Der Österreich GP war ein episches Formel-1-Rennen. Schon die Ausgangslage versprach Spannung pur, und das Rennen wurde noch besser als die Optimisten erwartet hatten. Der Sieg von Max Verstappen war nicht nur ein Sieg auf der Strecke, mit rennentscheidenden Überholmanövern. Es war auch ein Sieg der Taktik. Diese Mischung machte den Österreich GP zu einem solchen Formel-1-Leckerbissen.

Mit Charles Leclerc, Max Verstappen und Valtteri Bottas standen Ferrari, Red Bull und Mercedes auf den ersten drei Plätzen. Dieses Bild gibt es nicht allzu oft. Dabei hatte Polesetter Leclerc mit den Soft-Reifen am Start auch noch die vermeintlich schlechteste Ausgangsposition. Viele glaubten, die weichen Reifen seien bei solcher Hitze der K.O. für Ferrari.

Doch das Rennen entwickelte sich anders als von vielen angenommen. Verstappen spielte am Start gar keine Rolle, weil sein Getriebe in den Anti-Stall-Modus ging. Der Niederländer beendete eine katastrophale erste Runde nur auf Rang sieben.

Ferrari reagiert nach Start auf falschen Gegner

Möglicherweise war es der schlechte Start, der Verstappen am Ende sogar den Sieg bescherte - dazu gleich mehr. Statt Verstappen war nun Bottas erster Leclerc-Verfolger. Recht schnell stellte sich zwischen Leclerc und Bottas ein recht angenehmer Abstand ein. Bis Runde 20 verlor der Mercedes-Pilot schon fast fünf Sekunden auf den Führenden.

Dann kam der entscheidende Moment des Rennens: In Runde 21 holte Mercedes Bottas an die Box. Auch wenn Leclerc recht komfortabel führte, wollte Ferrari das Risiko nicht eingehen, sich durch einen Undercut die Führung wegschnappen zu lassen. Obwohl der Undercut in Österreich nicht besonders effektiv ist, die kurze Rundenzeit und der verhältnismäßig geringe Reifenverschleiß spielen eine Rolle, reagierte Ferrari umgehend und holte Leclerc eine Runde später zum Stopp.

Max Verstappen wurde am Start in Österreich durchgereicht - Foto: LAT Images
Max Verstappen wurde am Start in Österreich durchgereichtFoto: LAT Images

Das Ergebnis: Leclerc blieb vor Bottas und behielt seinen Vorsprung annähernd. Der Abstand blieb lange Zeit eingefroren - alles sah lange Zeit nach einem komfortablen Sieg für Leclerc aus.

Vermeintlich gut für Ferrari: Weil Bottas den Stopp einleitete, schien der vermeintliche Reifen-Nachteil kein Problem mehr zu sein. Denn Bottas hatte seinen Vorteil der Medium-Reifen zu Rennbeginn nicht nutzen können. Nach dem Stopp waren beide auf gleich alten Hard-Reifen unterwegs.

Verstappen kämpft sich zurück ins Rennen um den Sieg

Allerdings verlor Ferrari dabei Max Verstappen völlig aus den Augen. Der Red-Bull-Pilot hatte zu diesem Zeitpunkt wegen seines schlechten Starts schon rund 13 Sekunden Rückstand. Im Gegensatz zu Ferrari reagierte Red Bull nicht auf die Stopps vor ihnen, sondern fuhr einfach das eigene Rennen. Verstappen blieb Runde um Runde draußen, kam erst in Umlauf 31 zu seinem Reifenwechsel.

Verstappen verlor in den neun Runden, die er länger draußen blieb, aber keine Zeit auf Leclerc. Die Medium-Reifen hielten am Red Bull und gleichzeitig hatte Ferrari mit dem harten Pneu Probleme. Damit begannen sich für Ferrari Probleme abzuzeichnen

Als Verstappen dann mit frischen Reifen in seinen zweiten Stint startete, brannte er ein holländisches Feuerwerk auf dem Red Bull Ring ab. Weil Lewis Hamilton seinen Frontflügel wechseln lassen musste, gewann Verstappen schon eine Position in der Box.

Auf der Strecke ging der Vorwärtsdrang weiter: Erst war Sebastian Vettel fällig, dann Valtteri Bottas. Innerhalb von 20 Runden halbierte sich Verstappens Rückstand auf den Führenden Leclerc. Plötzlich war nicht mehr Bottas Ferraris größte Gefahr, sondern Verstappen.

Da war es nun nicht förderlich, dass Leclerc neun Runden früher zum Stopp gekommen war. Er musste nun mit älteren Reifen kämpfen. Dazu bekam Verstappen für die Jagd auf den Sieg einen aggressiveren Motormodus von Honda - die Japaner opferten dafür etwas Laufleistung. Mit der Zusatz-Power und den frischeren Reifen gelang dem Niederländer dann das Unmögliche: Er fuhr die letzten fünf Sekunden zu und überholte Leclerc drei Runden vor Rennende.

Ferrari überschätzt schwache Mercedes

Die Frage ist: Hat Leclerc nun der Start auf Soft-Reifen den Sieg gekostet, weil er deshalb schon so früh an die Box musste? "Das hat den zweiten Stint länger gemacht und schwieriger als erwartet", gestand Leclerc.

Allerdings stoppte Leclerc nicht so früh, weil seine Soft-Reifen im ersten Stint in die Knie gingen - ganz im Gegenteil. Leclercs Rundenzeiten waren vor dem Stopp völlig stabil, er hätte noch länger auf den roten Reifen fahren können. Der Stopp war einzig eine Reaktion auf Valtteri Bottas.

Ferrari wollte auf keinen Fall die Trackposition verlieren und überschätzte Mercedes. Die hatten allerdings große Probleme mit der Kühlung des Motors. Bottas und Hamilton mussten sehr viel Lift and Coast betreiben. Red Bull etablierte sich stattdessen als härtester Konkurrent.

Auch wenn Ferrari zunächst für die Soft-Strategie im Q2 kritisiert wurde, rückblickend war sie wohl richtig. Denn während Leclerc auf den Soft-Pneus noch der schnellste Mann war, tat er sich auf den harten Reifen schwer. Ferrari schien einmal mehr Probleme mit dem Reifenfenster gehabt zu haben.

"Wir haben uns auf dem harten Reifen schwergetan, die Reifentemperaturen im Zaum zu halten", bestätigt Sebastian Vettel. "Auf dem Roten waren wir aber sehr gut unterwegs. Interessanterweise hat der bei uns länger gehalten als der Weiße. Auf dem hat uns die Pace gefehlt."

Ferrari bei Vettel-Strategie zu zaghaft

Das spiegelte sich in Vettels Rennen ganz extrem wider: Der Deutsche ging im zweiten Stint ebenfalls von Soft auf Hard. Trotz frischer Reifen konnte er kaum schneller fahren als auf den alten Softs. Deshalb entschied sich Ferrari dazu, Vettel noch ein zweites Mal reinzuholen. Wieder auf dem Soft angekommen, fuhr Vettel plötzlich wieder absolute Top-Zeiten.

Im Ziel fehlte Vettel weniger als eine Sekunde auf Valtteri Bottas auf Rang drei. Ärgerlich, denn Vettel verlor nicht nur beim ersten Stopp Zeit durch Kommunikationsprobleme bei seinen Mechanikern Zeit, sondern aufgrund des falschen Zeitpunkts auch beim zweiten Stopp.

"Ich hatte schon gefunkt, dass ich nochmal rein wollte, weil noch mehr als 25 Runden zu fahren waren. Da hat es vielleicht etwas lang gedauert", ärgert sich Vettel. "Wir haben reagiert, aber wohl etwas spät. Sonst wäre das Podium vielleicht noch drin gewesen."

Tatsächlich fuhr Vettel sofort nach dem Wechsel von Hard auf Soft eine Sekunde pro Runde schneller. Seine Zeiten blieben bis zum Ende konstant. Ein früherer Stopp hätte ihm mit großer Wahrscheinlichkeit den letzten Platz auf dem Podium gesichert.