Mit mehr als 100 GP-Starts zählst du schon fast zu den alten Hasen im Zirkus. Wie würdest du deine persönliche Entwicklung in der Formel 1 beschreiben? Von den frühen Tagen bei Sauber bis heute.
Sergio Perez: Es ging wirklich hoch und runter. Ich musste wahrscheinlich den harten Weg lernen. Als ich in die Formel 1 kam, hatte ich eine tolle Zeit bei Sauber. Das war eine große Möglichkeit für mich. Ich mag das Team sehr gerne, deshalb ist es nicht schön anzusehen, was jetzt mit ihnen passiert, denn ich habe noch gute Freunde dort und weiß, wie schwierig es jetzt für sie ist. Ich habe wahrscheinlich die besten Jahre von Sauber genossen.

Perez musste schon in seinem ersten Jahr einen heftigen Unfall wegstecken - Foto: Sutton
Perez musste schon in seinem ersten Jahr einen heftigen Unfall wegsteckenFoto: Sutton

Mein erstes Jahr war gut, ich habe sehr viel gelernt. Leider hatte ich meinen Unfall, der mein Jahr etwas schwieriger gemacht hat. Nachdem ich mich nach ein paar Wochen von meinem Unfall erholt hatte, war ich unter Druck, wieder ins Auto zu kommen. Es war mein erstes Jahr und ich hatte Angst, dass mir jemand mein Cockpit wegschnappen würde. Deshalb war es wichtig, schnell wieder ins Auto zu steigen.

Durch die Erfahrung des ersten Jahres hatte ich im zweiten Jahr viel mehr Selbstvertrauen. Deshalb konnte ich auch sehr gute Ergebnisse mit dem Auto und dem Team einfahren. Mit drei Podiumsplatzierungen war das eine großartige Saison, aber ich war noch immer unbeständig, ich war nicht so stabil.

Wenn du von Unbeständigkeit sprichst: Meinst du dich selbst als Fahrer oder die Pace des Autos?
Sergio Perez: Sowohl, als auch. Wir hatten ein paar Lichtblicke beim Speed, aber es war kein Auto, mit dem man konstant aufs Podium fahren konnte. Jedes Mal, wenn wir aufs Podium gefahren sind, lag es an der Strategie oder am Reifenmanagement. Das Auto war vom puren Speed her nicht dazu imstande, aufs Podium zu fahren. Bei den drei Podiumsplatzierungen bin ich nur in Malaysia in den Top-10 gestartet! Es war nicht einfach, ich war noch immer unerfahren, aber ich bin als Fahrer gewachsen.

2012 war ein großartiges Jahr, viele große Teams haben sich für mich interessiert. Auch Mercedes hatte Interesse, wenn Lewis nicht dorthin gewechselt wäre. Ferrari auch, aber dort wäre erst 2014 ein Cockpit frei geworden. 2013 konnten sie mir keinen Vertrag anbieten. Zu dieser Zeit war ich Teil der Ferrari Driver Academy, aber dann kam McLaren. Martin [Whitmarsh] hat massive Überzeugungsarbeit geleistet. Er hat mir gesagt, dass sich die Regeln ja nicht ändern und wir um den Titel fahren würden.

Aber als ich dann zu McLaren ging, haben wir sehr schnell gemerkt, dass dieses Auto die Front des Ferrari, den Mittelteil des Red Bull und das Heck des McLaren hatte. Sie haben versucht, ein perfektes Auto zu bauen. Ich erinnere mich noch, als wir das Auto zum ersten Mal auf die Strecke gebracht haben. Jenson [Button] ist in Jerez gefahren und wir haben die Aufhängung verkehrtherum eingebaut - und waren auf Platz 1! Wir dachten alle: Was passiert hier? Das erzählt die ganze Geschichte dieses Jahres. Es war so ein unbeständiges Auto.

Nach dem zweiten oder dritten Rennen haben wir überlegt, ob wir zum Vorjahres-Boliden zurückkehren. Wir sind beim neuen Auto geblieben und haben noch immer geglaubt, wir könnten damit Rennen gewinnen. Es hat mich viel Zeit gekostet, bis ich mit dem Auto klargekommen bin, weil es so unbeständig war. Wir haben jedes Mal das Setup von Freitag auf Samstag geändert, in der Hoffnung, es besser zu machen. Das war sehr schwierig für mich.

Hülkenberg und Perez blicken auf 100 Rennen zurück: (05:01 Min.)

Bereust du es heute, zu McLaren gegangen zu sein und nicht auf Ferrari gewartet zu haben?
Sergio Perez: Im Nachhinein ist es einfach zu sagen. Ich bereue nichts. Ich habe in diesen Tagen bei McLaren extrem viel gelernt, sie haben mich stark gemacht. Nicht nur als Fahrer, auch als Person. Es waren schwierige Zeiten, aber ich habe sie bewältigt und ich bin stolz. Dank diesem Jahr bei McLaren bin ich die Person und der Fahrer, die ich heute bin. Ich bin in allen Aspekten viel stärker. Nicht viele Fahrer auf der Welt hätten diese Probleme bewältigt.

Letztendlich hat mich McLaren nach diesem Jahr fallenlassen. Ich bin zu Force India gegangen und es war großartig, um das zu überkommen. Es war sehr schwierig für mich, zu realisieren, dass ich keinen Job mehr hatte und kein Cockpit für die Zukunft. Force India hat mir eine riesen Chance gegeben und im dritten Rennen mit dem Team stand ich auf dem Podium. Von da an bin ich gemeinsam mit dem Team sehr stark gewachsen.

Fühlst du dich bei Force India nun wohler als bei McLaren?
Sergio Perez: Ja, das tu ich. Es ist nie einfach, der Druck ist ziemlich hoch. Wir sind in diesem Business alle unter Druck. Aber McLaren war in diesen Tagen sehr politisch mit den Problemen, die Ron [Dennis] und Martin [Whitmarsh] hatten. So ein schwieriges Auto und so eine schwierige Zeit zu haben - das ist natürlich schlecht für die Atmosphäre und erzeugt Spannung.

Perez durchlebte bei McLaren eine harte Zeit - Foto: Sutton
Perez durchlebte bei McLaren eine harte ZeitFoto: Sutton

Du hast lange Zeit als Paydriver gegolten. Hat dir Geld in deiner Karriere geholfen oder war es teilweise hinderlich?
Sergio Perez: Es hat mir natürlich geholfen. Ohne das Geld wäre ich nicht hier. Das gilt aber für jeden hier. Wenn Ron Dennis nicht an das Talent von Lewis Hamilton geglaubt hätte, wäre er niemals hier. Ich bin Telmex und anderen Sponsoren sehr dankbar. Aber es gibt scheinbar einen Unterschied, ob Carlos Slim auf dich setzt oder Mercedes.

Bevor ich in die Formel 1 gekommen bin, wurde ich immer als Paydriver bezeichnet. Aber ich glaube, ich habe es in meinem ersten Rennen gezeigt, dass das nicht der Fall ist. Es gibt ein paar Paydriver hier, die ohne Bezahlung kein Cockpit hätten. Ich bin sehr glücklich, die Sponsoren und das Interesse aus Mexiko zu haben, aber wenn ich das nicht hätte, wären, so glaube ich, noch immer einige Teams an mir als Fahrer interessiert.

Es gab vor einem Jahr diese Kommentare von deinem ehemaligen Teamchef Peter Mücke. Er hat von betrunkenen Autofahrten und Unfällen erzählt, von einer chaotischen Wohnung und so weiter. Du hast damals schon gesagt, dass das alles komplett falsch ist. Aber würdest du trotzdem sagen, dass du dich in deiner Karriere persönlich so ein wenig entwickelt hast? Von einer - sagen wir Mal mexikanischen oder südländischen - Herangehensweise hin zu einem hochprofessionellen Formel-1-Fahrer?
Sergio Perez: Diese Aussagen sind einfach komplett falsch. Ich war und werde nie so sein. Ich bin ein sehr stolzer Mexikaner und ich liebe meine Kultur. Ich liebe es, mir verschiedene Kulturen anzusehen, man lernt von allem. Ich glaube aber nicht, dass es irgendetwas mit Kultur zu tun hat, ob es die richtige oder die falsche Herangehensweise ist. Ich glaube, es ist weniger das Verhalten an sich. Ich weiß jetzt aber, wie ich das Maximum aus mir herausholen kann. Nicht jeder Fahrer ist wie Michael Schumacher. Ich glaube, kein Fahrer ist der gleiche wie Michael. Jeder Fahrer findet seinen eigenen Weg, das Maximum aus sich herauszuholen.

Perez genießt die Unterstützung aus der Heimat - Foto: Sutton
Perez genießt die Unterstützung aus der HeimatFoto: Sutton

Was meinst du mit 'nicht jeder Fahrer ist wie Michael Schumacher'?
Sergio Perez: Ich weiß nicht genau, wie Michael war, aber vielleicht musste er 24/7 arbeiten, um sein Maximum herauszuholen. Es gibt andere Fälle wie Lewis, der um die ganze Welt reist. Das ist sein Weg, wie er sich wohl fühlt. Es gibt andere Leute wie Jenson, die Triathlon-Wettbewerbe bestreiten. Jeder einzelne Fahrer hier ist unterschiedlich. Ich habe gelernt, dass man einen Fahrer nicht dazu zwingen kann, in einer gewissen Weise zu funktionieren. Jeder Fahrer findet seinen eigenen Weg, das Maximum aus sich herauszuholen, wenn er ins Auto steigt. Das ist das wichtigste: Seinen eigenen Weg finden. Für einen Rennfahrer ist es wichtig, sich so früh wie möglich selbst zu finden.

Du hast jetzt schon mehrmals gesagt, dass es wichtig ist, man selbst zu sein. Lewis [Hamilton] hat ja schon öfter erzählt, dass er das bei McLaren nicht sein konnte. Wie ging es dir dort?
Sergio Perez: Ja, das ist so. Sie wollen, dass du ein McLaren-Prototyp bist. Ich bin mir sicher, dass sie sich inzwischen geändert haben. Sie können Fernando nicht dazu zwingen, ein McLaren-Prototyp zu sein [lacht], oder auch Jenson. Die Fahrer haben ihren eigenen Weg. Das ist wichtig in der Formel 1. Man muss die Fahrer ihren eigenen Weg finden lassen und sie nicht dazu zwingen, so zu sein, wie man sie haben will.

Mehr Interviews im Motorsport-Magazin

Du willst mehr solche Exklusivinterviews lesen? Dann sichere dir drei Ausgaben unserer Printausgabe von Motorsport-Magazin.com zum Vorzugspreis. Darin findest du in jeder Ausgabe neben interessanten Interviews auch spannende Hintergrundgeschichten, Technikerklärungen, History-Erlebnisse, spektakuläre Hochglanzbilder und noch viel mehr. Worauf wartest du noch? Sichere dir das Motorsport-Magazin preiswerter, früher als im Einzelhandel und bequem zu dir nach Hause!