Mercedes sorgte mit einem strategischen Geniestreich der Extraklasse beim Ungarn Grand Prix dafür, dass sich die Formel 1 mit einem weiteren denkwürdigen Moment in die Sommerpause verabschiedete. Der Coup reiht sich ein in die größten taktischen Meisterleistungen der langen Geschichte der Königsklasse.

Ungarn 2019: Mercedes überlistet Red Bull

Mit dem Ungarn GP krönte die Formel 1 eine ganze Serie spektakulärer Rennen. Anders als zuvor in Silverstone, der Hitze von Spielberg und im Regen von Hockenheim sorgten dafür nicht alleine die Piloten und Bedingungen, sondern auch der wohl bekannteste aller Rennstrategen der Gegenwart, James Vowles. Erstmals von der Pole gestartet, führte Max Verstappen das Rennen an. Wie ein Schatten folgte Lewis Hamilton. Pausenlos. Ein klares Indiz dafür, dass der Mercedes schneller konnte. Doch auf dem engen Hungaroring führte kein Weg vorbei - selbst nicht als Hamilton nach einem späteren Boxenstopp mit frischeren Reifen hart attackierte, es sogar außen in der nicht einsehbaren Highspeed-Kurve vier versuchte. Die Entscheidung? Nein. Stattdessen ein taktischer Kniff.

22 Runden vor Rennende holte Mercedes Hamilton ein zweites Mal herein, zog frische und weichere Reifen auf. Weil Ferrari hoffnungslos zurücklag, verlor Hamilton keine Position, doch trennten den Briten jetzt 20 Sekunden von Verstappen. Eine je Runde. Eine Mammutaufgabe. Doch Mercedes hatte gut kalkuliert. Mit Qualifying-Runden in Serie preschte Hamilton an Verstappen heran. Dessen Reifen waren völlig am Ende. Hamilton verwandelte den Elfmeter im Zweikampf.

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Ungarn 1998: Schumi realisiert Wunder

Bereits 21 Jahre vor dem Mercedes-Geniestreich trug sich an selber Stelle ein ähnliches taktisches Wunder zu. Ross Brawn lotste Michael Schumacher mit einer irren Dreistopp-Strategie zum Sieg. Mit Schumachers erstem Stopp in Runde 25 kam Brawn die Idee, eine aggressive Herangehensweise zu versuchen. Mit wenig Sprit und freier Bahn sollte er im Fernduell gegen die beiden führenden McLaren Boden gutmachen. Der erste Schuss ging noch daneben. Schumacher fiel hinter Villeneuve zurück. Dann Teil eins des Taktik-Coups: Mit dem zweiten Stopp in Runde 43 war der erste McLaren fällig. Weil Schumacher nur für 19 Runden betankt wurde, reduzierte sich die Standzeit - obwohl Coulthard schon in der nächsten Runde kam, hatte er die Position verloren. Dasselbe galt für Häkkinen.

Gegen die Ferrari-Strategie konnte sich McLaren-Fahrer David Coulthard 1998 in Ungarn nicht behaupten, Foto: LAT Images
Gegen die Ferrari-Strategie konnte sich McLaren-Fahrer David Coulthard 1998 in Ungarn nicht behaupten, Foto: LAT Images

Gewonnen war für Schumacher aber noch nichts. Zwar führte er nun knapp vor Coulthard, hatte jedoch nicht genug Benzin an Bord, um die Renndistanz zu vollenden. Brawn funkte daraufhin eine Mission Impossible an seinen Spitzenfahrer: er sollte in 19 Runden 25 Sekunden Vorsprung herausfahren. Unmöglich? Nicht für Schumacher. Mit einer Qualifying-Runde nach der anderen fuhr er die Vorgabe heraus. So blieb er nach dem dritten Stopp in Führung und siegte.

Frankreich 2004: Vier Stopps für ein Halleluja

Als wäre Ungarn 1998 nicht Wunder genug gewesen, toppte das geniale Duo Schumacher/Brawn seine taktische Meisterleistung sechs Jahre später nochmals. Beim Frankreich GP dirigierte Brawn seinen Star sogar mit vier Boxenstopps zum Sieg. Das war in der Formel 1 noch nie zuvor gelungen. Nötig gewesen war die strategische Meisterleistung durch ein verlorenes Qualifying gegen Fernando Alonso, der noch dazu den Start gewann. Ein drei Runden früherer Stopp in Runde elf brachte zunächst keinen Erfolg. Anders sah es beim zweiten Service aus. Wieder kam der Renault drei Runden nach dem Ferrari. Doch diesmal übernahm Schumacher dank zwei schnellster Rennrunden in Serie die Führung, möglich durch einen in Runde 29 ungewöhnlich leicht betankten Ferrari: Schon 13 Umläufe später war Schumacher wieder in der Box, erneut mit auffällig kurzer Standzeit.

Mit vier Boxenstopps fuhr Michael Schumacher 2004 in Frankreich zum Sieg, Foto: Sutton
Mit vier Boxenstopps fuhr Michael Schumacher 2004 in Frankreich zum Sieg, Foto: Sutton

An diesem Punkt hatte Ferrari auf vier Stopps umgestellt. Alonso übernahm so zwar die Führung und fuhr fünf Runden bis zu seinem dritten und letzten Stopp mit leichterem Auto. Das reichte allerdings nicht, um vorne zu bleiben. Immerhin hatte Ferrari erneut kaum Sprit eingefüllt. Die Folge: In Runde 58 kam Schumacher tatsächlich ein viertes Mal! Die Pace bis zum Stopp genügte, um vor Alonso zu bleiben.

Abu Dhabi 2010: Red Bulls Webber-Finte

Dass sich Sebastian Vettel zum jüngsten Weltmeister der Geschichte krönte, grenzt an ein Wunder. Mit 15 Punkten Rückstand auf WM-Leader Fernando Alonso reiste Vettel zum Saisonfinale nach Abu Dhabi, auch sein Teamkollege Mark Webber rangierte sieben Zähler vor dem Deutschen. Genau diese Ausgangslage sollte sich jedoch als Glücksfall erweisen, entstanden durch strategische Brillanz seines Teams und einen fatalen Ferrari-Fehler. Los ging alles mit einem Safety Car in Runde 1. Einige Piloten nutzten die Neutralisierung zum Reifenwechsel, darunter Nico Rosberg, Jaime Alguersuari und Vitaly Petrov.

Ein Zwischenfall in der ersten Runde brachte das Rennen in Abu Dhabi 2010 durcheinander, Foto: Sutton
Ein Zwischenfall in der ersten Runde brachte das Rennen in Abu Dhabi 2010 durcheinander, Foto: Sutton

Randnotiz? Es hatte dramatische Folgen als Red Bull wenig später Webber an die Box rief. Nur fünf Runden war das Rennen freigegeben, sodass Webber hinter die bereits gestoppten Piloten fiel, im Verkehr hängen blieb. Ferrari reagierte. Als Alonso ausreichend Vorsprung herausgefahren hatte, kam der Spanier nur vier Runden später an die Box und vor Webber heraus. Ferrari hatte den Australier erfolgreich aus dem Titelrennen befördert - doch dabei seine Rechnung ohne Vettel und den Verkehr gemacht. Während der Deutsche siegte, kam Alonso nicht am Renault von Petrov vorbei und verlor so den Titel. Red Bull hatte Ferrari erfolgreich von der eigentlichen Bedrohung abgelenkt.

Österreich 1982: Pioniere des Nachtankes

Die älteste taktische Meisterleistung unserer Top-5 führt zurück bis ins Jahr 1982. In eine Zeit, zu der das Wort Strategie ein in der Formel 1 weitgehend unbekanntes war. Genau das sollte sich beim Österreich GP ändern - mit dem ersten Tankstopp der Formel-1-Geschichte. Erfunden hatte den am Ende zwar unbelohnten, aber im ersten Moment sofort erfolgreichen Trick das zu dieser Zeit von Bernie Ecclestone geführte Brabham Team. Aus der ersten Reihe gestartet schickten die Taktik-Pioniere Nelson Piquet und Riccardo Patrese mit weichen Reifen und erstmals nur halb gefüllten Tanks ins Rennen. Zuvor hatten Ecclestone und seine Teammanager-Pendants Gordon Murray und Herbie Blash kalkuliert, wie viel schneller Rundenzeiten mit wenig Sprit an Bord wären.

Brabham sorgte 1982 beim Österreich GP mit dem ersten Tankstopp in der Formel 1 für ein Novum, Foto: LAT Images
Brabham sorgte 1982 beim Österreich GP mit dem ersten Tankstopp in der Formel 1 für ein Novum, Foto: LAT Images

Die Berechnungen trafen ins Schwarze. Piquet kam mit 20 Sekunden Vorsprung auf Platz drei als Erster an die Box, fiel allerdings von Platz zwei auf vier zurück. Doch der sieben Runden später mit 33 Sekunden Vorsprung in die Box abgebogene Patrese behauptete die Führung - und hatte nun auch noch den Vorteil frischer Reifen. Der Coup blieb jedoch unbelohnt. Beide Brabham schieden im weiteren Verlauf mit Motorschäden aus.

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