ich noch immer zusammen. Spätestens alle 96 Stunden ist für jeden im Formel-1-Tross ein neuer PCR-Test fällig. Wer einmal das Teststäbchen - gefühlt zumindest - bis ins Stammhirn eingeführt bekam, der weiß, wovon ich spreche. Aber was sein muss, muss sein. Es geht um die Sicherheit und um die Durchführbarkeit eines solchen Events. Das Ergebnis war ein voller Erfolg: Keiner der tausenden Tests lieferte ein positives Ergebnis.

Es war ein komisches Wochenende: Viele Stunden an der Strecke und weder Fahrer, noch Temchefs, noch sonst jemanden getroffen. Nur Gerhard Berger traute sich, die Journalistengruppe einmal zu besuchen. Hoffentlich wird das nicht das 'New Normal'. Auch wenn die Maßnahmen unter den aktuellen Umständen verständlich sind. Jetzt gilt es, ein paar Tage in Graz nicht zu viel Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen und anschließend wieder in der Formel-1-Blase zu leben. Immerhin das ist nicht neu: Eine sonderbare Blase war die Formel 1 schon vor Corona.