"Wenn McLaren Stoffel Vandoorne 2017 kein Cockpit gibt, dann sind sie verrückt", sagte Mercedes Motorsportchef Toto Wolff noch beim Belgien GP. "Wenn nicht, dann finde ich einen Platz für ihn. Das verspreche ich", fügte Wolff an. Doch nur eine Woche später musste sich Wolff keine Gedanken mehr über sein Versprechen und eine mögliche Cockpitsuche machen: McLaren bestätigte beim Italien GP Stoffel Vandoorne für 2017, Jenson Button wird in Teilrente geschickt.

"Das hat schon einmal mit Helmut funktioniert, jetzt auch bei Ron", meint Wolff im Spaß. Mercedes streckte vor seinem Formel-1-Debüt die Fühler Richtung Max Verstappen aus, der Niederländer entschied sich aber für das Red-Bull-Programm. Motorsportberater Dr. Helmut Marko gab Verstappen sofort ein Cockpit bei Toro Rosso. Nun erhält Stoffel Vandoorne seine Chance von McLaren-Boss Ron Dennis. Um auf den Belgier aufmerksam zu werden, brauchte Dennis aber Wolffs Drohung gar nicht. Selbst ein Blinder musste irgendwann auf Vandoorne stoßen.

Vandoorne holte bei seinem ersten Start in der Formel 1 Punkte - Foto: Sutton
Vandoorne holte bei seinem ersten Start in der Formel 1 PunkteFoto: Sutton

Der Werdegang des zukünftigen Formel-1-Piloten ist ein Bewerbungsschreiben par excellence: Vizemeister der Formel Renault 3.5 im Debüt-Jahr, Vizemeister der GP2 ebenfalls im ersten Jahr. Im zweiten Jahr der Meistertitel in einer Art und Weise, die die Rennserie in ihrer zwölfjährigen Geschichte nur einmal gesehen hat. Selbst Lewis Hamiltons GP2-Saison war dagegen eher durchschnittlich. Stoffel Vandoorne weiß um sein Können und seinen Marktwert. Im Exklusiv-Interview mit Motorsport-Magazin.com tritt er mit dem Selbstverständnis eines gestandenen Formel-1-Piloten auf: die Arme verschränkt, Antworten wie aus der Pistole geschossen und er versprüht nicht den geringsten Hauch von Unsicherheit. Man könnte auch sagen: Der McLaren-Prototyp, von dem Sergio Perez rückblickend auf seine McLaren-Zeit spricht.

Zum Erfolg verdammt

Stoffel Vandoorne hatte aber auch allen Grund, in den Nachwuchsserien erfolgreich zu sein: Geld. Je länger ein Fahrer in Nachwuchsserien fährt, desto teurer wird es. "Ich war nie dazu in der Lage, mir die Karriere vom Geld meiner Familie finanzieren zu lassen", erzählt er. "Ich hatte Glück, dass mein Vater von Berufswegen her gute Kontakte hatte. Ein paar seiner Freunde haben uns geholfen, auf einem hohen Level Kartsport zu betreiben." Doch für mehr als Kartsport hat das Budget nicht gereicht.

Als Sohn eines Architekten ging es Vandoorne sicher nicht schlecht, er musste nicht wie Esteban Ocon mit seiner Familie im Wohnwagen wohnen, um sich den Einstieg in den Motorsport finanzieren zu können, aber für den Formel-Sport reichte es nicht. Durch Unterstützung des belgischen Automobilverbandes RACB konnte sich die Familie die ersten Schritte im Formel-Sport leisten. Zunächst den F4 Eurocup, dann die Formel Renault 2.0. Der Druck war schon in frühen Jahren immens: "Natürlich musste ich mich immer noch jedes Jahr beweisen, um auch die Unterstützung zu erhalten." Ohne diese Unterstützung wäre die Karriere zu Ende gewesen. Doch auch die Mittel des RACB waren endlich. 2013 drohte in der Renault Worldseries erneut das Karriereende.

Doch McLaren war inzwischen auf das außergewöhnliche Talent aufmerksam geworden und förderte Vandoorne von nun an. "Ohne McLaren wäre ich nach der Formel Renault World Series wohl nicht in der Lage gewesen, meine Karriere fortzuführen. Sie waren eine große Hilfe", weiß Vandoorne.

Max Verstappen, Carlos Sainz, Kevin Magnussen und Jolyon Palmer hatten nicht nur finanzielle Unterstützung aus dem Elternhaus, sondern auch Väter, die sich mit der Materie auskannten. Vandoorne nicht. "Sie haben all die Erfahrungen gemacht und sie wissen, was du tun sollst und was du nicht tun sollst. Es ist wahrscheinlich etwas einfacher, einem jungen Fahrer so den Weg zu bereiten. Aber letztendlich zeigt meine Geschichte, dass es möglich ist, in die Formel 1 zu kommen, wenn du talentiert bist."

Mit McLarens Hilfe fuhr Vandoorne 2014 seine erste Saison in der GP2 und war gleichzeitig Testfahrer für das Team aus Woking. Der Einstand in der GP2 verlief standesgemäß. Gleich im ersten Rennen siegte Vandoorne. Am Ende zog er gegen Jolyon Palmer, der bereits seine vierte Saison in der höchsten Nachwuchsklasse fuhr, den Kürzeren. 2015, erneut McLaren-Testfahrer, dann der überlegene Sieg in der GP2. Vandoorne gewann sieben von elf Hauptrennen, stand bei sechs von zehn Sprintrennen - bei denen die ersten Acht in umgekehrter Reihenfolge starten - auf dem Podium. 341,5 Punkte unterstreichen die Dominanz, die er die gesamte Saison an den Tag legte. Als ärgster Verfolger kam Alexander Rossi auf 181,5 Punkte.

2015 wurde Vandoorne überlegen GP2-Champion - Foto: GP2 Series
2015 wurde Vandoorne überlegen GP2-ChampionFoto: GP2 Series

Weil McLaren für 2016 schon Jenson Button und Fernando Alonso unter Vertrag hatte, schaute Vandoorne in die Röhre - trotz seiner Leistungen. Überzeugt ein Fußballspieler in der zweiten Mannschaft oder im Training, bekommt er irgendwann eine Chance in der ersten Mannschaft. Erbringt ein Leichtathlet Top-Leistungen, darf er auch an den Olympischen Spielen teilnehmen. Der Motorsport scheint hingegen grausam und unfair. "Ich sehe das nicht so", wirft Vandoorne ein.

"Die Formel 1 war immer schon ein harter Wettbewerb und ich denke, der Sport war immer schon so. Es gibt viele Talente, die es geschafft haben und auf der andern Seite genauso viele, die niemals in der Formel 1 angekommen sind. Ich denke, das wird in der Zukunft leider auch immer der Fall sein." Stattdessen musste sich Vandoorne an fast jedem Wochenende die gleichen Fragen gefallen lassen. Meist musste er sich am Freitag zwischen dem 1. und dem 2. Freien Training den Medien stellen. "Ich wusste es von Beginn an und dann stellst du dich darauf ein und bereitest dich darauf vor. Dass ich am Ende einen Rennvertrag bekommen habe, versüßt mir das Ganze einfach nur."

Muss sich Alonso 2017 warm anziehen? - Foto: Sutton
Muss sich Alonso 2017 warm anziehen?Foto: Sutton

Als amtierender Champion durfte er nicht einmal mehr in der GP2 starten. Rennpraxis sammelte er in dieser Zeit in der japanischen Super Formula. Die Rennserie gilt als extrem anspruchsvoll. Nur, wer in einem Top-Team fährt, hat die Chance, ganz vorne mitzufahren. Stoffel Vandoorne schaffte es trotzdem, ein Rennen zu gewinnen. Auch bei seinem Formel-1-Aufritt in Bahrain, als er den verletzten Fernando Alonso ersetzt, überzeugte er auf Anhieb. Erst schlug er Jenson Button im Qualifying, dann holte er am Sonntag gleich einen Punkt.

In Anbetracht von Max Verstappen, Carlos Sainz, Pascal Wehrlein oder Esteban Ocon ist Stoffel Vandoorne mit seinen 24 Jahren fast schon alt bei seinem Formel-1-Debüt. "Okay, ich bin etwas älter als sie. Aber ich sehe es nicht als Defizit für mich an. Ich werde mindestens so bereit sein wie sie, wenn ich 2017 meine Debütsaison bestreite." Besser vorbereitet kam lange kein Talent mehr in die Formel 1. Neben seiner Erfahrung auf der Strecke, hilft ihm auch die Zeit bei McLaren. "Ich habe sehr viel Zeit in der Fabrik und im Simulator verbracht, außerdem rede ich viel mit den Ingenieuren und absolviere jede Menge Medientermine. Sie versuchen wirklich, dich so gut wie möglich auf die Formel 1 vorzubereiten."

Doch auch Kevin Magnussen galt einst als ein kommender Weltmeister. 2014 begann der Däne seine Formel-1-Karriere ebenfalls bei McLaren - in spektakulärer Manier. Gleich beim ersten Rennen stand Magnussen auf dem Podium, rückte durch die Disqualifikation von Daniel Ricciardo sogar auf Platz zwei vor. Für McLaren war es das bislang letzte Podium, für Magnussen wohl das erste und letzte zugleich. Nach nur einem Jahr wurde Magnussen vom Einsatz- zum Ersatzfahrer degradiert, dann ganz aussortiert. Ron Dennis soll ihn an seinem Geburtstag über den Rauswurf in Kenntnis gesetzt haben.

Dennis hat aus Magnussen gelernt und vertraut seinen Schützlingen nicht mehr blind. Deshalb geht McLaren nicht mit Fernando Alonso und Stoffel Vandoorne in die Formel-1-Saison 2017, sondern mit einer 'innovativen 3-Fahrer-Strategie', wie es in der offiziellen Pressemitteilung heißt. Jenson Button muss seinen Hut nehmen, darf ihn aber noch in der McLaren-Garderobe hängen lassen. Der Weltmeister von 2009 legt 2017 ein Sabbatjahr ein und kommt möglicherweise 2018 wieder als Stammfahrer zurück. Auf jeden Fall wird er aber auch 2017 aktiv ins Tagesgeschehen von McLaren involviert sein. Button soll im Simulator sitzen, Testfahrten absolvieren und als Repräsentant zu einigen Rennen kommen. Im Notfall kann er auch für Alonso oder Vandoorne einspringen.

McLaren kein einfaches Pflaster

Viele würden nicht darauf wetten, dass Stoffel Vandoorne in der Formel 1 scheitert. Aber McLaren war zuletzt ein schwieriges Pflaster für junge Piloten. Nicht nur Kevin Magnussen musste erleben, was es bedeutet, bei einem Team zu fahren, das den eigenen Ansprüchen weit hinterherhinkt. Auch Sergio Perez kann ein Lied davon singen. Der Mexikaner kam 2013 als heiße Aktie von Hinwil nach Woking. Dreimal stand Perez in der Vorsaison mit Sauber auf dem Podium, selbst Ferrari wollte den Mexikaner - allerdings erst 2014, weshalb er sich für McLaren entschied. Die falsche Entscheidung, kann man rückblickend sagen.

Nach einem Jahr wechselte er zu Force India und fährt dort deutlich erfolgreicher. McLaren ist das einzige Team, mit dem er nicht auf dem Podium stand. "Letztendlich hat mich McLaren nach diesem Jahr fallenlassen", sagte Perez im Interview mit Motorsport-Magazin.com. "McLaren war in diesen Tagen sehr politisch mit den Problemen, die Ron [Dennis] und Martin [Whitmarsh] hatten. So ein schwieriges Auto und so eine schwierige Zeit zu haben - das ist natürlich schlecht für die Atmosphäre und erzeugt Spannung." McLaren ist kein einfaches Pflaster.

McLaren setzt 2017 auf eine 3-Fahrer-Strategie - Foto: McLaren
McLaren setzt 2017 auf eine 3-Fahrer-StrategieFoto: McLaren

Doch es gibt auch noch eine andere Möglichkeit für Jenson Button, in die Formel 1 zurückzukommen. "Um das klarzustellen: Ich beende meine Karriere definitiv noch nicht! Ich habe für 2017 und 2018 einen Vertrag", sagt Button seit der Verkündung ganz gerne. Und die Chance, 2018 wieder im Cockpit zu sitzen, ist tatsächlich gegeben. Denn Button ist nicht nur die Notlösung für Stoffel Vandoorne, sollte der in der kommenden Saison nicht einschlagen. Fernando Alonsos Vertrag läuft Ende 2017 aus. Der zweifache Weltmeister macht keinen Hehl daraus, seine Karriere nach der kommenden Saison zu beenden.

Alonso macht die aktuelle Formel 1 - angeblich unabhängig von der McLaren-Performance - nicht mehr so viel Spaß wie einst. Dem Spanier geht es zu sehr um Benzin- und Reifensparen. Ändert sich das durch die neuen Regeln 2017 nicht, ist Alonso weg. Auch dann braucht McLaren wieder einen Fahrer - Jenson Button stünde bereit. Mit seiner Erfahrung und aufgrund seiner Aktivitäten 2017 wäre er auch noch voll im Saft. Button hätte 2017 wohl auch bei Williams fahren können. Felipe Massa verkündete zwei Tage vor der Bekanntgabe der 'innovativen 3-Fahrer-Strategie' sein Karriereende.

Doch während Williams bei den Gehaltsvorstellungen von Button schluckte, wird er bei McLaren für seine reduzierten Dienste 2017 und 2018 wohl mehr als ordentlich entlohnt. Zudem ist Williams vor dem Regelumbruch eine große Unbekannte, größer als McLaren-Honda. Während es bei McLaren und bei Honda aufwärts geht, ist der Trend bei Williams gegenläufig. Die Williams-Boliden punkten seit der Hybrid-Ära mit effizienter Aerodynamik, nicht aber mit viel Abtrieb. Genau darum geht es aber 2017. Für Button und McLaren ist die 'innovative 3-Fahrer-Strategie' eine elegante Lösung - für Stoffel Vandoorne zusätzlicher Druck.

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