Die Ausgangslage für den Großen Preis von Ungarn war für Kimi Räikkönen mit dem 14. Startplatz alles andere rosig. Der Finne und seine Ferrari-Crew hatten angesichts der schlechten Überholmöglichkeiten auf dem Hungaroring also nur wenig zu verlieren, und entschieden sich deshalb für einen Taktik-Poker. Mit einer antizyklischen Strategie fand sich Räikkönen bald in Gesellschaft von Teamkollege Sebastian Vettel und den beiden Red Bull wieder. Sein Vorwärtsdrang wurde erst im Schlussspurt von einem äußerst entschlossenen Max Verstappen gestoppt.

Nach dem verpatzten Qualifying haben Räikkönen und Ferrari in Ungarn ohne Frage mehr als nur Schadensbegrenzung betrieben. Für den 36-Jährigen hätte es aber sogar noch weiter nach vorne gehen können, wäre da nicht Verstappen gewesen. "Ich hatte mich beim ersten Überholversuch dazu entschieden, es auf der linken Seite zu versuchen, und dann ist mir Verstappen vorgefahren", so Räikkönen gegenüber Motorsport-Magazin.com.

Räikkönen hatte gegen Rennende die schnellste Pace - Foto: Sutton
Räikkönen hatte gegen Rennende die schnellste PaceFoto: Sutton

Räikkönen hatte in Runde 50 seinen letzten Boxenstopp eingelegt und sich dabei für den Supersoft-Reifen entschieden. Nach dem Reifenwechsel fand er sich einige Sekunden hinter dem Fünftplatzierten Verstappen wieder. Der Niederländer war auf dem Soft-Reifen unterwegs, den er bereits zwölf Runden früher aufgezogen hatte. Mit dem schnelleren und frischeren Reifensatz, hatte Räikkönen die Lücke zu Verstappen in wenigen Runden geschlossen.

Verstappen-Aktion für Räikkönen grenzwertig

Mit Hilfe des DRS schaffte es Räikkönen im ersten Sektor, sich in Schlagdistanz zu bringen. Die ersten Versuche, in Kurve 2 außen am Red-Bull-Piloten vorbeizugehen, schlugen fehl. Kurz darauf krachte es an gleicher Stelle zwischen den beiden Rivalen, als Räikkönen erneut zum Überholen ansetzte und Verstappen die Tür zumachte. "Wenn du dich beim Angriff für eine Linie entschieden hast, kannst du nicht einfach abbrechen. Ich habe ihn dann zum Glück nur ein bisschen erwischt, aber dabei fast meinen Frontflügel verloren", sagte Räikkönen.

Trotz beschädigtem Frontflügel hatte Räikkönen immer noch die schnellere Pace und war wenig später erneut drauf und dran, einen Überholversuch auf Verstappen zu wagen - dieses Mal am Ende der Start- und Zielgeraden. Verstappen machte im letzten Moment innen die Tür zu und Räikkönen musste ausweichen, um eine weitere Kollision zu vermeiden. "Die Situation war ähnlich wie die Erste. Ich habe wieder versucht, ihm auszuweichen, und es hat gerade so geklappt. Es waren zwei Situationen und meiner Ansicht nach, war sein Verhalten in beiden nicht korrekt", fügte Räikkönen an.

Räikkönen war mit Verstappens Methoden nicht einverstanden - Foto: Sutton
Räikkönen war mit Verstappens Methoden nicht einverstandenFoto: Sutton

Ferrari steht hinter Räikkönen

Unterstützung erhielt Räikkönen während und nach dem Rennen von seinem Team. "Kimi ist einer der fairsten Fahrer im Feld, und es war nicht fair, wie sich das Auto vorne verhalten hat", sagte Sebastian Vettel. Auch Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene übte Kritik an Verstappens Verhalten: "Die Regeln besagen, dass eine Bewegung zum Verteidigen der Position in Ordnung ist. Wir waren uns alle einige, dass wir bei Verstappen zwei Bewegungen gesehen haben."

Arrivabene beschwerte sich bei der Rennleitung - Foto: Sutton
Arrivabene beschwerte sich bei der RennleitungFoto: Sutton

Nachdem sich Räikkönen während des Rennens recht ausführlich im Boxenfunk beschwert hatte, wandte sich der Ferrari-Kommandostand an die Rennleitung. "Wir haben uns dann bei Charlie Whiting gemeldet und er hat gesagt, dass sie sich die Bilder angeschaut und nur eine Bewegung gesehen haben", so Arrivabene.

Verstappen und Red Bull sehen keinen Grund für die Kritik

Der 18-jährige Niederländer konnte die Aufregung über sein Zweikampfverhalten nicht nachvollziehen. "Ich glaube, es war ganz normal. Es ist immer am Limit, aber das gehört dazu", sagte Verstappen. Für den Youngster ging es dabei auch um mehr, als nur die Position in dem Rennen. "Wir kämpfen gegen Ferrari schließlich in der Meisterschaft, da geben wir unsere Position nicht einfach her", fügte er an.

Auch Verstappens Teamchef Christian Horner sah keinen Grund für die Kritik von der Ferrari-Box: "Max hat nicht mehr als einmal die Linie gewechselt und ist dann seine Linie gefahren. Ich habe das für fair gehalten. Es war zwar hart, aber da haben wir schon schlimmere Geschichten gesehen, zum Beispiel mit Rosberg und Hamilton."

Verstappen sah keinen Anlass zur Kritik an seinem Verhalten - Foto: Sutton
Verstappen sah keinen Anlass zur Kritik an seinem VerhaltenFoto: Sutton

Alternativ-Taktik rettete Räikkönen

Die Tatsache, dass Räikkönen es überhaupt so weit nach vorne geschafft hatte, lag einzig an der Risikobereitschaft der Ferrari-Strategen. Durch die frühen Boxenstopps der Konkurrenz, wurde Räikkönen bereits früh auf den fünften Platz nach vorne gespült.

Zu Beginn des Rennens hing Räikkönen zunächst im Mittelfeld fest - Foto: Sutton
Zu Beginn des Rennens hing Räikkönen zunächst im Mittelfeld festFoto: Sutton

Im Zuge dessen traf er sich auch erstmals im Rennen mit Verstappen, der in Runde 16 seinen ersten Stopp absolviert hatte und zu seinem Leidwesen hinter Räikkönen zurück auf die Strecke kam. Dort sollte er bis zu Räikkönens ersten Reifenwechsel auf die Supersoft-Mischung in Runde 29 auch verharren. "Wir hatten zwei unterschiedliche Pläne und haben uns dann für einen entschieden, nachdem wir mehr über die Reifen wussten und darüber, wie das Rennen verläuft", so Räikkönen

Räikkönen bezog dadurch schon nach seinem ersten Boxenstopp vor Rennhälfte den sechsten Platz, den er schlussendlich auch im Ziel innehaben sollte. Angesichts der Pace, die der Ferrari heute hatte, zeigte sich der Finne mit Schadensbegrenzung allerdings nicht vollends zufrieden: "Wir hatten heute einen guten Plan und ein sehr gutes Auto. Wir haben so mehr oder weniger das Maximum herausgeholt. Wenn ich an Max vorbeigekommen wäre, wäre noch eine Position drin gewesen. Aber Platz sechs ist schon ein bisschen enttäuschend, weil das Auto gut lief."