Es hätte das Jahr des Max Verstappen werden sollen: nach seinem kometenhaften Aufstieg war das Ziel 2017 klar: Titelkampf. Doch in dieser Saison lernt der mit 20 Jahren noch immer blutjunge Niederländer das Wort Entschleunigung kennen - zumindest wenn es um den Aufstieg der Karriereleiter geht. Mit dem neuen Reglement hatte sich Red Bull erhofft, um den WM-Titel fahren zu können. Red Bull hatte es erhofft, Max Verstappen erwartet. Deshalb kann Verstappen seine Enttäuschung in dieser Saison auch kaum verbergen. Zu Beginn war das Auto zu langsam, als es dann irgendwann in Tritt kam, zu unzuverlässig. Zumindest der RB 13 mit der Startnummer 33 - darüber kann auch sein Sieg in Malaysia nicht hinwegtäuschen. Max Verstappen hat nämlich ein doppeltes Problem.

Nicht nur, dass er lediglich in der Hälfte der Rennen die Zielflagge sah und er deshalb in der Weltmeisterschaft klar hinter Teamkollege Ricciardo liegt, es ist seine Performance, die das Ganze noch bitterer für ihn macht. Im Qualifying-Duell liegt Verstappen deutlich vor Ricciardo, er lässt dem Australier bei der puren Performance eigentlich keine Chance. Und trotzdem liegt er hinten. Für einen Rennfahrer mit dem Selbstverständnis von Verstappen eine absolute Katastrophe. In unserem Exklusiv-Interview vor einem Jahr machte er klar, dass ihn seine bisherigen Rekorde wenig interessieren. Jüngster GP-Sieger? Eine Randnotiz.

"Wie viele Siege hat Michael Schumacher", fragte Verstappen vielsagend auf die Rekorde angesprochen. Es sind Dimensionen von sieben Weltmeister-Titeln und 91 Siegen, die den Niederländer interessieren. Verstappen ist mit jeder einzelnen Faser Motorsport, eine andere Welt gibt es für ihn nicht. Und Motorsport bedeutet für ihn Erfolg. Was er für den Erfolg macht, zeigt er nicht selten mit kompromisslosen Manövern auf der Strecke. Und auch neben der Strecke ist das Selbstverständnis da: kann ihm Red Bull 2018 kein konstant siegfähiges Auto geben, ist er weg. Kompromisslosigkeit ist das Markenzeichen der ganz großen Rennfahrer. Unsere Interviews spiegeln die zwei Charaktere Max Verstappen und Daniel Ricciardo übrigens perfekt wider: neide Interviews dauerten exakt gleich lange. Bei Ricciardo kamen wir in dieser Zeit dazu, 17 Fragen zu stellen, bei Verstappen waren es 38...

Eine Runde in Monaco mit Max Verstappen: (02:39 Min.)

MSM: Max, Du hast uns vor einem Jahr gesagt, dass du gerne folgende Überschrift in unserem Motorsport-Magazin lesen willst: Verstappen und Red Bull kämpfen um die Weltmeisterschaft.
Max Verstappen: Oh, das haben wir offensichtlich nicht! [lacht] Naja, nicht dieses Jahr. Vielleicht nächstes Jahr...

Wann war dir klar, dass du 2017 nicht mit um den Titel kämpfen würdest?
Bei den Wintertestfahrten.

Was ist deiner Meinung nach die Hauptursache dafür?
Zu Jahresbeginn war es definitiv 50:50 Motor und auch das Chassis. Jetzt denke ich, dass sich das Auto auf jeden Fall etwas verbessert hat und wir da ziemlich nah an den beiden Top-Teams dran sind. Aber auf der anderen Seite liegen wir nach wie vor zurück.

Was hat dem Chassis zu Saisonbeginn gefehlt?
Generell Grip. Downforce, mechanischer Grip, generell die Balance zwischen Vorder- und Hinterachse. Einfach überall.

Du sagst, ihr seid nun ziemlich nah an den Top-Teams. Was fehlt euch noch - außer Leistung?
Es ist etwas schwierig zu sagen, ob es Downforce oder mechanischer Grip ist. Es hängt von verschiedenen Dingen ab. Manchmal ist es ziemlich gut in den Highspeed-Kurven und in den langsamen Kurven ist es nicht so gut. Aber das ändert sich sehr von Strecke zu Strecke.

Ist das eine reine Setup-Sache?
Ich denke nicht, dass es mit dem Setup zu tun hat. Manchmal fehlt einfach etwas der Grip, manchmal kann das in den Highspeed-Kurven der Fall sein, manchmal in den langsamen Kurven. Es geht auf und ab, was das angeht.

Abgesehen von der generellen Performance lief dieses Jahr für dich überhaupt nicht. Ist es das schwierigste Jahr deiner Rennfahrer-Karriere gewesen?
Absolut nicht. Ich hatte bei den Go-Karts ein paar solcher Jahre mit vielen Ausfällen. Da hatte ich einfach Pech.

Aber in den Nachwuchs-Kategorien warst du immer sehr schnell, hattest immer die Chance auf Siege. Dann kamst du in die Formel 1 und auch wenn du da kein siegfähiges Material hattest, es war alles neu. Darauf folgte der Sprung in den Red Bull und du gewannst gleich das erste Rennen. Alles ging so schnell, aber jetzt ist es irgendwie ins Stocken geraten...
Naja, es kann ja auch nicht die ganze Zeit so laufen. An einem Punkt geht es immer auf und ab, auf und ab. Ich denke, jeder hier im Paddock hat das schon erlebt. Das ist ziemlich normal.

Max Verstappen hatte 2017 viel Pech mit Defekten - Foto: Sutton
Max Verstappen hatte 2017 viel Pech mit DefektenFoto: Sutton

Kam der Erfolg in der Formel 1 vielleicht zu schnell?
Nein, nein. Es kann nur noch schneller gehen. Aber es ist in der Formel 1 so. Manchmal hast du ein besseres Auto, manchmal ist es nicht so schnell. Manchmal ist die Zuverlässigkeit gut, manchmal nicht.

Was ist schlimmer für dich? Schlechte Zuverlässigkeit oder schlechte Performance?
Beides ist schlimm.

Mal abgesehen vom Auto, scheint es so, als hättest du persönlich in diesem Jahr einen großen Sprung in Sachen Performance gemacht. Stimmst du zu?
Absolut, ja. Besonders im Qualifying habe ich einen guten Schritt gemacht. Ich habe ein besseres Gefühl mit dem Auto. Aber auch das ist ziemlich normal. Ich sammle mehr Erfahrung, ich saß bei den Wintertestfahrten im Auto und fühle mich mehr zuhause darin. In den Rennen hatte ich daran auch nie Zweifel. Ich denke, was das angeht, läuft definitiv alles sehr positiv. Nur die Resultate zeigen das nicht, aber das liegt im Moment nicht in meinen Händen.

Wenn du sagst, dass du dich im Qualifying verbessert hast. Liegt dir das Auto besser? Oder sind es die Reifen?
Nein, es geht nur darum, das Auto abzustimmen und ein besseres Gefühl dafür zu bekommen - und auch mehr Erfahrung.

Erfahrung dabei, das Auto abzustimmen und in welche Richtung du damit gehen musst?
Ja, und einfach fahren. Einfach mehr Qualifying-Sessions und so weiter.

Helmut Marko sagte uns, dass du deine Gegner auf der Rennstrecke erzogen hast. Dass sie sich benehmen, weil du sie erzogen hast. Siehst du das genauso?
Keine Ahnung. Darüber denke ich ehrlich gesagt nie nach.

Wenn wir zum Beispiel an Nico Rosberg in Abu Dhabi letztes Jahr danken, er sagte: "Oh nein, jetzt muss ich den verrückten Typen von Red Bull überholen." Er sagte, es war der schlimmste Moment seiner Karriere, als er dich überholen musste...
Naja, ehrlich gesagt mag ich es einfach nur nicht, eine Position aufzugeben. Es ist sehr natürlich, dass du deine Position immer verteidigen willst und was das angeht, mache ich es den anderen nicht so leicht.

Verstappen im Zweikampf? Horror für Nico Rosberg - Foto: Red Bull
Verstappen im Zweikampf? Horror für Nico RosbergFoto: Red Bull

Hast du dir jemals gedacht, dass du an einem gewissen Punkt etwas zu weit gegangen bist?
Nein, so denke ich nicht, wenn es um das Verteidigen und diese Dinge geht.

Siehst du das als eine Rennfahrer-Mentalität?
Das sollte es sein.

Wir hatten eine interessante Diskussion mit deinem ehemaligen Teamkollegen Carlos Sainz. Er meint, man braucht ein gewisses Arschloch-Gen...
Um erfolgreich zu sein? Ja. Um Rennen und Weltmeisterschaften zu gewinnen ist das definitiv die Einstellung, die du haben musst. Du bist nicht hier, um Freunde zu machen. Am Ende des Tages ist es eine sehr egoistische Welt. Du willst abliefern und gewinnen, du musst alles für dich beanspruchen.

Wie beschreibst du dich abseits der Rennstrecke? Wir kennen dich ja nur in der Formel 1...
Entspannt. Ich nehme mir Zeit zum Entspannen und verbringe Zeit mit Familie und Freunden.

Dann würdest du sagen, dass dieser Max Verstappen ein anderer ist als der auf der Rennstrecke?
Nein, es ist ziemlich ähnlich.

Aber wenn du sagst, dass du egoistisch sein musst, das Arschloch-Gen, das du zeigen musst...
Aber das musste ich im Kartsport auch schon haben, um erfolgreich zu sein.

Würdest du sagen, dass es dort draußen einen Fahrer gibt, der in dieser Hinsicht anders ist als die anderen?
Nicht wirklich. Natürlich sind manche Leute schwieriger zu überholen, manche sind erfahrener. Aber ich hab da bei keinem ein besonderes Gefühl, so wie Nico vielleicht bei mir...

Wer war deiner Meinung nach bisher der am schwierigsten zu überholende Fahrer?
Das ist schwierig zu sagen, es hängt auch vom Auto ab. Ich werde hier keine Namen nennen.

Und der am einfachsten zu überholende?
Das hängt auch vom Auto ab.

Max Verstappen sitzt auch 2018 im Red Bull - Foto: Sutton
Max Verstappen sitzt auch 2018 im Red BullFoto: Sutton

Abseits vom Treiben auf der Rennstrecke gibt es auch immer Gerüchte. Wir wissen, dass du 2018 auch für Red Bull fährst...
2018, ja.

Was wir immer hören, ist, dass du einfach Erfolg haben willst. Ist es dir egal, mit welchem Team du erfolgreich bist?
Mir ist es egal, welche Farbe das Auto und der Rennanzug haben. Ich will nur ein siegfähiges Auto haben. Ich habe sehr großes Vertrauen in Red Bull und wir werden sehen, was nächstes Jahr passiert. Aber danach weiß ich noch nicht. Ich weiß nur, dass ich gewinnen will. Wenn wir nächstes Jahr zusammen gewinnen, werde ich auch gerne bleiben.

Für manche Menschen ist auch der Mythos wichtig, zum Beispiel wie für Sebastian Vettel und Ferrari...
Ich will einfach nur im schnellsten verfügbaren Auto sitzen.

Denkst du, dass du Red Bull in irgendeiner Weise etwas zurückgeben musst, weil sie dir geholfen haben, in die Formel 1 zu kommen?
Ich denke, das mache ich im Moment.

Also keine Geschenke mehr ab jetzt?
Ich habe einen langjährigen Vertrag mit ihnen unterzeichnet, beginnend mit der Zeit bei Toro Rosso. Ich will einfach nur Ergebnisse und das wissen sie. Sie wollen das auch und hoffentlich erreichen wir sie nächstes Jahr zusammen.

Aber wie kannst du abschätzen, wie sich ein Team entwickelt? Dieses Jahr sind Ferrari und Mercedes sehr stark. Nächstes Jahr könnte es das Gegenteil sein, auch mit Red Bull...
Aber mit den aktuellen Power Units denke ich nicht, dass das passiert.

Max Verstappen will mit Red Bull weitere Erfolge einfahren - Foto: Red Bull
Max Verstappen will mit Red Bull weitere Erfolge einfahrenFoto: Red Bull

Wenn wir uns zum Beispiel Fernando Alonso anschauen: Nach seinem ersten McLaren-Jahr schien es, als ob er immer zur falschen Zeit am falschen Ort war.
Ja, aber da hing nicht so viel von den Motoren ab. Heute gibt es zwischen den Motoren so große Unterschiede, dass es viel gutmachen kann, auch wenn dein Auto nicht so gut ist.

Würdest du sagen, dass deine Karriere dann von den Motoren-Entscheidungen abhängt?
Vielleicht ein bisschen.

Welchen Motor hättest du gerne?
Das werde ich nicht sagen. Aber ich denke es ist schon klar, dass du den schnellsten haben willst.

Mal abgesehen vom Hersteller, wie sollte ein Formel-1-Motor deiner Meinung nach aussehen?
Ich denke, es hängt davon ab. So wie ich es verstehe, wollen Mercedes und Ferrari dieses Konzept beibehalten, weil sie ziemlich gut damit sind. Aber für die anderen Hersteller läuft es im Moment nicht so gut, also wollen sie lieber früher eine andere Lösung.

Denkst du, dass diese Generation der Motoren deinem Fahrstil liegt? Du kamst in die Formel 1, als die Power Units Einzug hielten...
Das macht ehrlich gesagt keinen Unterschied. Du passt dich einfach der Situation an.

Wie wichtig ist ein Teamkollege für dich, wenn du deine Entscheidung fällst?
Für mich spielt das keine Rolle.

Bevorzugst du kein gutes Verhältnis?
Natürlich, aber am Ende des Tages ist es wie ich gesagt habe: Es ist eine sehr egoistische Welt. Für mich ist es egal. Wenn du im schnellsten Auto sitzen willst, musst du auch akzeptieren, dass du auch einen schnellen Teamkollegen hast.

Wie würdest du deine momentane Beziehung innerhalb des Teams beschreiben?
Es ist alles gut. So wie es immer war.

Verstappen und Ricciardo: Racing mit dem Wohnwagen in Spielberg: (02:22 Min.)

Facts zu Max Verstappen

Zweikämpfe & Überholmanöver: Kaum ein Fahrer im aktuellen Feld überholt so aggressiv wie Verstappen. Der Niederländer nutzt jede sich bietende Gelegenheit knallhart aus - auch wenn die Erfolgsaussichten nicht immer die besten sind. Aber Max ist nicht nur stark beim Attackieren - er weiß sich auch zu verteidigen, wie Nico Rosberg, Kimi Räikkönen & Co bereits leidlich feststellen mussten.

"Arschloch"-Gen: Max Verstappen mag noch ein junger Hüpfer sein, aber davon lässt sich im Paddock schon lange niemand mehr täuschen. Der Niederländer tut, was nötig ist, um im Haifischbecken Formel 1 erfolgreich zu sein. Dabei macht er keine Gefangenen - weder auf noch neben der Strecke. Nicht umsonst gilt er als "Bad Boy" des Fahrerlagers.

Ehrgeiz: Mancher Fahrer ist schon damit zufrieden, eines der begehrten Cockpits in der Königsklasse errungen zu haben. Nicht so Max: für ihn zählen nur Siege und der Titel. Das treibt ihn an, dafür gibt er alles. Wenn er auf dem Weg dorthin ein besseres Auto haben kann, das ihn näher ans Ziel bringt, dann strebt er dieses Etappenziel ohne Kompromisse an.

Fazit

Superschnell, knallhart im Zweikampf und voll konzentriert auf sein Ziel: Formel-1-Weltmeister zu werden. Max Verstappen hat alle Anlagen, um seinen Traum zu erfüllen. Jetzt fehlt ihm nur noch das Auto dazu.

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