1. - S wie Startaufstellung

Déjà-vu in der Startaufstellung zum Formel-1-Rennen in Sotschi 2019 (Startzeit: 13:10 Uhr - heute live im TV auf RTL, bei Sky und im Live-Ticker von Motorsport-Magazin.com): Die Top-3 im Grid sehen beim Russland GP genauso aus wie vor eine Woche in Singapur. Wieder startet Charles Leclerc von der Pole Position, wieder hat sich Lewis Hamilton zwischen die Ferrari gedrängelt.

Sebastian Vettel geht also vom dritten Startplatz aus ins Rennen, direkt neben ihm startet auch Valtteri Bottas aus Reihe zwei. In Reihe drei folgt kein Red Bull: Max Verstappen startet wegen einer Motorenstrafe nur von P9, Alex Albon aus demselben Grund und zusätzlich durch einen Crash im Qualifying gar nur von P18.

Stattdessen nehmen Carlos Sainz und Nico Hülkenberg den Russland GP extrem weit vorne auf. Reihe vier geht an Lando Norris und Überraschungsmann Romain Grosjean. Neben Verstappen als Zehnter in Reihe fünf startet in Sotschi sein ehemaliger Teamkollege Daniel Ricciardo.

2. - S wie Start

Der Start beim Russland GP ist ein ganz besonderer. Mit 889 Metern ist der Weg bis zum ersten Bremspunkt so weit wie auf kaum einer anderen Strecke im Rennkalender. Das lädt regelrecht zu Windschattenfahrten ein. Der leichte Rechtsknick nach dem Start - offiziell sogar als Kurve eins bezeichnet - stört da nicht.

Doch wird es 2019 schon vor dem Knick spannend: Mercedes und Ferrari starteten auf unterschiedlichen Reifenmischungen. Die Silberpfeile qualifizierten sich mit Medium für Q3, Ferrari auf Soft. Beide aus freien Stücken. Heißt: Beide halten ihre Strategie für die richtige.

"Der Start ist hier sehr wichtig. Wir dachten, dass der Vorteil eines Starts auf Soft groß sein würde", erklärt Charles Leclerc die Wahl mit dem Traktionsvorteil des weicheren Pirelli-Pneus. "Und dann sehen wir keinen großen Unterschied zwischen Soft und Medium, was den Abbau angeht. Also dachten wir, dass es das wert ist."

Ein Teil dieser Aussage sieht Lewis Hamilton genauso. "Es ist ein langer Weg runter zur ersten Kurve, was nicht immer das Beste für Starts mit dem härteren Reifen ist. Je weicher der Reifen, desto besser der Start", weiß auch der Weltmeister. Und doch hält er den Medium für besser - später [vgl. 3. - S wie Strategie].

Am Start selbst sieht der Brite jedoch ohnehin kaum eine Chance gegen die Power des Ferrari. Den Jet-Mode, wie Hamilton diesen Vorteil in Anlehnung an den einst gefürchteten Partmodes Mercedes' nach dem Qualifying beschrieb.

"Selbst wenn wir vorne wären, sind sie so schnell auf den Geraden. Da wären sie schon vor Turn zwei vorne. In dem kleinen Kick da würden sie schon an uns vorbei ballern", meint der Brite. Leclerc ist sich da nicht ganz so sicher. Er sieht die Gefahr des Windschattens. "Ich weiß nicht, ob das die beste Strecke für den Start von der Pole ist. Die Gerade ist sehr lang."

Deshalb rechnet sich auch Sebastian Vettel noch etwas aus. "Ich denke, hier Dritter zu sein ist vielleicht nicht der schlechteste Ort dafür", so der Dritte der Startaufstellung.

2014 verbremste sich Nico Rosberg am Start kapital - Foto: Sutton
2014 verbremste sich Nico Rosberg am Start kapitalFoto: Sutton

Und dann gibt es natürlich noch die erste echte Kurve, Turn zwei. Ein engere Ecke als es scheint. Vor allem mit Ziehharmonika-Effekt bei 20 Autos am Start, nach fast einem Kilometer Vollgas. Ob heftiger Verbremser und/oder Auffahrunfälle - in der Geschichte von Sotschi ging dort schon so manches Rennen vor die Hunde.

3. - S wie Strategie

Doch nun zu dem Aspekt, auf den Hamilton all seine Hoffnung setzt: "Wir waren in der glücklichen Lage, mit dem Medium auf eine andere Strategie zu gehen."

Überlistet Mercedes dank der haltbareren Reifen Ferrari in Sotschi am Kommandostand? Dieses Mal vielleicht per Overcut, der in Singapur noch scheiterte? Oder können die Silberpfeile die Roten sogar auf der Strecke kassieren, weil dort der Soft unfassbar schnell eingeht?

Zumindest in der Formel 2 hielten die weicheren Mischungen im Hauptrennen gefühlt keine zehn Kilometer. Droht das auch Ferrari? "Ich glaube der Soft ist dieses Wochenende vom Abbau her gar nicht so dramatisch. Das ist eigentlich alles ganz okay", beruhigt Nico Hülkenberg im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. "Du musst es natürlich managen, aber es wird passen."

Hamilton sieht das anders, bezeichnet die Ferrari-Strategie ohne Umschweife als schlecht. "Deshalb sind wir ja auf dem anderen Reifen. Ich hoffe, wir können das nutzen", sagt der Brite. Leclerc kontert: "Ich glaube wir liegen richtig."

Doch was sagt Reifen-Richter Pirelli selbst? Recht diplomatisches. Aber: Die Ferrari-Strategie bezeichnen die Reifen backenden Landsleute als marginal besser. Egal, ob mit Start auf Medium oder Soft empfiehlt Pirelli einen Wechsel auf Hard. Und das nicht einmal zu deutlich unterschiedlichen Zeitpunkten. Bei Soft-Start sei der Service zwischen Runde 15 und 19 ideal, bei Medium zwischen 14 und 22.

Eine Einstoppstrategie sollte es jedoch in jeden Fall werden. Nicht nur der Startsprint ist in Russland lang, auch die Boxengasse - und wird noch dazu mit gerade einmal 60 km/h statt der üblichen 80 durchfahren. Da kostet jeder Boxenstopp besonders viel.

4. - S wie Safety Car

Einen Vorteil bringt der Start auf Medium jedoch ganz klar mit sich: Wer länger fährt, kann länger auf ein Safety Car warten. Und dann sogar noch mehr Zeit sparen als sonst unter SC-Bedingungen [vgl. letzter Absatz]. Doch wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit für einen Einsatz Bernd Mayländers?

Gerade die irre schnelle Kurve drei in Russland ist prädestiniert für Unfälle - Foto: Sutton
Gerade die irre schnelle Kurve drei in Russland ist prädestiniert für UnfälleFoto: Sutton

Mittelhoch. 60 Prozent beträgt die Safety-Car-Wahrscheinlichkeit in Sotschi. Drei der bisherigen fünf Rennen im Sochi Autodrom wurden durch ein Safety Car beeinflusst. In einem Fall musste Mayländer gleich zweimal angasen. Das Safety Car kommt also eher als dass es nicht kommt.

5. - S wie Sommerwetter

Auch wenn die Meteorologen am bisherigen Wochenende nicht wirklich richtig lagen, müssen wir einen Blick auf die Prognosen wagen. Kommt der bislang erwartete, aber fast völlig ausgebliebene Regen nun am Sonntag? Zum Rennen, dass eigentlich trocken bleiben sollte? Gut möglich. Zumindest auf 30 Prozent beläuft sich die Regenwahrscheinlichkeit nach aktuellem Stand.

Mercedes würde es freuen. Noch am Freitag hatte Lewis Hamilton regelrecht für einen Guss von oben gebetet. Aber: Ferrari hat davor inzwischen auch keine Angst mehr. So viel Selbstvertrauen ist da. Auch bei Sebastian Vettel. Ob nass oder trocken, ein gutes Auto bleibe gut, meint der Deutsche.

Für Red Bull vielleicht interessanter: Der Wind soll am Sonntag nochmals auffrischen. Der soll schon im Qualifying Alex Albon zum Verhängnis geworden sein. Die Temperatur unterdessen soll weiterhin angenehme 20 Grad betragen.

6. - S wie Serie

Vier Poles in Folge für Charles Leclerc - zum ersten Mal bei Ferrari seit Michael Schumacher vor fast 20 Jahren. Setzt sich am Sonntag gleich die nächste Serie fort? Nämlich die Siegesserie? Immerhin ist Ferrari nach der Sommerpause noch ungeschlagen. Zweimal siegte Leclerc (Monza, Spa), einmal Vettel (Singapur). Ein vierter Streich in Sotschi würde zugleich eine andere Serie beenden: Mercedes ist beim Russland GP noch ungeschlagen.

7. - S wie Sieger

Doch welche Serie hält nun? Oder anders gefragt: Wer ist Favorit? Ganz abseits von der Frage nach der richtigen Reifenstrategie geht es hier vor allem um zwei Aspekte. Rennpace und Topspeed. Hinter ersterem Aspekt stand bei Ferrari zuletzt ein Fragezeichen.

Auf eine Runde war der Ferrari in Spa, Monza & Co. eine Wucht. Doch im Renntrimm klebte der Mercedes stets direkt im Getriebe. Nur dank des überlegenden Topdspeeds und beherzter Verteidigung Leclercs fand Hamilton in Monza keinen Weg vorbei, in Spa half auch noch Vettel als Abschirmdienst.

Mit dem Singapur-Update scheint es nun jedoch zumindest etwas anders auszusehen. Von seinem Qualifying-Vorteil hat Ferrari nichts hergeschenkt, aber in Sachen Rennpace richtig nachgelegt. Zumindest waren die Ferrari-Longruns im Freitagstraining nichts, für das die Scuderia sich schämen müsste - wie noch in Singapur.

Ganz im Gegenteil. Leclerc spricht sogar von der besten Rennpace des ganzen Jahres. "Das war echt positiv", so der Monegasse. "Der Speed ist da", bestätigt Vettel. Dennoch: In freier Fahrt wird der Mercedes auf die Dauer weiterhin höher gehandelt. Doch die braucht er erst einmal. Und hier kommt Ferraris Geradeaus-Rakete ins Spiel.

Doch in Russland rechnet sich Hamilton bessere Chancen aus, einen Weg vorbei zu finden. Und das nicht nur über die in seinen Augen überlegene Medium-Strategie, sondern auch im direkten Duell auf der Strecke. "Wir haben dieses Wochenende wegen Windschatten Möglichkeiten, da vorbeizugehen. Vielleicht komme ich in Charles' Windschatten", so Hamilton.

Oder um den unübersetzbaren Originalton zu verwenden: "I'm going to try to tow the life out of Charles if I get the chance!"