Zugegeben: Einen kleinen Schönheitsfehler hatten die Rennen der Formel-1-Saison 2016. Nämlich den Sieger. Dreimal der gleiche, dreimal war sein Sieg nicht wirklich in Gefahr. In Melbourne wäre er das gewesen, hätte Ferrari taktisch nicht ins Klo gegriffen. Doch dahinter gab es bei allen Rennen reichlich Action. In China fast zu viel, um das Rennen noch komplett mitverfolgen zu können.

Einen Großteil des starken Racings 2016 haben wir den neuen Reifenregeln zu verdanken. In den Top-10 des Grand Prix gab es fünf verschiedene Strategien. Im vergangenen Jahr waren es noch zwei verschiedene. Bevor wir näher auf den China GP eingehen, ein wenig Theorie.

2016 gibt es eine Reifenmischung mehr als 2015. Dazu dürfen die Teams zehn Reifensets für das Wochenende frei auswählen, zuvor wurden alle 13 Sets von Pirelli vorgegeben. Auch wenn die Reifenregeln an sich komplex aussehen, ist es im Rennen dann ganz einfach: Von den drei zur Verfügung stehenden Mischungen müssen zwei gefahren werden - that's it.

MSM TV - Erklärt: So funktionieren die neuen Reifen-Regeln: (07:03 Min.)

Ein Rechenbeispiel zeigt, warum die Rennen dadurch so viel variabler werden. Gehen wir von einem Ein-Stopp-Rennen in China aus. Mit den alten Reifenregeln gab es nur zwei Möglichkeiten. Die Teams konnten hier lediglich wählen, ob sie mit dem Soft oder mit dem Medium beginnen. Je nachdem wie der erste Stint gewählt wurde, war der zweite Bestimmt. Weil die ersten zehn beim Start-Set fast festgelegt sind, gibt es bei einem Ein-Stopp-Rennen eigentlich keine Wahl mehr.

Mit den neuen Regeln gibt es theoretisch am Start drei Möglichkeiten: Supersoft, Soft und Medium. Im zweiten Stint gibt es dann noch immerhin zwei Möglichkeiten. Somit gibt es 3 x 2 Möglichkeiten. Im Fall der Top-10 meistens immerhin noch 1 x 2.

Anzahl der möglichen Strategien

1 Stopp 2 Stopps 3 Stopps
2 Reifenmischungen
Theoretisch 2 x 1 = 2 2 x 2 x 1 = 4 2 x 2 x 2 x 1 = 8
Realistisch 1 x 1 = 1 1 x 2 x 1 = 2 1 x 2 x 2 x 1 = 4
3 Reifenmischungen
Theoretisch 3 x 2 = 6 3 x 3 x 2 = 18 3 x 3 x 3 x 2 = 54
Realistisch 1 x 2 = 2 1 x 3 x 3 = 9 1 x 3 x 3 x 2 = 18

Realistisch: Die Top-10 müssen auf den Reifen aus Q2 ins Rennen starten. In der Regel kommt hier nur eine Reifenmischung in Frage.

Je mehr Stopps es gibt, desto größer wird der Unterschied zwischen alten und neuen Reifenregeln. Mit jedem zusätzlichen Stopp werden die Möglichkeiten mit den Faktoren 2, respektive 3 multipliziert. In der Theorie ergibt das bei einem Drei-Stopp-Rennen heute 54 mögliche Strategien. Mit den alten Regeln waren es acht.

Natürlich sind am Wochenende nicht mehr alle Optionen offen, die zuvor getroffene Reifenwahl entscheidet hier mit. Wie groß die Variabilität nun ist, zeigt auch Pirellis Strategie-Vorhersage. Der Reifenhersteller schickt am Samstag die theoretisch schnellsten Strategien an die Medienvertreter. Pirelli schlug zwei Varianten vor, die gleich schnell sein sollten. Am Ende fuhr kein Pilot in den Top-10 diese Strategie. Nur ein Fahrer im gesamten Feld - Pascal Wehrlein - hielt sich an die Vorgabe. Das Safety-Car brachte die Strategien etwas durcheinander, aber so extrem nicht.

Nur vier der 22 Fahrer beendeten den China GP mit zwei Stopps: Nico Rosberg, Felipe Massa, Fernando Alonso und Marcus Ericsson. Die meisten Piloten gingen auf eine Drei-Stopp-Strategie. Eigentlich auch Lewis Hamilton, obwohl der Brite insgesamt fünfmal zum Reifenwechsel kam.

Reifenstrategie der Top-10

Start 2. Stint 3. Stint 4. Stint 5. Stint 5. Stint
Rosberg Su Sn (20) Mn (36)
Vettel SSu SSn (4) Sn (17) Sn (35)
Kvyat SSu Sn (4) Sn (19) Mn (35)
Ricciardo SSu Sn (3) Sn (19) Mn (37)
Räikkönen SSu Sn (1) Mn (14) Sn (37)
Massa Sn Sn (19) Mn (31)
Hamilton Sn Sn (19) SSn (5) Sn (6) Su (21) Mn (30)
Verstappen SSu Sn (4) Mn (20) Sn (39)
Sainz SSu Sn (4) Sn (19) Mn (33)
Bottas SSu Sn (4) Sn (21) Mn (30)

SS - Supersoft
S - Soft
M - Medium
n - new, neu
u - used, gebraucht
(XX) - Runde des Reifenwechsels

Hamilton wechselte das erste Mal nach Runde eins Reifen, weil es den Wechsel zum Nulltarif mit dem Nasenwechsel gab. Als das Safety-Car wenige Runden später rauskam, wechselte er erneut. Eine Runde später gleich noch einmal: Weil Hamilton ohnehin schon am Ende des Feldes war, kostete Mercedes der Zusatz-Stopp hinter dem Safety-Car nichts. Hamilton fuhr nur eine Runde auf de Supersofts, somit hatte er für den Rest des Rennens freie Reifenwahl.

Mercedes' Strategie-Clou geht nicht auf

Eigentlich hätte Mercedes Hamilton dann zweimal auf Soft rausgeschickt, allerdings hatte sich der Brite beim Zwischenfall in Kurve eins einen Reifen beschädigt, weshalb er nicht mehr genügend Soft-Sätze hatte. Im letzten Stint musste Hamilton somit mit Medium fahren.

Die vielen Optionen bei der Reifenstrategie erleichterten beim China GP die Aufholjagden. Hamilton alleine überholte 18 Autos auf der Strecke. Auch Vettel, Räikkönen und Ricciardo überholten viel und kämpften sich durchs Feld. Es gibt schwierigere Strecken zum Überholen als Shanghai, aber im letzten Jahr gab es definitiv weniger Action. Sebastian Vettel und Nico Rosberg können ein Lied davon singen.

Wer meint, unterschiedliche Strategien verlagern die Action auf die Box, irrt. Das mag bei Boxenstopps mit Nachtanken der Fall sein, nicht aber bei Reifenwechsel. Weil fast alle drei Mal stoppten und dabei unterschiedliche Reifenwahlen trafen, trafen sich die Piloten öfter auf der Strecke.

Verstappen fliegt auf Soft an Sainz vorbei

Bestes Beispiel: die beiden Toro Rossos. Im gleichen Auto, direkt nebeneinander gestartet, wählten Max Verstappen und Carlos Sainz leicht unterschiedliche Reifenstrategien. Bis zum zweiten Stopp waren beide auf der gleichen Strategie. Dann wechselte Sainz in Runde 19 auf Soft, Verstappen eine Runde später auf Medium.

Im letzten Stint drehten die Red-Bull-Junioren den Spies um: Sainz ging in Runde 33 auf Medium, Verstappen in Runde 39 auf Soft. Lagen Sainz und Verstappen in Runde 18 noch 6 Sekunden mit Vorteil Sainz auseinander, konnte Sainz auf den Soft-Reifen den Abstand auf nur 10 Sekunden vergrößern, weil er den Vorteil der weicheren Reifen im Verkehr nicht ausspielen konnte. Auf den Supersofts flog Verstappen dann an Sainz heran. In Runde 47 hatte er den gesamten Vorsprung abgeknabbert und überholte seinen Teamkollegen.

Vettel überholt dank weicher Reifen Kvyat

Anderes Beispiel: Vettel gegen Kvyat. Am Start kam der Russe am Ferrari-Piloten mit der berüchtigten Aktion vorbei, Vettel verlor weitere Positionen im Getümmel. In Runde 21 begegneten sich Vettel und Kvyat wieder auf der Strecke. Vettel konnte zwar an Kvyat dran bleiben, für ein Überholmanöver reichte es aber nicht.

In Runde 35 kamen beide gleichzeitig zum Stopp und verließen in gleicher Reihenfolge die Boxengasse wieder. Der einzige Unterschied: Während Vettel für den letzten Stint Soft-Reifen aufzog, wählte Kvyat Medium. Der Russe hatte keinen Satz Soft mehr übrig. Daraus konnte Vettel Kapital schlagen und schnell an ihm vorbeigehen. Fraglich, ob es auf der gleichen Reifenmischung für ein Überholmanöver gereicht hätte.

Man mag argumentieren, dass Überholmanöver wie jene von Vettel oder Verstappen mit ungleichem Material zustande gekommen sind, aber im Vergleich zu DRS ist es nicht künstlich. Der Hinterherfahrende hat keinen Vorteil, den Vorteil macht die Strategie.