Australien - Teamorder. Bahrain - Defekt, in Führung liegend. China - Teamorder. Ganz und gar kein Traumstart in die Ferrari-Traumkarriere für Charles Leclerc. Seine zweite Formel-1-Saison beginnt mit mehr Tiefen als Höhen.

Dennoch gab sich Leclerc auch im Fahrerlager von China betont gelassen. Druck durch neue Verpflichtungen als Topfahrer im WM-Kampf, Enttäuschung durch Bahrain, Teamduell mit Sebastian Vettel, das alles scheint den Monegassen nach außen hin nicht übertrieben zu beschäftigen. Immer war das nicht so, für Leclerc ist das das Ergebnis von langem Mental-Training.

So kommt es, dass der 21-jährige Leclerc am ersten Rennwochenende nach der brutalen unverschuldeten Niederlage von Bahrain vor die Medien tritt und sich weder auf die Höhen der ersten Pole noch die Tiefen des ersten verlorenen Sieges einlässt: "Ja, es war eigentlich gar nicht so schwer - sicher, Sonntag war eher ein enttäuschender Moment, solche Zeiten sind immer härter, aber wie ich gesagt habe - so etwas passiert nun einmal."

Leclercs mentale Stärke: Emotionen kontrollieren kein Problem

"Ich glaube, keine der beiden waren besonders schwierig zu kontrollieren", meint Leclerc, angesprochen auf die Pole von Bahrain und auf den verlorenen Sieg. Klingt extrem nüchtern für einen 21-Jährigen, der im berühmtesten Formel-1-Team fährt und gerade von so einer emotionalen Achterbahnfahrt kommt.

Aber Leclerc ist eben keiner jener Fahrer, zu denen man geht, um eine in irgendeine Richtung stark emotional aufgeladene Antwort zu erhalten. Diese nüchterne Coolness hat er schon im Vorjahr, seinem ersten F1-Jahr, unter Beweis gestellt. Sie half wohl auch dabei, einen ruppigen Start in die Formel-1-Karriere zu übertauchen. Von drei mäßigen Grands Prix mit Sauber am Ende des Feldes ließ sich Leclerc 2018 nicht irritieren. Belohnt wurde er in Baku, dort verstand er erstmals das Formel-1-Auto - und fuhr prompt in die Punkte.

2018 führte Leclerc der Welt dann vor, dass sein nüchternes und selbstkritische Herangehen zu Erfolg führte. Frust kam bei ihm bisher nur dann auf, wenn er auch wirklich selbst für eine schlechte Leistung verantwortlich ist. Wie zuletzt im Qualifying von China, wo Leclerc nach seiner letzten, zu langsamen Runde am Funk einige Flüche ablassen musste.

Leclerc emotional cool: Mentale Stärke jetzt mein Vorteil

Diesen Frust konnte Leclerc aber bisher immer ins Positive umwandeln. Und was nicht in seiner Hand liegt, davon lässt er sich kaum aus der Fassung bringen. Stattdessen versucht er, Problem und Zusammenhang zu verstehen, um dann damit richtig umzugehen. Ein Produkt von langem Training und harter Arbeit, wie er vor dem China-GP den Medien erklärt.

"Ich glaube, meine mentale Stärke war zu Kart-Zeiten definitiv eine Schwäche", sagt Leclerc. "Ich habe sehr hart gearbeitet, um so bereit wie nur möglich zu sein, wenn ich die Chance in der Formel 1 bekomme. Jetzt denke ich, dass es vielleicht sogar meine Stärke ist, und ich bin happy, so lange daran gearbeitet zu haben."

Charles Leclerc steigt in seinen Ferrari - Foto: Ferrari
Charles Leclerc steigt in seinen FerrariFoto: Ferrari

Dafür hat er sich allen möglichen Dingen hingegeben, wie er ausführt: "Es ist schwer zu erklären, du trainierst mit so einer Art von Sensoren am Kopf, und die zeigen dir, was im Kopf passiert. Du trainierst vor Computern und versuchst zu verstehen, was im Kopf passiert. Ich dachte davor, dass ich alles verstehe, aber in Wahrheit habe ich gar nichts verstanden."

"Und dann entdeckst du dich einfach selbst", beendet Leclerc seinen Versuch, das Konzept seines Trainings zu erklären. Alles ganz einfach - für ihn zumindest. "Du schaffst es dann, dich viel besser zu kontrollieren."

WM? Leclerc entspannt: Einfach bestmöglichen Job machen

Leclercs Ansatz reflektiert sich auch in anderen Antworten aus China wieder. Bedeuten Lewis Hamiltons Komplimente etwas? "Natürlich ist es nett, von Lewis und Seb Komplimente zu bekommen. Andererseits verbringe ich nicht viel Zeit damit, darüber nachzudenken, versuche einfach jedes Rennen besser zu werden."

Oder ist er bereit, ein Superstar zu sein? "Ich glaube nicht, dass du dich auf so etwas vorbereiten kannst. Wenn es passiert, dann ist es ein gutes Zeichen für mich. Es bedeutet, dass ich im Auto einen guten Job mache." Bei allem läuft es bei Leclerc darauf hinaus: Er will sich den Gegebenheiten optimal anpassen und von seiner Seite kommend den bestmöglichen Job verrichten.

Da bleibt noch die naheliegende Frage nach dem WM-Titel - schließlich ist der Ferrari mindestens das zweitbeste Auto im Feld. "Ich denke, die Dinge passieren in der Formel 1 sehr schnell", meint Leclerc. "Nach dem ersten Rennen sieht mich keiner als Titelkandidat, nach dem zweiten Rennen tut es jeder. Also ja, es geht schnell, ich muss mich einfach auf das fokussieren, was ich im Auto mache. Versuchen, so hart wie möglich zu arbeiten, im Auto und außerhalb. Dann bin ich ziemlich sicher, dass die Ergebnisse kommen werden, dann sehen wir weiter." Wer eine andere Antwort erwartet hat, ist selbst schuld.