Er ist wieder da, kam aus seinem Bau gekrochen und hat wieder zugebissen: Der Honigdachs kehrt zurück auf den Platz an der Sonne! Beim China GP, dem dritten Rennen der Formel-1-Saison 2018, gewinnt Daniel Ricciardo, Spitzname Honeybadger (Honigdachs eben), seinen sechsten Grand Prix in der Formel 1.

Für den Red-Bull-Piloten aus Australien war der Triumph auf dem Shanghai International Circuit wie schon seine vorherigen fünf GP-Siege vor allem eines: unerwartet und kurios. "Ich weiß echt nicht, woran es liegt. Aber ich scheine nie die langweiligen Rennen zu gewinnen. Sie sind immer ziemlich spaßig", jubelt Ricciardo erleichtert auf Podium.

Ricciardo: Manchmal macht die Formel 1 dich fertig

"Und es war unerwartet. Vor 24 Stunden habe ich noch gedacht, dass wir vielleicht am Ende des Grids starten müssen", erinnert Ricciardo. Damit spielt der Formel-1-Sieger von China auf einen Motorschaden vor dem Qualifying an, den die Red-Bull-Crew durch einen fast vollständigen Wechsel der Power Unit erst in letzter Minute behoben hatte. Überraschend kam des Honeybadgers sechster Streich jedoch auch nach dem jüngsten Status Quo bei Red Bull.

Einerseits wegen der Technik, die Ricciardo zuletzt in Bahrain erst wieder kapital im Stich gelassen hatte. "Manchmal frage ich mich da, warum ich mir diesen Sport ausgesucht habe, denn es gibt so viele Dinge, die außerhalb deiner Kontrolle liegen", blickt Ricciardo zurück. "Das macht dich echt fertig. Aber wenn du dann einen Tag wie diesen hast, ist der 50 solch mieser Tage wert."

Red Bull: Verstappen schneller, Ricciardo besonnener

Andererseits wegen Max Verstappen, der sich die rohe Pace betreffend inzwischen recht klar als konstant schnellerer Bulle im Stall erwiesen hat. So auch in China. Wieder siegte Verstappen im Qualifying-Duell. Wieder heizte Verstappen Mercedes und Ferrari ein. Aber nur zunächst. Bis er einmal mehr übertrieb. Erst im Duell mit Hamilton, dann erst recht mit Vettel. Ricciardo hingegen ging besonnener zu Werke. Die bessere Strategie.

"Der Doppelsieg wäre möglich gewesen, aber Max war eine Spur zu ungestüm. Beide Piloten können überholen. Der eine etwas ungestümer. Das ist auch der Altersunterschied", kommentiert Red Bulls Motorsportberater Dr. Helmut Marko im Interview mit Motorsport-Magazin.com.

Red Bull beweist in China Pace und Taktik-Können

Möglich war der Sieg Red Bulls in China jedoch nicht einzig und allein, weil der RB14 erstmals sein wahres Potential auf die Strecke brachte, wie Marko berichtet: "Jetzt haben wir aber endlich einmal bewiesen, welchen Speed das Auto hat. Passt!" Sondern auch, weil die Strategen der Bullen in Shanghai gleich doppelt brillierten. "Vor allem: Wir haben richtig reagiert [auf das Safety Car, Anm. d. Redaktion]. Hamilton hätte ja auch hereinkommen können. Aber der hätte trotzdem keine Chance gegen uns gehabt, glaube ich", so Marko.

Damit meint der Grazer den Wechsel Red Bulls auf die Soft-Reifen in der SC-Phase gut 20 Runden vor Rennende. Parallel waren Verstappen und Ricciardo in der Box, wie schon beim regulären ersten Wechsel in Umlauf 15. Beide Male lieferte die Red-Bull-Crew perfekte Boxenstopps, sicherte sich trotz der Zusatzbelastung sogar noch den DHL Fastest Pitstop Award.

Ricciardo: Hektik pur, aber ein Siegmanöver

"Es war so hektisch. Ich hörte ein 'Safety Car' als ich in Kurve 14 war und sie sagten, dass wir einen Doppelstopp machen würden, 'komm, komm, in die Box!' Es ist alles so schnell passiert, aber es waren sehr entscheidende Manöver, Siegmanöver", schildert Ricciardo den aufreibenden Moment. Allein das sorgte jedoch nicht für die Rennentscheidung. Dieser Job oblag dem Australier selbst.

Gegen Lewis Hamilton zeigte Daniel Ricciardo ein extrem starkes Manöver - Foto: Sutton
Gegen Lewis Hamilton zeigte Daniel Ricciardo ein extrem starkes ManöverFoto: Sutton

Nach dem Safety Car lag Ricciardo bei noch 20 zu fahrenden Runden nur auf P6, noch dazu verschlief er den Re-Start. Doch noch bevor das DRS wieder freigegeben war setzte Ricciardo schon den ersten Stich. Auch ohne offenen Flügel verlieh der Red Bull Ricciardo Flügel, Kimi Räikkönen war mit den Mediums am Ferrari chancenlos gegen Ricciardo auf weichen Walzen, musste Ende der Gegengeraden aufstecken. Konterchance? Nicht gegen die überlegene Traktion des Red Bull mit weichem Gummi.

Verstappen patzt gegen Hamilton, Ricciardo staubt ab

Der nächste Platzgewinn für Ricciardo kam mit freundlicher Unterstützung des Teamkollegen. Er habe Verstappen und Hamilton von hinten genau beobachtet und schon geahnt, dass etwas schiefgehen würden, als der Mercedes und der Red Bull sich in Kurve sieben nebeneinander weit heraustragen ließen. Und so kam es. Verstappen kam von der Strecke ab, Ricciardo schlüpfte durch.

"Ich habe versucht, Lewis über die Außen zu überholen, aber da waren einfach zu viele Marbles und ich bin zu weit herausgekommen. Echt schade, weil ich gut positioniert war und ich so einen Platz an Daniel verloren habe", schildert Verstappen. "Das war nicht das Ergebnis, das ich heute wollte. Wir haben eine tolle Gelegenheit für ein Doppelpodium ausgelassen."

Postbote Daniel Ricciardo knackt Hamilton

Somit hieß Red Bulls Speerspitze nun Ricciardo. Gegen Hamilton war das die effektivere Waffe. In der Haarnadel war der Weltmeister in der 40. Runde fällig - mit einem ganz klassischen Ricciardo-Move, einem extrem späten Ankerwurf wie ihn nur Ricciardo auf der Bremse in Meistklasse exerziert. "Yeah, manchmal musst du einfach die Briefmarke lecken und sie abschicken. There we go! Ich habe es sehr genossen!", kommentiert Postbote Ricciardo die Szene auf seine ebenfalls unverkennbare Art.

"Wir hatten eben den Soft-Reifen. Da wusste ich, dass ich auf der Bremse mehr holen konnte als sie. Und oft bekommst du nur eine Chance, deshalb versuche aus jeder Gelegenheit alles herauszuholen", ergänzt Ricciardo.

Ricciardo vs. Bottas härter als Ricciardo vs. Vettel

Der Sieg war damit jedoch noch immer zwei zu knackende Nüsse entfernt, die erste keine geringere als der WM-Leader und noch ungeschlagene Sebastian Vettel. Doch auch der zweite Ferrari war wehrlos gegen den bissigen Honigdachs. Diesmal mit DRS und nur eine Runde nach der Attacke auf Hamilton fuhr Ricciardo an selber Stelle einfach vorbei an seinem alten Teamkollegen. P2.

Blieb Valtteri Bottas. Für den Finnen hatte sich Ricciardo jedoch etwas anderes überlegt. Die Entscheidung um den Sieg fiel nicht in der Haarnadel. Oder doch - aber in der anderen, Kurve 6 statt Kurve 14 in Runde 44. "Es war eng", berichtet Ricciardo von seinem Manöver, das im Drama um die Kollision zwischen Verstappen und Vettel beinahe untergegangen wäre.

"Ich denke, dass es hart war, aber fair. Ich habe gesehen, wie er sich verteidigt hat, ich wollte eigentlich nicht so spitz reingehen, aber dann kam er etwas mehr … Ich dachte schon daran, zurückzustecken, aber … Nein, nur Spaß! Ich wusste, dass da irgendwie immer genug Platz sein würde und die Reifen hatten dazu auch genug Grip", schildert Ricciardo.

"Im schlimmsten Fall wäre ich weit gegangen und hätte es nochmal woanders probiert", ergänzt der Australier, der eben jenem Bottas in Bahrain noch mangelnden Spirit im Duell mit Vettel angekreidet hatte. Nicht nur leere Worthülsen, wie er sich nun offenbar zu beweisen genötigt sah. "Es war dann Rad-an-Rad und das ist auch gut fürs Fernsehen!", ergänzt Ricciardo. "Sobald ich einmal am Sieg geschnüffelt hatte, wollte ich ihn auch nicht mehr loslassen."