Valtteri Bottas meldete sich 2019 nach einer Seuchensaison bärenstark zurück. Doch irgendwann zog Lewis Hamilton doch wieder davon. Motorsport-Magazin.com verrät der Vizeweltmeister, wie er das 2020 zu verhindern sucht.

Motorsport-Magazin.com: Wenn man dir 2019 nach dem Wintertest Platz zwei in der WM angeboten hätte: Hättest du ihn genommen?
Valtteri Bottas: [überlegt etwas] Nein. Du nimmst nie Platz zwei. Wenn du in einem Team wie diesem bist, heißt es alles oder nichts. Du willst das Jahr nicht angehen, indem du bereit für P2 bist. Nein, ich hätte es nicht genommen. P2 ist besser als P3 oder P4, aber es ist eben nicht Platz eins.

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Auch wenn am Ende 'nur' Platz zwei steht, war es die beste Saison deiner Karriere?
Valtteri Bottas: Ja. Es war in vielerlei Hinsicht ein positives Jahr. Ich konnte an meiner Fahr-Performance einige Verbesserungen vornehmen, weshalb ich glaube, dass es bislang meine beste Saison ist. Aber ich will noch viel besser werden.

Nach Aserbaidschan warst du richtig dick im WM-Kampf, hast sogar geführt. Was ist danach passiert?
Valtteri Bottas: Es gab einige Rennen, bei denen ich es direkt am Start verloren habe. Dann gab es ein paar Rennen, bei denen ich im Qualifying Fehler gemacht habe, die mich Positionen gekostet haben. Dann ist es schwierig, im Rennen gegen deinen Teamkollegen zurückzukommen. Und schließlich gab es ein paar Rennen, in denen ich Fehler gemacht habe - Hockenheim zum Beispiel. Dort hätte ich gute Punkte geholt und Lewis gar keine. Und dann bin ich gecrasht. Diese Dinge haben die Sache etwas verlagert.

Verlor Bottas die WM in Hockenheim?

War Hockenheim ein kritischer Punkt in dieser WM?
Valtteri Bottas: Ja, einer auf jeden Fall. Es gab einige bittere, knappe Niederlagen gegen Lewis. Er war sehr konstant, hatte immer eine sehr gute Performance. Ich habe es nicht geschafft, ihn zu schlagen. Er war einfach besser an einigen Wochenenden. Er performt auf einem sehr guten Level und verbessert sich sicherlich noch immer. Es ist nicht einfach, aber nichts ist unmöglich.

Nach einem starken Saisonstart wurde Valtteri Bottas von Lewis Hamilton doch noch in die Schranken verwiesen - Foto: LAT Images
Nach einem starken Saisonstart wurde Valtteri Bottas von Lewis Hamilton doch noch in die Schranken verwiesenFoto: LAT Images

Du bist nach einem sehr schwierigen Jahr 2018 als neuer Valtteri beim Wintertest zurückgekommen. Mit Bart, mit neuer Mentalität. Wie badass Bottas bist du?
Valtteri Bottas: Das weiß ich nicht - ich bin, wer ich bin. Ich habe nur über den Winter eine andere Einstellung gefunden. Es liegt nicht an mir, darüber zu urteilen, wie badass ich bin. Die Leute können darüber denken, was sie wollen. Ich bin hier, um meine Träume und Ziele in diesem Sport zu verfolgen.

War das kein Statement, um zu zeigen, dass du härter zurückgekommen bist?
Valtteri Bottas: Nein. Ich habe nicht geplant, irgendetwas zu zeigen. Ich glaube, die Leute haben es angenommen. Sie haben es angenommen und lagen damit auch richtig, dass ich eine andere Herangehensweise für das Jahr habe.

Du bist 30 Jahre lang zu der Person geworden, die du bist. Wie kannst du da über den Winter einen Schalter umlegen und anders sein?
Valtteri Bottas: Manchmal musst du ziemlich tief gehen, um etwas Neues von dir zu entdecken, eine neue Einstellung. Nach der letzten Saison war ich mit der sportlichen Situation wirklich nicht glücklich. Es war dann ein schwieriger Winter, sich zu erholen und die gute Einstellung und Motivation für den Sport wiederzufinden. Aber wenn du das wieder gefunden hast in tieferen und nicht so guten Gedanken, dann kannst du viel besser zurückkommen. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber es ist, als wäre ein Schalter umgelegt worden.

Machst du das alles selbst oder hilft dir jemand dabei?
Valtteri Bottas: Selbst.

Du hast in einem unserer letzten Interviews gesagt, dass der Druck nicht von außen kommt, sondern du dir selbst teilweise zu viel Druck machst. Ist das noch immer so?
Valtteri Bottas: Ich kann nun viel besser damit umgehen. Das kann für jeden ein Problem sein. Ich habe auf diesem Gebiet massiv dazugelernt. Dieses Jahr kann ich mich nicht an viele Situationen erinnern. Vielleicht ein paar, aber nichts im Vergleich zur Vergangenheit.

Es gibt so viele Dinge, die das beeinflussen. Es ist ein ziemlich breites Feld. Es hängt auch damit zusammen, was du zwischen den Rennen machst, um deinen Kopf vom Sport freizubekommen. Damit du nicht 24/7 darüber nachdenkst. Wie ist deine eigene Situation, wie ist die Beziehung zu den Ingenieuren, wie ist die Beziehung zu deinem Boss? Es gibt so viele Dinge, die das beeinflussen. Das wichtigste für mich ist aber: Immer dann, wenn ich das Fahren genieße, bin ich am besten. Ich versuche immer, Wege zu finden, damit das so läuft. Ich muss in dieser Einstellung sein, um zu performen. Nach dem letzten Winter war ich in diesem Jahr mutiger, Dinge so zu machen, wie ich sie will - und das spiegelt sich in meiner Performance wider.

Wie sehr nerven dich eigentlich die Fragen über Lewis?
Valtteri Bottas: Ich habe mich daran gewöhnt. Als ich zum Team gekommen bin, gab es eine Menge davon. Jeder will wissen, was Lewis' Stärken sind, ob er Schwächen hat, wie unsere Beziehung ist...

Bottas will an seiner Konstanz arbeiten

Ist es nicht nervig, Leuten ständig zu sagen, wie großartig ein anderer ist?
Valtteri Bottas: Ja, aber so ist es eben im Moment. Er hat die Weltmeisterschaft erneut gewonnen und verdient es, in dieser Situation zu sein. So sind die Dinge.

Du sagtest nach einer der 1.000 Fragen über Lewis, dass Konstanz seine Stärke ist. Ist Konstanz etwas, das man lernen kann? Wie will man das verbessern?
Valtteri Bottas: Konstanz kommt von vielen verschiedenen Faktoren. Wenn ich von Konstanz rede, meine ich, auf jeder Strecke Performance zu liefern, vor allem am Sonntag und bei der Rennpace. Es sind viele Details. Wenn ich es zusammenbekomme, auf jeder Strecke und bei der Rennpace zu performen, dann kann ich ihm überall, auf jeder Strecke auf dieser Welt ebenbürtig sein. Daran arbeiten wir mit den Ingenieuren. Und es geht auch darum, die Fehler zu minimieren. Das wäre eine große Hilfe im Kampf um die Weltmeisterschaft. Der einzige Weg, dich da zu verbessern ist es, von jedem einzelnen Fehler zu lernen, den du machst und ihn in der richtigen Weise zu verarbeiten.

Mit Psychospielchen á la Nico Rosberg willst du Lewis nicht schlagen, das hast du schon klargestellt. Wie dann?
Valtteri Bottas: Ich will mich auf der Strecke beweisen, das ist für mich das wichtigste. Wenn du siehst, wie die andere Seite der Garage performt, ist das immer eine Art Psychospielchen. Wenn Lewis sieht, dass ich in den Trainings und im Qualifying gut performe, dann kann das manchmal zu Fehlern bei ihm führen. Das ist bei jedem das gleiche. Auch für mich: Wenn ich sehe, dass er das ganze Wochenende auf einem wirklich hohen Niveau fährt und dann im Qualifying gute Runden zeigt, dann ist es schwieriger für mich, das Beste herauszuholen. Der beste Weg für mich, um ihn zu schlagen, ist, schneller als er zu sein. Normalerweise verunsichert das jeden, auch Lewis ein bisschen. Und das kann zu Fehlern führen.

2020 wird deine vierte Saison mit Mercedes sein. Aber erneut hast du nur einen Einjahresvertrag erhalten. Ist das mangelnde Vertrauen ein Problem für dich?
Valtteri Bottas: Wenn ich ganz ehrlich bin: Ich glaube, ich würde mich noch besser fühlen als jetzt, wenn ich einen längeren Vertrag hätte. Ich hatte auch vorher immer nur kurze Verträge, aber über die Jahre wird es etwas schwieriger, das zu handeln. Du weißt immer, dass der Moment wiederkommt, an dem du auf Messers Schneide bist. Ich weiß, dass das Team Vertrauen in mich hat, aber ich weiß auch, wie diese Welt und das Business funktionieren. In der Zukunft will ich lieber einen Vertrag, der länger als ein Jahr läuft.

Du bist 30 und zählst damit zwar noch nicht zur alten Garde, aber auch nicht mehr zur jungen Generation. Steckst du dir Ziele, die du bis zu einem gewissen Zeitpunkt erreicht haben willst?
Valtteri Bottas: Nicht so wirklich. Aber 2020 werde ich wieder alles geben, was ich kann. Manchmal brauchen die Dinge Zeit. Jeder Fahrer ist anders, wie er sich entwickelt und wie seine Karriere verläuft. In diesem Sport gibt es kein gewisses Alter, an dem du deinen Höhepunkt erreichst. Es ist individuell. Und ich habe das Gefühl, dass ich meinen Höhepunkt noch erreiche. Ich bin in gewisser Weise geduldig, aber auf der anderen Seite will ich auch, dass meine Zeit so schnell wie möglich kommt. Ich kann aber nicht sagen, dass es innerhalb einer bestimmten Zeit passieren muss. Alles, was ich sagen kann, ist, dass ich mich für nächstes Jahr voll ins Zeug legen werde.

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